Auf der Flucht am Lehmberg gelandet

LÜDENSCHEID - Stichtag war eigentlich der 6. März 2016. Doch die Entlassung aus dem Knast in Werl hat sich verschoben – auf den 6. März 2018. Der Angeklagte (47) nimmt es äußerlich gleichmütig zur Kenntnis. Das ist halt der Preis für gewerbsmäßigen Betrug in 22 Fällen, davon elf Versuche, und vierfache Urkundenfälschung. Und der vorläufige Endpunkt einer kriminellen Karriere, wie sie auf RTL2 nicht schöner abgenudelt werden könnte.

Von Olaf Moos

Der Lagerist, geschieden und Vater zweier kleiner Kinder, hat schon dicke Dinger gedreht. Mehrere zigtausend Euro hat er sich ergaunert. Unter falschem Namen, mit gefälschten Ausweisen und Gehaltsabrechnungen hat er bei Banken und Versicherungen Konten eröffnet und Dispokredite beantragt. Oft genug hat’s geklappt. Die Hoffnung der Bänker auf Provisionen und satte Zinserträge haben es dem Betrüger leicht gemacht. 2009 flog er für zwei Monate nach Asien, im Oktober 2010 flog er auf – und wurde eingesperrt. Und seinen ersten Hafturlaub, es war der 17. Juni 2012, nutzte er zur Flucht. Soweit die Vorgeschichte.

Dass er in Lüdenscheid landet, hat er der Freundschaft zu einem Mithäftling zu verdanken. „Komm mal vorbei, wenn du draußen bist“, soll der gesagt haben. Richter Jürgen Leichter bittet um den Namen des Freundes – vergeblich. Ganoven-Ehre.

Er kriecht in einer leerstehenden Wohnung am Lehmberg unter. Auf den Briefkasten klebt er zwei Namensschilder, eines mit seinem richtigen und eines mit einem falschen Namen. Mit dieser „Alias-Personalie“, wie Fahnder das nennen, sowie weiteren falschen Namen und Dokumenten tut der Mann fleißig das, was er offenbar am besten kann: fälschen, betrügen, Geld ergaunern, Waren bestellen, ohne Geld zu haben. Einen Job kann er nicht annehmen, „ich war ja auf der Flucht“. Rückblickend waren die vier Monate im Versteck „totaler Stress“, wie er sagt.

Vielleicht deshalb leistet er keinen Widerstand, als plötzlich die Polizei vor der Tür steht. Der Eigentümer der Wohnung hatte Lunte gerochen und die Ermittler auf die Fährte gesetzt. Sie finden einen Stapel Kredit-, Kunden- und andere Plastikkarten, hochwertige Smartphones und „viele Schriftstücke mit vielen unterschiedlichen Namen“, wie der Kripo-Mann im Zeugenstand sagt. „Er ist bei der Festnahme ganz ruhig geblieben.“

Das und sein umfassendes Geständnis sind die einzigen Pluspunkte, die Strafverteidiger Jerrit Schöll aus Bielefeld für seinen Mandanten in die Waagschale werfen kann. Auf Hafterleichterungen oder Lockerungen oder sogar eine Verkürzung der Haftzeit wird der 47-Jährige wohl vergeblich hoffen. „Während des Vollzugs zu entfleuchen und so weiterzumachen wie vorher, das ist das Schlimmste für die Strafzumessung“, sagt Amtsrichter Leichter.

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