Briefe, die aus Lüdenscheid an Karl Wegerhoff gingen

Feldpost: Alltägliches aus dem Zweiten Weltkrieg

Feldpostbriefe: Alltägliches aus dem Zweiten Weltkrieg.

Lüdenscheid - „Es wäre schön, wenn Du einen Personenwagen fahren müsstest. Dann brauchte ich keine Angst um Dich zu haben. Ich wollte, der Krieg wäre vorbei und Du wieder bei uns.“ Diese Worte hat ein Sohn an seinen Vater geschrieben. Diesmal im Virtuellen Museum: Feldpostbriefe.

Worte wie die des Sohnes sind auch heute für viele Kinder in der Welt bittere Realität. Geschrieben wurden sie aber nicht per WhatsApp in Syrien oder einem anderen Kriegsgebiet des 21. Jahrhunderts, sondern in Deutschland, in fein säuberlicher Sütterlin-Handschrift auf Papier am 12. Juni 1940.

Die Stücke, um die wir heute das Virtuelle Museum erweitern, sind eine Sammlung von Feldpostbriefen und -postkarten und anderem Schriftverkehr der Lüdenscheider Familie Wegerhoff aus dem Zweiten Weltkrieg.

Adressat war der Familienvater Karl Wegerhoff, der 1940 und 1941 – zu der Zeit, aus der die meisten ausgewählten Briefe stammen – in Osterode in Ostpreußen stationiert war. Geschrieben haben vor allem die Ehefrau Tine und Sohn Klaus, aber auch Kameraden aus dem Turnverein und ein befreundeter Soldat.

Virtuelles Museum: Feldpostbriefe

Es gibt auch offizielle Schreiben und Dokumente, wie die Vorbenachrichtigung zur Einberufung, einen Urlaubsschein vom 19. März 1941 oder die Genehmigung, während des Dienstes die Kaserne in Osterode aus dienstlichen Gründen zu verlassen. Feldpostbriefe waren oft die einzige Möglichkeit der Angehörigen, mit den Soldaten in Kontakt zu bleiben.

Jeder Soldat hatte eine Nummer, die im zugeordnet war, so dass ihn die Briefe auch noch erreichen konnten, wenn er nicht mehr an einer vorher bekannten Adresse stationiert beziehungsweise mit der Front unterwegs war. Karl Wegerhoff hatte die Feldpostnummer 13154.

„Diese Nacht hörten wir wieder so viele Bombeneinschläge“

Die gesammelten Schriftstücke dokumentieren ganz alltägliche Dinge des Lebens, spiegeln aber auch die Sorgen der Menschen und die Hoffnung jener frühen Kriegsjahre, dass der Krieg bald vorbei sein würde.

So freute sich der Sohn 1940 über verlängerte Sommerferien, aber der Grund lässt ahnen, dass der Alltag erschreckend gewesen sein muss: „Morgen soll es schon für alle Schulen Ferien geben bis zum 19. August. Ich glaube es noch nicht. In der Zeitung steht es wohl. Wir nehmen an, weil wir so oft in den Keller müssen, deshalb werden die Ferien vorverlegt. Das wäre fein. Diese Nacht hörten wir wieder so viele Bombeneinschläge.“ (Brief vom 28. Juni 1940).

Der Sohn schreibt in Sütterlinschrift an seinen Vater.

Ein anderes aufbewahrtes Stück Papier, ohne Datum, enthält die kindliche Freude über „die Flugzeuge, die Onkel Hans“ dem Jungen aus Bremen mitgebracht hatte – vielleicht ein Geschenk im Auftrag des Vaters? Auch die Mutter verwendete in manchen Briefen die Anrede „Lieber Papa“ und richtete Grüße von sich und den Sohn aus. Manchmal schrieb sie auch „Lieber Karl“. Einige ihrer Briefe beginnen mit „herzliche Grüße und guten Appetit!“, was zeigt, dass die Schreiben oft auch Pakete begleitet haben.

Es gibt auch Hinweise auf den Inhalt: „Lieber Papa, Viele herzliche Grüße u. Guten Appetit! Die Reibekuchen sind von frischen Kartoffeln gebacken. Den Honigkuchen hat Oma gestern aus Halver von Weilands mitgebracht. Weiland backt ihn selbst. Apfelsinen sind das leider die letzten. Aber es gibt dann sicher bald etwas Anderes. Bildchen kann ich auch noch nicht mitschicken. Klaus bekommt sie erst am 5. Aug. zurück. Einen Film hat er mal erst aufgebraucht.“ (Brief vom 30. Juli 1941).

Diese Information über den Film lässt darauf schließen, dass der Sohn eine Kamera besaß, möglicherweise sogar neu bekommen hatte. Eine solche Kamera besaß längst nicht jede Familie.

„Hoffentlich sind die Tomaten noch einigermaßen gut“

Die Fortsetzung des Briefes lässt ahnen, wie wichtig die Nahrungsmittel und das Thema Ernährung waren, nicht nur für die Soldaten: „Wie geht es dir denn? Hoffentlich wieder besser. Ute hat sich auch tüchtig den Magen verdorben. Die 20,- sind für schönes Essen und für den Durst.“

Einige Wochen zuvor waren es statt selbstgemachten Reibekuchen Tomaten, die den Weg nach Ostpreußen antraten: „Viele herzliche Grüße u. Guten Appetit! Deine Tine und Klaus. Hoffentlich sind die Tomaten noch einigermaßen gut. Oma, Opa, Hilde und Kinder sowie Frau Conze lassen auch herzlich grüßen.“ (Brief vom 11. Juni 1941).

Auffällig ist, dass es die älteren Menschen, Frauen und Kinder waren, die grüßen ließen. Die meisten Söhne und Väter waren eben nicht mehr zuhause. Und so schrieb die Ehefrau am 7. August 1941: „Viele herzliche Grüße und guten Appetit wünschen Dir Deine Tine und Klaus. Eben erhielt ich Deinen lieben Brief vom 4.8. Herzlichen Dank dafür! Lieselotte Karl ihr Bräutigam ist auch gefallen. Der war bei den 60ern. So ein großer, dünner. Du kanntest den auch wohl.“

Feldpostbriefe: Alltägliches aus dem Zweiten Weltkrieg.

Ende 1941 war Karl Wegerhoff nicht mehr in Ostpreußen, das geht aus dem Brief eines Kameraden vom 5. Dezember hervor: „Lieber Karl! Du wirst staunen, von mir einen Brief aus Köln zu bekommen. Ich habe mal wieder Urlaub. Von meiner Abberufung habe ich noch nichts gehört. Hoffentlich hast Du es in P. gut angetroffen. Ich habe Dich in Osterode – besonders Sonntagsnachmittags – schwer vermisst.“

Hans bat den Freund, ihm zu schreiben, bis zum 18. Dezember wäre er noch in Köln. Die in den Briefen genannten Daten lassen darauf schließen, dass Post – zumindest dann, wenn der Empfänger über eine feste Adresse zu erreicht werden konnte – trotz des Krieges nur wenige Tage unterwegs war. Außerdem war Karl Wegerhoff Mitglied eines Turnvereins in Lüdenscheid.

Virtuelles Museum: Feldpostbriefe

Ein Vereinskamerad antwortete, auch im Namen des Vorstandes, auf einen Brief des Soldaten. Darin heißt es unter anderem: „Wie ich lese, wirst Du mit dem Dienst schon fertig. Glaube mir, dass ich daran nie gezweifelt habe. Hier ist soweit noch alles in Ordnung, auch der Turnbetrieb wird soweit es geht noch in Ordnung gehalten. Wir gehen daran, die Vereinsgeschichte fertigzustellen für unser 50-jähriges Jubelfest. Du siehst also, dass wir damit rechnen, dasselbe im nächsten Jahr feiern zu können. Was sagst Du nun zu den Erfolgen? Wir sind sprachlos und können es kaum fassen. Wir hoffen, dass wir Euch bald wieder Daheim haben.“ (Brief vom 8. Juli 1940).

„Herzliche Grüße“ an den Rand geschrieben

Aber auch formaler Schriftverkehr gehört zu der Sammlung: Die Vorbenachrichtigung zur Einberufung zum Wehrdienst vom Wehrbezirkskommando Iserlohn ist offensichtlich ein vorgefertigtes Massenschreiben, das handschriftlich um Datum der Einberufung (spätestens zum 23. Mai 1940) und Kennziffer ergänzt wurde. Gleiches gilt für die Erlaubnis, die Kaserne während des Dienstes am 15. August 1941 zu verlassen.

Grund „dienstlich“ sowie Datum, Rang und Name wurden handschriftlich eingetragen, alles ist versehen mit Stempel und Unterschrift. Auch der Kreisabschnitt Lüdenscheid im Nationalsozialistischen Lehrerbund schickte Brief und Paket an Karl Wegerhoff, mit einem maschinengeschriebenen, vermutlich standardisierten Anschreiben: „Lieber Bundeskamerad! In den Tagen schwerster Entscheidungen senden wir Ihnen zum Zeichen kameradschaftlicher Verbundenheit herzliche Grüße aus der Heimat.

Virtuelles Museum: Feldpostbriefe

Wir hoffen, dass unser bescheidenes Päckchen Sie bei bester Gesundheit erreicht und wünschen Ihnen für die Zukunft alles Gute. Wir würden uns freuen, auch von Ihnen bald etwas zu hören.“ Auffällig ist dabei, dass neben dem Stempel und der offiziellen Unterschrift von F. Gloerfeld mit Bleistift geschrieben steht: „Herzl. Grüße Dein FGl“. Ein kleiner persönlicher Gruß des Kollegen, der in dem offiziellen Text wohl keinen Platz hatte. Was aus Karl Wegerhoff und seiner Familie geworden ist, ist in den Museen nicht dokumentiert.

Dass die erhaltenen Briefe vor allem die Feldpostbriefe sind, die der Familienvater an der Front erhalten hat, lässt darauf schließen, dass er sie sorgfältig aufbewahrte und wohl selbst mit nach Hause gebracht haben könnte. Vielleicht sind sie aber auch an die Familie geschickt worden.

Virtuelles Museum: Feldpostbriefe

Gerade aus den persönlichen Schreiben wird vieles darüber deutlich, wie die Menschen sich in jenen Kriegsjahren fühlten, welchen Sorgen sie hatten, manchmal auch eher zwischen den Zeilen, auch wenn sicher nicht alles geschrieben wurde und geschrieben werden durfte, um die Angehörigen an der Front nicht zu sehr zu sorgen, aber auch, um der Zensur zu entgehen.

Dass ein freier Briefwechsel mit den Soldaten an der Front möglich war, kann sicher ausgeschlossen werden. Wenn auch nicht jeder Brief kontrolliert wurde, musste sicher immer wieder mit Zensur gerechnet werden. In Zeiten, in denen vor allem über das Internet oder per Telefon kommuniziert wird, ist zwar der Kontakt auch zu weit entlegenen Orten direkt möglich – aber derartige Dokumente, die der Erinnerung dienen und den Nachgeborenen etwas über die Zeit mitteilen, wird es immer weniger geben.

Virtuelles Museum: Feldpostbriefe

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