Flüchtlinge: Lüdenscheider Tafel fühlt sich allein gelassen

Hanni Bethke ist besorgt über die Situation der Tafel.

Lüdenscheid - „Am Dienstag war’s die Katastrophe hoch drei. Der Zustrom wird jeden Tag größer und die Flüchtlinge akzeptieren einfach keine Frau. Meine Kolleginnen waren dem Zusammenbruch nahe.“ Hanni Bethke, zweite Vorsitzende der Lüdenscheider Tafel, sieht den Grenzbereich der Einrichtung erreicht.

Dienstags, donnerstags und freitags werden die Lebensmittel bei der Tafel an der Altenaer Straße ausgegeben. „Dann ist das Depot schwarz von Menschen.“

Früher standen 65 Personen vor der Tür, heute sind es 85 – Tendenz steigend. „Wir rechnen jeden Empfänger auf einen vierköpfigen Haushalt hoch. Dann kommen wir inzwischen auf 340 Bedürftige.“ Wenn die Flüchtlinge die Notunterkünfte verlassen und eigene Wohnungen bezogen haben, sind sie auf sich gestellt. „Alle wissen, dass wir die einzige Anlaufstelle sind.“ Die erste Adresse bei der Versorgung sei zugleich das letzte Glied in der Kette bei der Unterstützung. „Hilfe erhalten wir von keiner Seite. Darüber hat sich offensichtlich kein Mensch Gedanken gemacht. Die Altersstruktur der Kolleginnen liegt zwischen 60 und 80 Jahren. Und nur eine jüngere Helferin spricht Englisch, alle anderen verständigen sich mit Händen und Füßen.“ Dabei ist die Tafel heute ein babylonisches Sprachgewirr: Arabisch, Englisch, Serbisch, Tigrinya.

Normalerweise ließen die Helferinnen zehn bis 15 Menschen ins Depot und machten dann die Tür zu. Doch das werde als Signal nicht verstanden und von den Frauen ließen sich die Flüchtlinge nicht zurückweisen. „Solchen Zuständen ist die Tafel nicht gewachsen. Die Belastung der Kolleginnen ist begrenzt. Wir könnten in dieser Situation dringend den einen oder anderen männlichen Helfer gebrauchen.“

Hinzu komme, dass es nicht mehr genügend Lebensmittel-Spenden gebe. Vor allem an Milchprodukten mangelt es. Milch, Joghurt, Quark und Käse landeten in den Containern der Supermärkte statt in den Regalen der Tafel. Auch Süßigkeiten für die Kinder lägen nicht bereit. „Wir haben keine Plätzchen und keine Schokolade.“

Beschwerden der Stammklientel oder gar feindselige Bemerkungen gegenüber den Flüchtlingen gebe es dennoch nicht. „Wir achten auf eine gerechte Verteilung und bevorzugen oder benachteiligen niemanden“, unterstreicht Bethke. „Sonst ginge es rund. Jeder kann sehen, was der andere im Korb hat.“ So müssten halt alle mit etwas weniger auskommen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare