Eine gelebte Weihnachtsgeschichte

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Michael Wirth in seinem Büro: „Der wichtigere Geburtstag kam, wenn es langsam dämmerig wurde.

Lüdenscheid - „Für den Abend Leute einzuladen, hat natürlich keinen Zweck. Die haben alle was anderes vor.“ Ansonsten hat der Heilige Abend als Geburtstag keine größeren Nachteile, eher im Gegenteil, findet Michael Wirth, der am Mittwoch wieder Freunde zum Geburtstagsbrunch begrüßen wird.

Als Kind hatte der 24. Dezember zuhause in Halver bei Wirths ohnehin klare Strukturen. Michaels Geburtstag wurde morgens und mit Geschenken den Tag über gefeiert. „Der wichtigere Geburtstag kam, wenn es langsam dämmerig wurde.“ Und Geschenke gab’s dann nochmal. „Da haben meine Eltern drauf geachtet.“

Eine Weihnachtsgeschichte mit dem Leiter der Flüchtlingsberatung des Diakonischen Werks und bekennendem Rockmusiker zu schreiben, ist eine recht facettenreiche Angelegenheit. Es geht um Matthäus, Kapitel 25 („Ich war fremd – und ihr habt mich aufgenommen“), aber auch ein bisschen um Led Zeppelin und die chinesische Ein-Kind-Politik. Und um Wirths persönliche Einschätzung, dass „Heiligabend gar nicht so romantisch war. Josef und die schwangere Maria, die mussten ja abhauen“, schwenkt er auf den Kern der Weihnachtsgeschichte, die letztlich auch seinen Lebensweg bestimmt hat.

Nach 29 Jahren Arbeit mit Flüchtlingen aus aller Welt, aktuell aus etwa 30 Nationen und mit 300 Fällen, sieht Wirth die Beratungsstelle als „einen Ort des Schutzes. Aber den können nicht das Team und ich alleine herstellen. Da muss noch etwas dazu kommen.“

In der englischsprachigen Bibel, die im Regal übrigens neben dem Koran steht, blättert er nach den Fundstellen, nach der Bergpredigt und nach den Seligpreisungen. „Ich bin ein gläubiger Mensch“, sagt er von sich, und der Schlüsselsatz, „ich war Fremder – Ihr habt mich aufgenommen“ sei der erste und wichtigste Schritt bei der Begegnung mit den Schutzsuchenden, die in sein kleines Büro an der Graf-von-Galen-Straße kommen.

„Ich bin ja nicht vorurteilsfrei, weil ich diesen Job mache“, räumt Wirth ein. Aber es gehe darum, jeden Menschen persönlich wahr- und ernstzunehmen. „Was würden wir uns denn erhoffen, wenn wir ausgebombt, verarmt und verzweifelt in einem fremden Land Zuflucht suchen müssten?“

Und deshalb kümmert er sich gerade zum Beispiel um eine chinesische Familie. Die hat mehr als ein Kind, was sie aber per Gesetz nicht darf. In verkürzter Form: Würde auch der Junge abgeschoben, wäre er in China voraussichtlich von jeder weiterführenden Bildung ausgeschlossen und vom geregelten Zugang zum Gesundheitssystem. Das aber dürfe Deutschland mit seiner Kinderschutzgesetzgebung gar nicht zulassen, hat ein Verwaltungsgericht in Thüringen entschieden. Jetzt fehlt noch ein Antrag auf Zusammenführung der Familie. „Ist das nicht ein schönes Weihnachtsgeschenk?“, fragt Wirth. - flo

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