Flüchtlingskinder mit schwerkranker Mutter brauchen Hilfe

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Für Flüchtlinge sieht Lüdenscheid anders aus.

LÜDENSCHEID - Zani (Name geändert) ist 19, bildhübsch und macht am Raithelplatz gerade ihr Fachabitur. Ein junger und unbeschwerter Mensch, sollte man meinen. Doch Zanis Zukunft sieht anders aus als die ihrer Mitschüler. Wieder einmal.

Als ihre Eltern 1993 als Flüchtlinge aus Armenien nach Deutschland kamen, war Zani ein Baby. Fortan musste sie fast ihr ganzes Leben in Lüdenscheider Asylheimen verbringen. Mit den drei jüngeren Geschwistern wuchs sie unter Menschen auf, die buchstäblich die Probleme der ganzen Welt mitbrachten. Armut, Enge, Lärm in den Heimen, auch Gewalt in der Nachbarschaft, das kennt Zani von klein auf.

Obwohl sie Lüdenscheider Kinder sind, lebten sie in ihrer Geburtsstadt immer nur auf Abruf. Das ließ man sie auch im Alltag spüren: „In der Schule hieß es oft: Ihr kommt ja aus dem Asylantenheim!“ Hat sie denn nie eine Freundin nach Hause eingeladen? Da muss Zani zum ersten Mal lächeln: „Hierher?“ Das käme ihr nie in den Sinn. 2007 war es so weit: Der Vater wurde nach Armenien abgeschoben. Frau und Kinder reisten ihm nach – und erlebten das bitterarme Herkunftsland wiederum als Außenseiter: „Hier sind wir Asylanten, dort die Deutschen.“

Die Kinder gingen zur Schule, doch Fuß fasste die Familie nie: „Wir konnten ja Sprache und die Schrift nicht richtig“, erzählt Zani. „Auch sonst war alles anders als hier, das ganze Leben ohne Ordnung. Und Arbeit gibt es nicht.“ Nach Monaten lud eine Tante aus dem Westen Russlands die Mutter und ihre vier Kinder ein, bei ihr auf dem Dorf zu leben, der Vater blieb in Armenien bei seinen pflegebedürftigen Eltern. In Russland lebte die Familie drei Jahre lang in tiefer Armut, bis gar nichts mehr ging.

Da packte die Mutter ihre Siebensachen und reiste mit den Kindern zurück nach Deutschland, nach Lüdenscheid. Für die Kleinen ging es wieder nach Hause, trotz allem. In Lüdenscheid kamen sie erstmal bei einer befreundeten Familie unter und stellten einen zweiten Asylantrag. Das war 2010. Wieder ging es für die Kinder in ihrer Heimatstadt in eine „Übergangsunterkunft“. Diesmal ins Untergeschoss, die beiden Schlafzimmer liegen neben dem Gemeinschaftskeller mit den Waschmaschinen.

Weil sie aus der Gemeinde St. Joseph und Medardus Unterstützung erhielt, ließ sich die Familie von Pfarrer Johannes Broxtermann taufen. Im Juli 2012 erkrankte die Mutter an einem bösartigen Hirntumor, einem Glioblastom. In den drei Wochen nach ihrer Operation in der Uniklinik Essen sorgte Zani für ihre Geschwister. Sie tut es bis heute, denn die Mutter kann es nicht mehr. Sie erhält eine Chemotherapie, fünfmal im Monat. Zeitweilig saß sie im Rollstuhl, bis heute ist sie geschwächt, kann kaum gehen und keine Treppe steigen. Ihr Pflegebett steht in einem der beiden Zimmer.

Zani, die den Haushalt besorgt, schläft jede Nacht bei ihr, auf der Couch. Als die Amtsärztin des Medizinischen Dienstes kürzlich erfuhr, dass es in den Wohnräumen im Keller nicht einmal Warmwasser gab, schlug sie Alarm. Seit kurzem ist nun ein Boiler installiert. Vorher hatten die Kinder die Mutter zum Waschen im Rollstuhl außen ums Haus zum Hintereingang geschoben. „Im Winter ging das aber nicht. Da haben wir das Wasser in Töpfen aus dem Bad im Erdgeschoss runtergeschleppt, um Mama zu waschen.“ Wie sie das dann machten? – „Mit feuchten Handtüchern.“

Die Amtsärztin habe noch gesagt, dass die immungeschwächte Mutter gar nicht neben einem Waschkeller leben dürfte. A propos leben:144 Euro die Woche erhält die Familie vom Amt, dazu 395 Euro im Monat für Schulsachen, Kleidung, Hygieneartikel. „Wir gehen jeden Freitag zur Lüdenscheider Tafel“, sagt Zani leise. Und die Tafel tut, was sie kann, um die Familie zu versorgen, berichtet Hanni Bethge. Aber für diese Familie müsse doch mehr passieren.

Immerhin steht seit Mittwoch fest: Alle fünf erhalten eine Aufenthaltserlaubnis. Nach dem Fachabi, sie steht zwischen 1 und 2, wollte Zani studieren, „aber das geht nicht mehr. Ich muss für Mama und die Kleinen da sein.“ Wenn sie sich etwas wünschen dürfte, wäre das eine Ausbildung in der Nähe, etwas im Büro. Dann endlich eine normale Wohnung und Nachhilfen für die kleineren Brüder. Die Nachhilfe organisierte der gemeinnützige Verein Glücksbringer dank des Ideal-Bildungszentrums an der Corneliusstraße. Dort hieß es, dass man auch einer begabten jungen Frau, die trotz unsäglicher Umstände ein gutes Fachabi schafft, helfen müsste. Der Vater kann das nicht mehr. Er starb vor vier Wochen in Armenien.

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