„Forensik ist nicht die Vorhölle“

LÜDENSCHEID - Seit 18 Jahren leidet die Frau auf der Anklagebank an psychotischen Schüben. Nach einer Hirn-OP und traumatischen Beziehungserlebnissen mit Folgen wie Magersucht und Selbstverletzungen ist die heute 42 Jahre alte Frau abwechselnd manisch und depressiv. Mitunter hält sie sich für die Schöpferin der Welt.

Von Olaf Moos

Sie hat ihre Mutter fast bis zur Bewusstlosigkeit gewürgt – und bedroht ihre Umwelt mit wüsten Ankündigungen. Der Vater (75) hält zu ihr. „Hier sitzt meine Tochter auf der Anklagebank. Und wo sind die Ärzte aus der Psychiatrie?“

Einer von ihnen sitzt im Zeugenstand. Und zieht sich den Unmut der Vorsitzenden Richterin zu. Heike Hartmann-Garschagen fragt den 46-jährigen Psychiater, ob es ein „probates Mittel“ sei, Patienten tage- und nächtelang auf dem pausenlos beleuchteten Stationsflur unterzubringen, mit Bett, Nachttischchen und gepacktem Koffer.

Der Fall

Die 42 Jahre alte Beschuldigte soll Ende April versucht haben, in der Psychiatrie Hellersen eine Mitpatientin mit einem Nylonstrumpf zu erdrosseln. Die seelisch schwer kranke Frau gibt an, sich an die Tat nicht erinnern zu können. Der Staatsanwalt hält die gelernte Anstreicherin für allgemeingefährlich und will sie in einem Sicherungsverfahren auf unbestimmte Zeit in einer psychiatrischen Klinik unterbringen lassen.

Die Antwort des zeitweise hilflos wirkenden Arztes: „Kann ich im Detail nicht nachvollziehen.“ Und ob es im Fall der Beschuldigten so gewesen ist. „Könnte sein.“ Und von dem Versuch der 42-Jährigen, eine Mitpatientin mit einem Strumpf zu erdrosseln, habe er sowieso nichts mitgekriegt.

Auch Staatsanwalt Klaus Knierim ist nicht gut auf den Mediziner zu sprechen. Denn auf die Frage, warum er eine „solche Straftat von einigem Gewicht“ erst drei Tage später zur Anzeige gebracht hat, sagt der Psychiater stockend, er habe habe sich zuerst mit seinem Chef und dann mit dem gesetzlichen Betreuer der Frau abstimmen müssen. „Ich bin rechtlich nicht so bewandert.“ Knierim: „Das ist schon sehr ungewöhnlich.“

In der Forensik in Lippstadt-Eickelborn herrschen offenbar geordnetere Verhältnisse. Hier jedenfalls werde ihr „sehr gut geholfen“, sagt die Patientin – mit Depotspritzen, Tagesstruktur, sozialen Kontakten, Freizeitgestaltung und Psychotherapie. Ein Psychiater sagt dazu: „Forensik ist nicht die Vorhölle. Bei uns kann man ganz gut leben.“

Chronologie des Falles:

- Tag 1: „Nie daran gedacht, jemanden zu töten“

- Tag 2: Prozess gibt Blick auf die Welt der Psychiatrie

Trotzdem strebt die blasse Frau mit den langen Haaren den Weg zurück in die Freiheit an. Sie habe „inzwischen eine Krankheitseinsicht entwickelt“, sagt ein Psychologe. Ob nach dem Prozess ambulantes betreutes Wohnen für sie in Frage kommt, hängt überwiegend davon ab, wie zuverlässig sie ihre Medikamente einnimmt – oder sich verbreichen lässt.

Und wie das Gericht die Gefahrenprognose bewertet. Das Schwurgericht wird dafür nicht nur die Tat in Hellersen sondern auch den Angriff auf die eigene Mutter in die Waagschale legen.

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