Wunder von Wettringhof

Kind von Fluten mitgerissen: Dramatische Rettungsaktion von Anwohnern und Feuerwehr im MK

Klaus Hartmann beobachtet, wie das Mädchen den Halt verlor
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Klaus Hartmann beobachtet, wie das Mädchen den Halt verlor.

Ein junges Mädchen wird von einer Flutwelle mitgerissen, die mit ungeheurer Kraft durch die kleine Siedlung Alt-Wettringhof in Lüdenscheid rollt. Eine dramatische Rettungsaktion beginnt.

Lüdenscheid – „Wir hörten, dass der kleine Bach über die Ufer getreten war. Das wollten wir uns anschauen. Meine Frau, mein Vater und ich sind dann von der B229 ein Stückchen die Böschung hinuntergegangen“, erzählt Klaus Hartmann am nächsten Morgen an der Stelle, wo sich das Drama ereignete. Er zeigt, wie hoch das Wasser stand, geschätzt drei Meter über dem Normalpegel. Am Donnerstagmorgen ist der Schlittenbach zurück in seinem Bett, nur wenige Stunden vorher war er zu einem reißenden Fluss angeschwollen.

KreisMärkischer Kreis
HauptstadtLüdenscheid
Einwohner408.662 (2020)

„Was machen die da?“ fragt sich Klaus Hartmann noch, als er gegen 18.30 Uhr in einiger Entfernung einen Mann und ein Mädchen beobachtet. Offenbar beeindruckt von den Naturgewalten, treten sie immer näher an die Flutwelle heran. Die Füße stehen schon im Wasser, als plötzlich der durchnässte Boden nachgibt. Kind und Mann verlieren den Halt, stürzen in die Fluten und werden mitgerissen, berichtet der Augenzeuge. Es besteht akute Lebensgefahr.

Das Hochwasser in Alt-Wettringhof in Lüdenscheid.

Hartmann steht auch am Tag danach noch unter dem Eindruck der Ereignisse. Als das Mädchen wegrutscht, greift er zu seinem Smartphone, ruft sofort die Polizei. „Die Dame erwiderte, dass alle Kräfte im Einsatz sind. Da habe ich ihr nur gesagt: Die ersaufen hier“, berichtet der 33-Jährige. Auf die Einsatzkräfte zu warten, ist für ihn, Frau Sandra und Vater Klaus Dieter Hartmann keine Option. Sie wissen, dass sie etwas tun müssen. Klaus und Sandra rennen die paar Meter zurück zur B229 und folgen den Hilfeschreien aus dem Bachlauf bis nach Augustenthal.

Die Stelle, wo das Mädchen abrutschte.

Unterdessen hat sich Klaus Hartmanns Vater Klaus Dieter an der Kreuzung nach Wettringhof postiert, um die gerufenen Einsatzkräfte in Empfang zu nehmen, als plötzlich aus dem Nichts ein Feuerwehr-Auto auftaucht, das von Rosmart den Berg herunterfährt.

Die Kameraden der Freiwilligen Feuerwehr Halver leisten an diesem Abend mit ihrem Gerätewagen Logistik überörtliche Hilfe in Werdohl. Wettringhof liegt auf ihrem Weg zum nächsten Einsatz in Kleinhammer, wo sie eine Firma mit Sandsäcken schützen sollen. Als sie vom 69-jährigen Klaus Dieter Hartmann herangewunken werden, halten sie an. Er unterrichtet sie darüber, dass ein kleines Mädchen ins Wasser gefallen ist. Über das Telefon werden die Retter schließlich nach Augustenthal gelotst.

Dort spitzt sich die Situation zu. Während der herbeigerufene Vater am Ufer steht, kämpfen der Mann und das Mädchen immer noch im Wasser um Halt und um ihr Leben. Völlig erschöpft klammern sie sich an einen Baum. Die Feuerwehrleute reagieren sofort. „Die Rettung von Menschenleben geht immer vor“, sagt ein Mitglied aus der sechsköpfigen Gerätewagen-Besatzung, das namentlich nicht genannt werden will. Wenig später hält ein zufällig vorbeikommender Wagen der Feuerwehr Plettenberg ebenfalls, unterstützt die Halveraner Kameraden.

Die Einsatzkräfte müssen improvisieren. Sie klemmen eine Leiter oberhalb der Wasseroberfläche zwischen zwei Bäume. Die Konstruktion dient dabei als Geländer, vor das sich der Retter durch die Wassermassen drücken lässt. An Leinen gesichert schwimmt und watet ein Feuerwehrmann schließlich zu den Verunglückten. Zuerst wird das Mädchen aus den Fluten gezogen, dann auch der erschöpfte Lebensretter. Das Kind ist unterkühlt und hat eine Platzwunde davongetragen. Es wird im Krankenhaus behandelt.

„Da kamen viele Faktoren zusammen. Die Ersthelfer haben sehr gute Arbeit gemacht und dann ist es auch reiner Zufall gewesen, dass wir in dem Moment dort vorbeigekommen sind. Da haben viele Engelchen das Richtige gemacht“, freut sich der Halveraner über den glücklichen Ausgang.

Am Donnerstag ist die Kleine wieder zurück bei ihrer Familie in Alt-Wettringhof. Dort hat sich das Wasser inzwischen zurückgezogen und gibt den Blick auf das ganze Ausmaß der Schäden frei. Die Anwohner beseitigen Schlamm und Wasser aus Kellern und Wohnungen. Das Drama um das Nachbarsmädchen haben hier alle mitbekommen. „Wir haben gedacht, sie ist tot“, sagt eine Anliegerin sichtlich bewegt. Dass sie überlebt hat, ist für viele, die die reißende Flutwelle im Dorf erlebt haben, ein Wunder.

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