Prozessauftakt am Landgericht

Florierender Handel mit Drogen: Lüdenscheider in internationalem Netzwerk aktiv

Rechtsanwalt mit Mandant im Gerichtssaal
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Der Iserlohner Strafverteidiger Andreas Trode und sein Mandant zu Beginn des Prozesses vor der 6. großen Strafkammer des Hagener Landgerichts.

Er ist einer der Ersten, die im Zuge eines gewaltigen Schlages der Behörden gegen die Drogenmafia ins Netz gegangen sind. Schätzungsweise mehr als 1000 EncroChat-Verfahren werden bundesweit folgen.

Lüdenscheid - Parallel zum Prozess gegen den 29-jährigen Lüdenscheider beginnt im Nachbarsaal des Landgerichts Hagen die Hauptverhandlung gegen vier weitere Männer, die das Netzwerk für ihre Drogengeschäfte genutzt haben sollen. Die Vorwürfe wiegen schwer. Es drohen Freiheitsstrafen bis zu 15 Jahren.

Angeklagter aus Lüdenscheid nicht vorbestraft

Der Angeklagte, Maschinenbediener, verheiratet und Vater zweier kleiner Kinder, ist polizeilich nie in Erscheinung getreten. Ein offiziell unbescholtener Mann – bis zum Tag seiner Verhaftung vor einem halben Jahr. Wenn es stimmt, was Staatsanwalt Christoph Bußmann ihm vorwirft, hat die Kammer unter Vorsitz von Richter Christian Potthast keinen kleinen Straßendealer vor sich. Die Rauschgiftmengen, um die es geht, sprechen eher für einen gut organisierten, professionellen Großhändler.

Dabei florierte das Geschäft des Lüdenscheiders nach Erkenntnissen der Fahnder gerade einmal zwei Monate – von Ende März bis Ende Mai 2020. In erster Linie trat der Angeklagte in dem Netzwerk demnach als Vermittler auf, fragte online an, bot zum Verkauf, bahnte Kontakte an und vergrößerte Gewinnspannen.

Für Transport und Lagerung des Stoffs, steht in der Anklage, beschäftigte er drei Helfer. Die sind offenbar identifiziert und werden „gesondert verfolgt“, wie es im Justizjargon heißt.

Was ist EncroChat? Kleine Geschichte eines dubiosen Dienstleisters

2016 ging der europäische Dienstleister EncroChat an den Markt und bot Ende-zu-Ende verschlüsselte Kommunikationsnetzwerke und Endgeräte – sogenannte Krypto-Handys – an. Weil Täter vor allem aus dem Bereich der organisierten Kriminalität das System nutzten, leitete Europol zwischen März und Juni 2020 zahlreiche Ermittlungsverfahren gegen EncroChat ein. Französische Fahnder waren zuvor in das Netzwerk eingedrungen und hatten Viren auf den Endgeräten installiert. EncroChat stellte den Geschäftsbetrieb darauf ein. Zum Zeitpunkt seiner Schließung hatte der Dienst 60 000 Abonnenten.

Es gab mehr als 1000 Festnahmen. Im September 2020 wurde bekannt, dass das Bundeskriminalamt mehrere hunderttausend Chatverläufe prüft und Ermittlungen gegen etwa 3000 deutsche Nutzer führt. In den Niederlanden wurden 19 Drogenlabore ausgehoben, mehrere Auftragsmorde verhindert und rund 100 Verdächtige festgenommen, mehr als acht Tonnen Kokain, 1,2 Tonnen Crystal Meth, Schusswaffen, teure Uhren, knapp 20 Millionen Euro und 25 Autos beschlagnahmt. omo/Quelle: wikipedia

Bußmann spricht von einem „schwunghaften Handel“. Die Liste der Verbrechen ist lang. Der Staatsanwalt rattert zehn Minuten lang Gewichtsangaben und Preise herunter. 50 Kilogramm gutes Haschisch für einen Kunden in Berlin. 135 000 Euro für die Ware, 5000 für den Transport.

50 Kilogramm Marihuana, ein Kilogramm Kokain aus Peru für den Weiterverkauf. Eine weitere Lieferung „Koks“, diesmal aus Bolivien, Preis: 36 000 Euro. 30 Liter Amphetamin-Öl zur Herstellung der synthetischen Droge, dann 5,3 Kilogramm Haze, eine hoch dosierte Cannabispflanze.

Übergabe auf Parkplatz

Übergabeorte sind unter anderem ein Wohnhaus am Buckesfeld oder der Edeka-Parkplatz Unterm Freihof, ein Kurier wird auf der A 46 von der Polizei abgefangen. Das Netzwerk der kooperierenden Händler ist profitabel. Von Dealer zu Dealer, alle unter Decknamen aktiv, erhöht sich der Preis, in einem Fall von 1500 schrittweise auf 2400 Euro pro Kilogramm Haschisch.

Bevor die Richter in die Beweisaufnahme einsteigen können, stockt die Hauptverhandlung bereits. Strafverteidiger Andreas Trode bemängelt die Abwesenheit des psychiatrischen Sachverständigen. Vor allem seien seine Akten noch lückenhaft.

Ein Gutachten des Landeskriminalamtes und aus dem Türkischen übersetzte Chatprotokolle, die zum Teil von Experten in Frankreich aus der EncroChat-Verschlüsselung dechiffriert wurden, sind für den Rechtsanwalt zur Vorbereitung seiner Verteidigungsstrategie wichtig.

Noch bedeutsamer scheint für den Iserlohner Juristen die Frage, ob das Vorgehen der ausländischen Behörden auch nach deutschen Gesetzen rechtmäßig war. Von der Bewertung dieses Umstandes hängt für Andreas Trode die Frage ab, ob die Erkenntnisse der Computerfahnder im aktuellen Strafprozess überhaupt verwertet werden dürfen.

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