Filmriss und ein säumiger Zeuge

LÜDENSCHEID - Zieht ein wuchtiger Schlag mit einer Schnapsflasche auf einen Schädel zwingend einen Schädelbruch oder wenigstens eine Platzwunde nach sich? Rechtsanwältin Lena Retschkemann hat am zehnten Tag des Erpresser-Prozesses gegen einen vierfachen Familienvater (28) dazu einen Beweisantrag gestellt.

Damit wollte sie einen weiteren Zeugen, der von einem Angriff ihres Mandanten mit einer Wodkaflasche berichtet hat, unglaubwürdig erscheinen lassen. Am Mittwoch, dem elften Prozesstag, scheiterte sie mit dieser Strategie.

Denn Rechtsmediziner Dr. Bernd Karger von der Uni Münster erstattete sein Gutachten zwar ohne Detailkenntnisse über den Fall, traf aber allgemeine Feststellungen aus seiner Praxiserfahrung. Welche und wie schwere Verletzungen ein Hieb mit einer vollen Flasche bewirkt, hänge von einer Vielzahl von Kriterien ab – etwa davon, wie groß die Wucht des Schlages, der Auftreffwinkel oder auch die Ausweichreaktion des Opfers sei.

Eine Beule, wie sie vom Zeugen dargestellt worden ist, sei möglich, eine „Riss-Quetsch-Wunde“ ebenso. Frakturen seien eher selten, denn: „Eher bricht das Glas, bevor der Schädelknochen bricht.“ Dr. Karger: „Ich kann nur sagen, das Nichtvorhandensein einer Wunde ist nicht erstaunlich.“

Lesen Sie mehr zum Thema:

Verteidigerin kündigt neue Beweisanträge an

Schläger vor Gericht: Er hat wie verrückt geweint

Serienverbrecher oder braver Vater: Rätsel vor Gericht

Weitere Zeugen, die angeblich belegen können, dass der Angeklagte nicht der skrupellose Gewaltverbrecher ist, als die ihn die Ankläger betrachten, sollten gestern auf Wunsch der Verteidigerin Licht in die Sache bringen. So war unter anderem ein 21-jähriger Auszubildender vorgeladen, der sich mit russischen und kasachischen Bekannten einige Male zu Saufgelagen getroffen hat.

Aber auch er kann, angesprochen auf den betreffenden Abend, nichts von einer Schlägerei berichten. „Ich habe so viel getrunken, dass ich gar nichts mehr weiß.“ Er sei am nächsten Tag mit Kopfschmerzen bei seinen Eltern aufgewacht – Filmriss.

Und noch ein Mann, von dem sich die Strafverteidigerin Entlastung für ihren Mandanten erhofft, hat Richter Dieter Krause in den Zeugenstand bestellt. Er wohnt in Stade an der Elbe und hat mit dem Richter zwecks Terminabsprache telefoniert. Doch offenbar scheut er den weiten Weg und macht lieber „blau“. Die Vernehmung fällt aus.

Der Angeklagte schweigt weiter und wirkt zunehmend niedergeschlagen. Der Prozess belastet ihn offenbar immer stärker. Ein Ende ist immer noch nicht abzusehen. Nächster Termin: 9. August. - Von Olaf Moos

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare