Fleisch, Bier und noch ein paar Fragen

LÜDENSCHEID ▪ Zwei Grillplatten und zwei Päckchen mit marinierten Nackensteaks liegen zwar bereit. Und 24 Flaschen Pils der Marke „Maternus Gold“ in Plastikflaschen auch – alles vom Aldi. Doch die kleine Grillparty der drei Freunde platzt. Die Polizei kommt hinzu, der atemlose Bezirksleiter von Aldi zeigt auf das Trio. „Ja, das sind sie!“ Ladendiebstahl. Es setzt Anzeigen. Und gestern ein Gerichtsurteil – zumindest gegen einen der drei. Die anderen „haben es vorgezogen, hier nicht zu erscheinen“, sagt der Vorsitzende des Schöffengerichts, Jürgen Leichter.

Die Anklage lautet auf gemeinschaftlicher räuberischer Diebstahl. Doch Oberstaatsanwalt Hans-Werner Münker muss sich mangels Beschuldigter mit einem einfachen gemeinschaftlichen Diebstahl begnügen. Denn der hagere blasse 24-Jährige, der ihm gegenüber sitzt, hat sich „nur“ das Bier geschnappt und ist abgehauen. Einer seiner Komplizen hat den „Tatort abgesichert“, wie der Ankläger sagt. Der Dritte, der Mann mit den Fleischpaketen unterm Arm, hat den Aldi-Mann bedroht. Das Verfahren gegen diese beiden Abwesenden wird abgetrennt, Haftbefehle sind beantragt.

Bleibt also der 24-Jährige. „Leider nichts gelernt“ antwortet er auf die Frage nach dem Beruf. Mit „Hartz IV“ beschreibt er seine Einkünfte. Und sein junges Leben ansonsten ist ein Trümmerfeld aus schwieriger Kindheit, zerrüttetem Elternhaus, Heimaufenthalten, Psychiatrien, ungebremstem Alkoholismus und fünf Vorstrafen. Dreieinhalb Jahre hat er gesessen, davon ein Drittel im Maßregelvollzug, um von der Trunksucht loszukommen.

Jetzt ist er auf den Hund gekommen. Nicht nur wegen des Rückfalls in alte Gaunerzeiten. Auch so: Einen Mischling hat er sich zugelegt. Mit Hunger. Also klaut er ihm – sieben Monate nach dem gescheiterten Grillfest – zwei Pakete Mettwurst für 3,98 Euro im Netto-Markt am „Knapp“. Wird erwischt, schubst den Verkäufer beiseite – räuberischer Diebstahl. Den gibt er auch zu. Seine Komplizen vom großen Coup bei Aldi verpfeift er nicht. „Tut mir leid, Herr Richter, das kann ich einfach nicht.“

Die gemeinsame Beute – Fleisch und Bier – bleibt übrigens verschwunden. Der Aldi-Mann im Zeugenstand sagt: „Ich habe nichts zurückbekommen.“ Richter Leichter zieht die Augenbrauen hoch. „Was macht denn die Polizei damit? Essen die das?“ Oberstaatsanwalt Münker winkt ab. „Ach, die haben doch keine Kühlung.“ Der Zeuge berichtet, Polizisten hätten noch zwei Sixpacks Pils „für die Spurensicherung“ mitgenommen.

Diese Fragen des Richters bleiben unbeantwortet. Der Angeklagte wird verurteilt. Ein Jahr mit Bewährung – und eine Alkoholthearapie.

Olaf Moos

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