Flüchtling aus MK will arbeiten: "Ich will kein Bittsteller mehr sein"

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„Egal wo. Ich muss Arbeit finden!“ Kfz-Mechatroniker Khalil Kraydieh hofft auf ein Bleiberecht.

Lüdenscheid - Ein 36 Jahre alter Flüchtling aus dem Libanon hat es geschafft, trotz fehlender Aufenthaltserlaubnis in Lüdenscheid eine Berufsausbildung zum Kfz-Mechatroniker abzuschließen. Doch wenn er nicht schleunigst einen Job findet, wird er mitsamt seiner Familie abgeschoben. 

In der Küche der kleinen Wohnung, Friedrich-Wilhelm-Straße, tropft leise ein Wasserhahn. Die Unruhen im Libanon sind weit weg. Sie sollen es bleiben. Khalil Kraydieh (36) will, dass seine Frau und die beiden Söhne „ein ganz normales Leben“ haben, wie er sagt. 

Dafür kämpft er – seit viereinhalb Jahren. Und er ist ganz kurz vor dem Ziel. Er sagt, er sei in Lüdenscheid einer der ganz wenigen Flüchtlinge, die es geschafft haben, eine Berufsausbildung ohne Aufenthaltserlaubnis abzuschließen. So kurz vor dem Ziel ist er – und doch so nah vor der drohenden Abschiebung. 

Es gibt frische Kekse und Wasser. „Das beste Wasser der Welt, aus dem Sauerland“, sagt er lächelnd und schenkt nach. Seit er wegen des blutigen Kampfes zwischen verfeindeten islamischen Religionsgemeinschaften ein paar Habseligkeiten zusammenpackte und mit seiner Familie floh, hat er viel geschafft. Obwohl er als Libanese von vornherein keine Chance auf Asyl hatte. So sagten es ihm die Leute von der Ausländerbehörde. 

Doch damit hat sich Khalil nicht abgefunden. Die Ankunft in Dortmund am 4. Januar 2016, der Asylantrag, die Verlegung in eine Unterkunft in Willich im Kreis Viersen, der Transport nach Lüdenscheid, drei Wochen in der ehemaligen Grundschule Schöneck, dann Umzug ins Flüchtlingsheim an der Gartenstraße, von da aus in ein beengtes Zimmer der ehemaligen Jugendherberge am Nattenberg – die Familie Kraydieh, damals noch zu dritt, kennt das Gefühl der Abhängigkeit zu gut. 

„Immer nur zu Hause“ 

Khalil, ein Kerl wie ein Klotz, an einer libanesischen Uni als Wirtschaftsinformatiker ausgebildet und sieben Jahre als Finanzbuchhalter tätig, reicht die Keksschale rüber und sagt: „Ich will nicht mehr als Bittsteller leben!“ 

Über die Flüchtlingsberatung des Diakonischen Werks und die Deutsche Angestellten-Akademie schafft er es, einen Praktikumsplatz zu ergattern – 4000 Kilometer fern der Heimat und meilenweit von einer Aufenthaltsgenehmigung entfernt. 

Autohändler Alfons Wigger von der Heerwiese – „der beste Arbeitgeber überhaupt“ – gibt dem freundlichen Fremden eine Chance. Drei Monate später ist Khalil Lehrling und beginnt, für seine Prüfungen als Kfz-Mechatroniker zu pauken. „Ich bin abends nicht weggegangen, war nur zu Hause, habe mich voll auf meine Ausbildung konzentriert.“ 

Offiziell ist er nun „geduldet“. 

Ausbildung verkürzt 

Nebenbei büffelt er mit seiner Frau die neue Sprache, kratzt die Prüfungsgebühren für den Deutsch-Kursus B1 zusammen, hält Kontakt zu einem treuen Freund, Franz Schacht, ehemaliger Lehrer am Zeppelin-Gymnasium, „der ist wie ein zweiter Vater für mich“, sagt Khalil. 

Und dann stellt er schon wieder einen Antrag, diesmal auf Verkürzung der Ausbildung. Die Zwischenzensuren in der Berufsschule – „Notendurchschnitt 1,3“ – und die betrieblichen Leistungen sowie seine akademische Vorbildung reichen dafür aus. 

Um ein Haar verliert Khalil Kraydieh dann doch seinen Ausbildungsplatz. Doch Wigger, der seinen Betrieb einem Nachfolger übergibt, lässt seine Beziehungen spielen. Der Mann aus dem Libanon landet an der Weststraße, bei Kfz-Meister Siegfried Helbig und dessen Sohn Sascha – und startet von Neuem durch. „Ich war so sehr dankbar für diese Chance.“ 

Und er nutzt sie. Auf seinem Abschlusszeugnis nach der Gesellenprüfung zum Kraftfahrzeugmechatroniker steht die „Gesamtnote Gut“. Khalils zweiter Sohn wird in Lüdenscheid geboren. 

Sein älterer Junge, Fouad, besucht die Realschule, „ein Zweier-Kandidat“, sagt der Vater stolz. 

Keine einzige Antwort 

So beruhigend die Entwicklung auf den ersten Blick wirken mag, so eng wird es nun für die Familie. Die Duldung durch die Ausländerbehörde war befristet. Die Übernahme bei Autoservice Helbig kam nicht zustande. „Wenn ich keine Arbeit finde, werden wir Ende des Jahres abgeschoben.“ 

Die religiösen Konflikte im Libanon dauern an. Der kleine Sohn weiß davon nichts, er wirbelt durch die Küche und hält seine Mutter auf Trab. Leonardo heißt er. 

Zwölf Bewerbungen habe er nach seiner Abschlussprüfung verschickt, sagt der 36-jährige Familienvater. „Keine einzige Antwort habe ich gekriegt, noch nicht mal Absagen.“ Und dass er auch in der Industrie arbeiten oder sogar gerne eine Ausbildung zum Lokführer machen würde. 

Aber die Gesetzeslage sei klar. „Ich muss genau in dem Beruf arbeiten, in dem ich meinen Abschluss gemacht habe. Sonst ist es das Ende.“ Doch Resignation, dafür sei er kein Typ, sagt der Mann aus dem Nahen Osten. Und Vorwürfe zu erheben, das erlaubt der Familienvater sich nicht. 

Im Gegenteil: „Ich will mich bei allen bedanken, die mir geholfen haben.“

 „So eine nette Familie“ 

Dazu gehören „der beste Arbeitgeber überhaupt“, Alfons Wigger – mitsamt seinem Werkstattmeister und dem Karosseriebauer, außerdem das Team vom Autoservice Helbig an der Weststraße, „so eine nette Familie“, dazu gehören auch Lehrer des Berufskollegs für Technik am Raithelplatz, freundliche Sachbearbeiter der Bundesagentur für Arbeit, hilfsbereite Verantwortliche der Inab (Initiative Ausbildung und Beruf), einige Lüdenscheider Familien – und vor allem Khalils väterlicher Freund, Franz Schacht. 

Der pensionierte Lehrer kümmert sich ehrenamtlich um die libanesische Familie, seit sie in Lüdenscheid angekommen ist. Er sagt: „Ich bin sehr erfreut, wie zielstrebig sie sich für ihre Integration eingesetzt hat und trotz vieler frustrierender Erlebnisse ihre Hoffnung auf ein Bleiberecht nicht aufgibt.“ 

Geflüchteten Menschen beizustehen und sie „vertraut zu machen mit Dingen des Lebens, die für uns selbstverständlich sind,“ gebe einem nicht nur ein gutes Gefühl, so der Lüdenscheider. „Sondern auch einen erweiterten – teilweise kritischen – Blick auf unsere Gesellschaft und ihre Institutionen.“ 

Die süßen Kekse und das beste Wasser der Welt. Gastfreundschaft von Menschen, die unbedingt dazugehören möchten. Zwei kleine Jungen, die die Angst der Eltern vor Abschiebung spüren. Eine Frau, die fürsorglich tapfer sein will und strahlend lächeln kann. Ein Mann, dem wilde Entschlossenheit ins Gesicht gemeißelt ist. 

Eine Gesellschaft, die kaum Notiz von all dem nimmt. Ein Arbeitsmarkt, der nun auch Khalil offen steht. Eine Duldung, die Ende Dezember endet, wenn es keinen Job für ihn gibt. 

„Egal wo“, sagt Khalil. „Ich muss Arbeit finden!“ Und wird dann stumm.

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