Folge des Diesel-Skandals

Sie könnten noch jahrelang fahren: Diese Autos im Top-Zustand werden verschrottet

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Winterreifen inklusive: „Ein schönes Familienauto“, sagt Sandra Manß über den VW Touran von 2006.

Lüdenscheid - Mercedes-Benz, Audi, VW– die Marken sind namhaft, die Autos keine zehn Jahre alt und sie haben Tüv. Doch obwohl diese Fahrzeuge noch jahrelang weiterfahren könnten, werden sie wie Schrott behandelt. Der einzige Grund: Sie haben einen Diesel-Motor.

Wer wissen will, welche Folgen das Diesel-Paket hat, das Bundesregierung und Autohersteller geschnürt haben, findet Antworten auf den Lüdenscheider Schrottplätzen

Dort landen die sogenannten „Abwracker“ – Fahrzeuge, die die Kunden bei den Autohäusern abgeben, um die herstellerabhängige Umweltprämie zu bekommen. Je nach gewähltem Neufahrzeug kann die Prämie bis zu 10.000 Euro betragen. Einige Hersteller verlangen dafür allerdings die Verschrottung des Altfahrzeugs. 

(Im Textfeld in der Bildergalerie findet Ihr Details zu den Autos)

Diese Diesel-Pkw werden in Lüdenscheid verschrottet

Seit vergangenem Sommer wurden allein bei der Autoverwertung Lüdenscheid und der Autoverwertung Schmidt mehr als 120 eingetauschte Diesel-Fahrzeuge abgegeben. Noch nie seien die Schrott-Autos so hochwertig gewesen wie seit den Umweltprämien, heißt es unisono. 

Beim Gang über die Lüdenscheider Schrottplätze fallen die „Abwracker“ sofort auf. Sie könnten auch von Besuchern dort abgestellt worden sein. 

Diese gut 14 Jahre alte Mercedes C-Klasse Limousine muss Abdel Abu Mohammad „verwerten“.

Beim Autoverwerter Schmidt gegenüber vom Obi-Markt an der Brunscheider Straße steht ein gut ausgestatteter Audi A3 Sportback mit 154 000 Kilometern auf dem Tacho. Gut 7 000 Euro wäre er auf dem freien Markt noch wert. Hier ist es Schrott. 

Blick ins Interieur eines Audi A3 Sportback. Geschätzter Wert: rund 7 000 Euro.

Sogar 11.500 Euro wäre mit dem Opel Adam von 2014 ein paar Meter zu erlösen – Schrott. Auch am Renault Megane von 2010 oder dem Megane Kombi von 2011 mit 95.000 gelaufenen Kilometern ist kein Kratzer zu entdecken – Schrott. 

Renault Megane im Top-Zustand mit 95.000 Kilometern auf dem Tacho: Auch dieser Diesel muss verschrottet werden.

Mit dem SUV Kia Sorento von 2006 ist der Halter erst 135 000 Kilometer gefahren – auch dieses Fahrzeug muss verschrottet werden.

„Traurig. Das tut mir in der Seele weh. Es ist schade um die schönen Autos“, sagt Abdel Abu Mohammad. Sein Mitarbeiter Ahmed El Saleh schüttelt nur den Kopf: „Viel zu schade zum Verschrotten. Einige Autos würde ich gerne selbst fahren.“ 

Abdel Abu Mohammad mit einem Ford Focus. 

Doch die Vorgaben sind streng. Mit der Annahme des Altfahrzeugs verpflichten sich die Lüdenscheider Autoverwerter, die Pkw fach- und sachgerecht auseinanderzunehmen. Viele Komponenten wie Motor, Kotflügel, Lichtmaschinen werden als Ersatzteil weiterverkauft, was übrig bleibt, wird zusammengepresst. 

"Will Deutschland die ganze Welt retten?"

Abdel Abu Mohammad findet es richtig, die Luftqualität in den Städten zu verbessern und die Diesel sauberer zu machen: „Umweltschutz ist wichtig. Aber warum nur in Deutschland? Will Deutschland die ganze Welt retten?“, fragt er. 

Die Autos, die er nun verschrotten muss, seien in Frankreich und Spanien noch gefragt – aber auch bei Familien in Deutschland, die sich keinen Neuwagen leisten können

„Diese Autos fehlen gerade den jungen und armen Familien“, meint auch Sandra Manß, Inhaberin der Autoverwertung Lüdenscheid und SPD-Ratsfrau. 

Sie befürchtet einen Effekt wie nach 2009, als durch die Abwrackprämie viele Altfahrzeuge vom Markt verschwanden. Damals seien die Preise für Gebrauchtwagen gestiegen, sagt Manß. 

Einige Teile sind schon ausgebaut. Den top ausgestatteten Audi A4 von 2007 muss Sandra Manß am Ende aber verschrotten.

„Ich bekomme derzeit Autos, die ich frühernur als Unfallwagen hatte“, berichtet die Lüdenscheiderin von einem gut zehn Jahre alten Audi A4, den sie entsorgen musste: „Der Audi hatte erst vor zwei Monaten eine neue Tüv-Plakette erhalten. Allein das Öl hat 200 Euro gekostet.“ Auch die Mercedes-Benz C-Klasse-Limousine von 2009 ist ihr nachhaltig in Erinnerung geblieben. 

Der Gang über den verschneiten Schrottplatz an der Dammstraße fördert aber auch aktuell einige Schätze zutage. Der Suzuki Grand Vitara von 2009 mit Top-Ausstattung ist erst 107.000 Kilometer gefahren. Bei der Mercedes-B-Klasse von 2008 hat das Ausschlachten schon begonnen. 

Diesel-Fahrzeuge warten auf Ende des Autolebens

Im nahezu perfekten Zustand sind zwei Jaguar S-Type von 2007. Ein Stück weiter wartet ein Audi A4 Cabrio von 2005 auf das Ende seines Autolebens; ebenso wird es einem intaktem Fiat Scudo und einer Audi A4-Limousine von 2007 ergehen. 

Sandra Manß schmerzt diese Form der Autoverwertung – nicht nur, weil durch das Überangebot auch die Preise für Ersatzteile in den Keller gegangen sind. 

Ihrer Ansicht nach sind die Neuwagen auch nicht weniger umweltschädlich als die alten Karossen: Bei den Herstellungs-Emmissionen würden die Wege der Einzelteile, die aus der ganzen Welt angeliefert werden, nicht einberechnet. 

Klare Meinung zur Umweltprämie: "Blödsinn!"

Zudem seien in jüngeren Modellen mehr elektronische Geräte verbaut als früher. In den Steuergeräten kämen Metalle der Seltenen Erden zum Einsatz, deren Förderung umweltschädlich sei. 

Manß: „Die Umweltbilanz passt nicht. Die Auto-Herstellung heute ist schmutziger als die von meinem alten Mercedes W124 von 1992.“ Ihr Kombi habe die Herstellungskosten schon lange wieder eingefahren. 

Die SPD-Ratsfrau sieht sich als engagierte Umweltschützerin. Zur Umweltprämie hat sie dennoch eine klare Meinung: „Blödsinn!“. „Wir müssen Umweltschutz neu denken.Es kann doch nicht sein, dass in Hamburg in zwei Straßen Diesel-Fahrverbote gelten und ein Stück weiter die Container-Schiffe einlaufen“, sagt Manß. 

Natürlich müsse etwas passieren, aber doch nicht so. Manß: „Neun Prozent der klimaschädlichen Treibhausgase verursachen Fortbewegungsmittel. Da sind Schiffe und Flugzeuge schon dabei. 19 Prozent geht auf die Massentierhaltung zurück. Da ist ab und zu ein Veggie Day sinnvoller als Diesel-Fahrverbote.“ 

"Konjunkturprogramm für die Automobilindustrie"

  • Um künftig Fahrverbote für Diesel zu vermeiden und Schadstoff-Emmissionen zu verringern, haben sich Bundesregierung und Autohersteller 2018 auf ein Diesel-Paket geeinigt. 
  • Während die vereinbarten Hardware-Nachrüstungen noch auf sich warten lassen, bieten fast alle Hersteller beim Kauf eines Neuwagens derzeit Umtauschprämien an. 
  • Um die Prämie zu erhalten, müssen Kunden bei einigen Angeboten die Verschrottung eines Diesel-Fahrzeugs mit Abgasnorm Euro 1 bis Euro 5 nachweisen
  • Der ADAC kritisiert die Prämien als„Konjunkturprogramm für die Autoindustrie“. Die derzeit tiefe Verunsicherung bei den Autofahrern dürfe nicht zu vorschnellen Entscheidungen führen. 
  • Im Gespräch mit unserer Zeitung wurde Thomas Müther vom ADAC Nordrhein deutlich: „Gerade in ländlichen Gegenden sollte man zunächst die persönliche Mobilitätssituation prüfen und sich fragen: Wäre ich wirklich von Diesel-Fahrverboten betroffen? Wenn man nicht in Städte wie Köln oder Essen fährt, kann man seinen Diesel in jedem Fall behalten. Und auch dort ist es ja noch unklar, ob es überhaupt zu Fahrverboten kommt.“

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