Klimawandel erreicht städtische Kanäle

September 2014: Der Sammler Altenaer Straße kann die Wassermassen nicht mehr abführen. Meterhoch spritzt es aus dem Kanal.

Lüdenscheid - Der Klimawandel erreicht das städtische Kanalnetz. Der Stadtentwässerungsbetrieb verzeichnet eine Zunahme punktueller Starkregenereignisse. Im Juni 2013 spülte ein Unwetter große Teile der Baustelle im Mischsammler Altenaer Straße ins Rückhaltebecken Schafsbrücke. Am 20. September flutete Starkregen das Rückhaltebecken in der Schlittenbach und die Kläranlage.

Wirkliche Abhilfe dagegen ist nicht in Sicht. Es gebe „punktuelle Ereignisse, die alle Systeme versagen lassen“, sagt Johannes Irle, Bauingenieur und Sachgebietsleiter Kanalbau und -planung beim SEL: „Das ist technisch nicht händelbar.“

„Extremereignisse können nicht Grundlage der Kanalplanung sein“, ergänzt Josef Lorkowski, Technische Vorstand des Stadtentwässerungsbetriebes. Selbst eine extreme Überdimensionierung werde nicht ausreichen, das Wasser in derartigen Fällen abzuführen – abgesehen davon, dass auch die Einläufe ins System in der Lage sein müssten, die Fluten aufzufangen.

Berechnungen werden Makulatur

Gleichzeitig wissen die Experten auch, dass es irgendwann wieder heftig kommt. Es gibt Tabellen mit Regenreihen und Niederschlagsspenden. Der Regen vom September war demnach ein 40-jähriges Ereignis, wie Irle schätzt. Ausgelegt seien die Systeme in Lüdenscheid auf zwei- bis fünfjährige Ereignisse. Zwischen 150 und 200 Liter Wasser pro Hektar bei einem Viertelstundenregen in einer Sekunde müsse das System abführen können bei zu 90 Prozent ausgelasteter Rohrkapazität.

Doch die Berechnung wird in dem Moment Makulatur, wenn sich Wolken an einer Stelle machtvoll ausregnen, wie es im September der Fall war. Während der Regen auf einer Nord-Süd-Achse durch die Innenstadt 90 Kilo schwere Betondeckel aus der Halterung drückte, an der Altenaer Straße Fontänen aus den Gullys schossen, schien in Stüttinghausen noch die Sonne auf die Balkone. Genau solche Wetterlagen scheinen sich aber nicht nur in Deutschland häufiger einzustellen.

Bringe man das Wasser aber nicht mehr unter der Erde unter, müsse man sich neue Strategien ausdenken. „Das muss man erstmal ins Bewusstsein reinkriegen.“ Lorkowski spricht direkten „Objektschutz“ an, die Absicherung von Gebäuden und Grundstücken. So sei bei Neubauten zwar eine Rückstausicherung gegen von unten eindringendes Wasser Bestandteil der Baugenehmigung, trotzdem werde häufig geschlampt. Sei aber der Kanal zugestaut bis zur Höhe der Straßendecke, werde es kritisch für tiefer liegende Installationen. Konkret funktioniert die Toilette dann andersherum

Neue Strategien der Planer gefragt

Nicht nur die Kanalplaner seien daher gefragt. Beteiligt werden müssten auch Stadt- und Straßenplaner sowie Architekten. Packe der Kanal das Wasser nicht mehr, könne man baulich beispielsweise mit Hochborden und entsprechendem Gefälle Sorge tragen, dass Niederschlagswasser dann über freie Flächen ins Gewässer gelangt. Und nicht zuletzt: „Nicht jeder Quadratmeter Fläche muss verkauft werden“, spricht Lorkowski Grundstücke an, die vielleicht reizvoll liegen, aber eben auch in Senken oder an Gewässern, die schlagartig anschwellen können. - flo

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