Fahne des Gewerk-Vereins als Symbol gegen Tyrannei

Die Gewerkschaftsfahne von 1893 hängt heute im Museum.

LÜDENSCHEID ▪ Es waren mutmaßlich Nazis und Angehörige der „Deutschen Arbeitsfront“, die am 1. Mai 1933 die Fahne des „Ortsverbandes des deutschen Gewerk-Vereins Lüdenscheid und Umgebung 1893“ aus dem damaligen Gewerkschaftshaus raubten.

Das war der Tag vor genau 80 Jahren, als auf dem Dach des Gewerkschaftshauses die Hakenkreuzfahne gehisst wurde, der unselige Tag, an den die Gewerkschaften heute auf dem Rathausplatz mit Reden und Blumen erinnern.

Wie die Gewerkschaften hat auch die alte Fahne den Naziterror überwunden. Sie ist heute aus Anlass ihres 120. Geburtstages im Fahnenzimmer der Städtischen Museen ausgestellt und hängt dort aus konservatorischen Gründen hoch über den Köpfen der Besucher.

Mit ihrer bewegten Geschichte, die anno 1893 begann, hat sich der frühere DGB-Kreisvorsitzende Manfred Kunkel auseinandergesetzt. Er selbst hatte sie in seinem Arbeitszimmer ausgestellt, bis sie mit der Aufgabe des alten Gewerkschaftshauses 1990 dem damaligen Museumsleiter Dr. Walter Hostert als Dauerleihgabe zur Verfügung gestellt wurde.

Der Weg, den die einstmals grüne Fahne bis dahin nahm, ist bis heute nur in Teilen bekannt. Offenbar hatten die Nazis sie in einem Salzbergwerk verschwinden lassen, wo sie den zweiten Weltkrieg fast unbeschadet überdauerte. 1950 gaben die Amerikaner die Fahne an den DGB zurück. Wirklich wiederentdeckt wurde sie indes erst 1981. Damals wurden für die Preußen-Ausstellung in Berlin auch die alten Archivkartons im Düsseldorfer Bundesarchiv der Gewerkschaften geöffnet. Als die Kostbarkeit dann als Ausstellungsstück im Katalog auftauchte, war die Aufregung in Lüdenscheid groß: „Das ist unsere Fahne!“ Unter großer öffentlicher Anteilnahme holte sie Kunkels Vorgänger Eberhard Weber ein Jahr später nach Lüdenscheid zurück.

1893 war offenbar das Gründungsjahr des „Gewerkvereins Lüdenscheid und Umgebung“. Damals, in den Zeiten des Kaisers Wilhelm II. und dem Sozialistengesetz wider die „gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie“, entstand das 120 mal 129 Zentimeter große Baumwollbanner, das Teil handbestickt und bemalt ist. Die Vorderseite, heute stark verblasst, zeigt die Aufschrift des Ortsverbandes mit einem Händedruck. Auf der Rückseite steht der Sinnspruch „Arbeit und Fleiß ziert Jüngling und Greis“, und die Ecken sind verziert mit Symbolen der Werkzeuge von Bauarbeitern, Zimmerleuten, Anstreichern und Metallarbeitern.

Auf der heutigen Kundgebung des DGB auf dem Rathausplatz wird die Fahne selbst nicht zu sehen sein. Doch was da im Museum hängt, ist nichts weniger als ein Stück Lüdenscheider Arbeitergeschichte – und ein Symbol der Freiheit gegen die Tyrannei.

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