Nicht mit einem solchen Ausmaß gerechnet

Fotograf nach Flut im Rahmedetal: „Es sah aus, als sei da ein Tsnunami durchgerollt“

mercedes
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Ein Bild mit Symbolcharakter: Das Wasser hat einen Mercedes von der Altenaer Straße mitgerissen. Er blieb zwischen Zaun und Garage stecken.

Fotograf Cornelius Popovici bekam am Mittwochabend einen Anruf von einem Freund. Ob er nicht einmal nach seinen zwei Lagerhallen an der Rahmedestraße schauen könnte, er selbst sei in Kierspe-Bollwerk eingeschlossen. Popovici sagte zu und dokumentierte dabei mit seiner Kamera auch die Zustände am Mittwochabend.

Lüdenscheid – Am nächsten Morgen kehrte er zurück – diesmal im Auftrag der Redaktion. Jan Schmitz sprach mit Cornelius Popovici über seine Eindrücke.

Du bist am Mittwochabend von Lüdenscheid aus die Altenaer Straße entlanggefahren. Was war Dein erster Eindruck?
Ich wollte für den Freund nur seine Lagerhallen überprüfen und machte mich auf den Weg. Ich telefonierte gerade mit ihm, als vor mir ein Auto auftauchte, auf das ein Baum gefallen war. Der Fahrer stand daneben. Er hatte Riesen-Glück. Etwa 500 Meter weiter liefen enorme Wassermengen quer über die Straße in den Fluss Rahmede hinein. Das Wasser stand auf der Fahrbahn schon einen halben Meter hoch. Das war mir zu gefährlich, und ich kehrte um. Im Nachhinein sind mir die vielen Lkw auf der Altenaer Straße aufgefallen. Ich glaube, sie haben noch das Nötigste aus den Firmen in Sicherheit gebracht.
Hattest Du mit einer solchen Situation gerechnet?
Ich wusste von dem Starkregen und den Schäden in Altena, aber als ich losgefahren bin, hatte ich nicht mit einem solchen Ausmaß gerechnet. Da sind unglaubliche Wassermassen den Berg heruntergekommen, obwohl es zu dem Zeitpunkt gar nicht regnete. Es war auch ein bisschen surreal, wie die Leute sich gegenseitig Handyvideos von überfluteten Straßen zeigten, obwohl sie selbst schon im Wasser standen. Als es für mich nicht mehr weiterging, konnte mir gar nicht vorstellen, wie es flussabwärts aussieht. Mein Freund hat mir dann später ein Video geschickt, das Nachbarn seiner Lagerhalle für ihn aufgenommen hatten. Die Halle war völlig überflutet, das Wasser hat sogar riesige Überseecontainer weggeschwemmt.
Am nächsten Morgen warst Du wieder auf der Altenaer Straße unterwegs. Wie hast Du es erlebt?
Dramatisch. Je weiter man in Richtung Altena gekommen ist, umso schlimmer wurde es. Es sah aus, als sei da ein Tsunami durchgerollt. Überall lag Schutt und Geröll auf der Straße, der Asphalt war stellenweise weggebrochen. Autos ohne Nummernschilder standen kreuz und quer herum. Sie waren offenbar von den Wassermassen weggespült worden. Die Leute entlang der Straße waren verzweifelt. Ich habe mit einigen gesprochen, alle haben Existenzsorgen, hatten Angst, dass sie auf den Schäden sitzen bleiben. Auf der Treppe vor einem Wohnhaus saß eine Frau. Sie hatte die Hände vors Gesicht geschlagen und weinte. Aus Respekt vor ihrem Leid und ihrer Trauer habe ich sie nicht fotografiert.
Wie weit bist Du diesmal gekommen?
Deutlich weiter bis auf Altenaer Stadtgebiet. Irgendwann türmten sich allerdings rechts und links von der Fahrbahn etwa zwei Meter hohe Schuttberge auf, und in der Durchfahrt fehlte der Asphalt. Das war mir zu gefährlich. Ich habe dann das Auto stehen gelassen und bin zu Fuß weitergegangen. Irgendwann ging mir aber das Wasser fast bis zu den Knien, und dann bin endgültig umgekehrt. Ich hatte ja keine Gummistiefel dabei.
Wie denkst Du mit einem Tag Abstand über das Erlebte?
Ich habe als Fotograf schon viele schlimme Unfälle gesehen, aber da ist man vorbereitet. Man weiß, dass man gleich etwas Tragisches sehen wird. So etwas wie am Donnerstag hab ich noch nicht erlebt, gerade in dem Ausmaß und dass es so viele Leute gleichzeitig betrifft. Man kann sich das nicht vorstellen. Man sieht Videos von den Überflutungen im Fernsehen. Nur diesmal ist es nicht weit weg, sondern man fährt fünf Minuten von seinem Zuhause und kommt in ein Gebiet, wo man denkt, da sind Bomben eingeschlagen. Als ich am Donnerstag vor Ort war, war zwar das meiste Wasser weg, aber man bekam eine Vorstellung davon, mit welcher Wucht das Wasser hier durchgeflossen ist und alles mitgerissen hat.
Was ist für Dich die eindrücklichste Erinnerung aus dem Rahmedetal?
Neben der weinenden Frau vor ihrem Haus war es das Bild vom weißen Mercedes zwischen Zaun und Garage. Ich frage mich einfach, wie ist er dahingekommen, wie hoch muss das Wasser gestanden haben? Und dann erinnere ich mich gut an die Männer, die am Morgen danach erschöpft vor ihrem Restaurant gemeinsam Bier tranken. Ich habe sie gefragt, wie es drinnen aussieht. Sie sagten: „Jetzt besser!“ und lachten. Was mich berührt hat: Sie haben in diesem Moment trotz des Schicksalsschlags echte Zuversicht ausgestrahlt.
Der Fotograf Cornelius Popovici schildert seine Eindrücke

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