Fleisch und Fusel: Kleiner Diebstahl milde geahndet

LÜDENSCHEID ▪ Es ist nur ein kleiner Prozess mit einem „kleinen Fisch“ auf der Anklagebank. Er hat bei einem kleinen Ladendiebstahl im Toom-Markt nur ganz kleine Beute gemacht: Fleisch und Fusel für 8,11 Euro. Aber das bringt seine kleine Existenz in einem Männerwohnheim noch etwas mehr durchein-ander. Strafrichter Thomas Kabus ahndet den Diebstahl mit drei Monaten auf Bewährung und 80 Sozialstunden.

Doch die gelassene Reaktion des arbeitslosen Werkzeugmachers (54) auf das Urteil zeigt: Er hat schon Schlimmeres erlebt. Trunkenheitsdelikte, Schusswaffenbesitz und eine Reihe von Diebstählen im Vorstrafenregister kennzeichnen seinen Weg an den unteren Rand der Gesellschaft. Der Richter fragt behutsam nach dem Motiv für den neuerlichen Diebstahl. „Das war einfach, weil ich kein Geld und nichts mehr zu essen und zu trinken hatte.“ Aber, hakt der Richter etwas verständnislos nach, er habe doch wegen solcher Sachen schon „gesessen“ und dann jetzt doch wieder geklaut. „Ja, ich brauchte das halt, ich hatte das Geld immer nicht.“

Das legt die Frage nach den finanziellen Verhältnissen nahe. Der traurig wirkende Mann auf der Anklagebank, Kopf gebeugt und Stimme gedämpft, berichtet, dass er Hartz-IV-Empfänger sei. Aber von seiner „Stütze“ bekomme er wöchentlich nur 48,60 Euro zugeteilt – vom Betreiber der Notunterkunft, in der er lebt. „Und wo bleibt der Rest?“, will Kabus wissen. Antwort: „Ich weiß auch nicht. Die sagen immer, das wird angespart und später mal ausbezahlt.“ Jedenfalls bleibe „fast nie was übrig“, wenn er Zigaretten, Essen, Getränke, Kleidung oder Schuhe von seinem Taschengeld kaufen müsse.

Der Vertreter der Staatsanwaltschaft plädiert für Milde – und „trotz der Vorstrafen und großer Bedenken“ für eine Bewährungschance. Und der stille Mann mit dem traurigen Blick verspricht: „Das wird mit Sicherheit nie mehr passieren.“

Olaf Moos

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