Familiärer Zwist endet in Strafprozess

LÜDENSCHEID ▪ Im Grunde geht es um einen familiären Zwist – Privatsache. Ein Vater von vier unehelichen Kindern soll die Kleinen nicht mehr sehen dürfen, sagen seine „Ex“ und deren Papa (56). Ein Fall fürs Jugendamt. Dass daraus stattdessen ein Strafverfahren wegen gefährlicher Körperverletzung gegen den Opa wurde, gehört zu den Kuriositäten im Alltag der Strafjustiz.

Denn der Werkzeugmacher, heißt es in der Anklageschrift, soll den Erzeuger seiner Enkel an Heiligabend 2011 angefahren, auf die Kühlerhaube seines BMW aufgeladen und per Vollbremsung schmerzhaft abgeschüttelt haben. Der Angeklagte schweigt zu den Vorwürfen. Das vermeintliche Opfer, arbeitslos, 29 Jahre alt, spricht im Zeugenstand von einer „offenen Wunde“ am Schienbein, Löcher in der Hose und einem „dicken Fuß“. Ein Attest gibt es dafür nicht. „Ich war nicht beim Arzt, ich war gar nicht versichert zu der Zeit.“ Ja, gibt er zu, er habe danach eine Beule ins BMW-Blech getreten.

Die Polizei hatte der vierfache Vater übrigens schon vor der angeblichen Auto-Attacke alarmiert. Denn der 56-Jährige habe ihn dabei gefilmt, wie er die Kinder zu deren Mutter zurückgebracht habe. „Das hat der gute Mann schon oft gemacht.“ Von einer Gewaltschutzverfügung oder einem Umgangsverbot wisse er nichts, antwortet der Zeuge auf die Frage des Richters. Strafverteidiger Heiko Kölz beantragt vorsorglich, den Mann vereidigen zu lassen. Das Gericht sagt „Nein“.

Dafür zaubert der Rechtsanwalt plötzlich, ein knappes Jahr nach dem fraglichen Vorfall, einen Trumpf aus dem Ärmel. Während die Staatsanwältin offenbar noch über eine kleine Abschwächung der Anklage sinniert, präsentiert der Verteidiger das Video seines Mandanten. Darauf zu sehen ist eine wenig dramatische Szene, in der der Zeuge auf der Motorhaube des BMW sitzt und auch nicht erkennbar verletzt wird.

Kölz lächelt siegesgewiss, während Richter Thomas Kabus und seine Schöffinnen das Filmchen anschauen. Die Staatsanwältin fragt den Verteidiger konsterniert: „Hätten Sie das nicht mal eher sagen können, dass Sie das auf Video haben?“ Der Rechtsanwalt erzählt was von „technischen Schwierigkeiten“.

Das Gericht stellt das Verfahren gegen den Angeklagten ein. Gegen den vierfachen Vater wird nun wegen Falschaussage ermittelt.

Olaf Moos

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