Interview mit Dr. Dieter Schnalke, Ärztlicher Direktor der Märkischen Kliniken

Experte aus Lüdenscheid sagt: „Wir sind quasi schon in der dritten Welle“

Dr. Dieter Schnalke Ärztlicher Direktor der Märkischen Kliniken
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Dr. Dieter Schnalke, Ärztlicher Direktor der Märkischen Kliniken.

Dr. Dieter Schnalke ist nicht nur Direktor der Klinik für Strahlentherapie und Radioonkologie im Klinikum Lüdenscheid, sondern auch seit mittlerweile fast neun Jahren Ärztlicher Direktor der Märkischen Kliniken. Willy Finke sprach mit dem Mediziner, der in seiner Freizeit leidenschaftlich gern musiziert, über ein aufregendes Corona-Jahr in Hellersen. Und über ein gut verpacktes Saxofon.

Herr Dr. Schnalke, ist Ihr Saxofon in den vergangenen zwölf Monaten eingerostet oder war es besonders häufig im Einsatz?

Es liegt warm und trocken, aber ich kann nur hoffen, dass es nicht eingerostet ist. Ich habe, glaube ich, im letzten Jahr insgesamt dreimal zum Saxofon gegriffen. Das hat sich im privaten Bereich tatsächlich völlig verändert für mich.

Woran liegt das?

Wahrscheinlich daran, dass es gar keine Perspektiven für Auftrittsmöglichkeiten gibt. Da spielt dann sicherlich auch die Psyche eine Rolle.

Können Sie sich denn noch an Ihren letzten öffentlichen Auftritt erinnern?

Ja, das war im Februar 2020 in einem sehr schönen Konzert im Kulturhaus mit der Bigband der Musikschule. Das habe ich damals sehr genossen.

Sie sind Ärztlicher Direktor der Märkischen Kliniken. Wie wird man das?

Diese Position ist im Krankenhausgesetz festgelegt. Es gibt sowohl hauptamtliche als auch nebenamtliche Ärztliche Direktoren. Bei uns ist diese Funktion nebenamtlich. Hauptamtlich bin ich Direktor der Klinik für Strahlentherapie und Radioonkologie. Der Ärztliche Direktor kommt in der Regel aus dem Kreis der Klinikdirektoren. Er wird von der Chefarztkonferenz gewählt und vom Aufsichtsrat bestellt.

Was macht man eigentlich in dieser Funktion?

Der Ärztliche Direktor berät die Geschäftsführung des Klinikums in medizinischen Fragen. Er ist Mitglied der Betriebsleitung, nimmt an Aufsichtsratssitzungen teil und organisiert und leitet die Chefarztkonferenzen. Die Hygiene ist ein ganz wichtiger Bestandteil der Arbeit, die Leiterin der Abteilung für Krankenhaushygiene ist ihm unterstellt. Er kümmert sich um die ärztliche und studentische Fortbildung und organisiert strukturierte Praktika im ärztlichen Dienst.

Das ist ja eine ganze Menge.

Ja, es ist ein buntes Bild, mit dem man da nebenamtlich zu tun hat.

Wie lange üben Sie diese Funktion schon aus?

Ich gehe im März ins neunte Jahr und befinde mich in der zweiten Amtsperiode. Wir wählen den Ärztlichen Direktor immer für fünf Jahre.

Ärztlicher Direktor gehört dem Krisenstab an

Inwiefern haben Sie als Ärztlicher Direktor mit Corona zu tun?

Ich gehöre dem Krisenstab an. Das ist mit einem enormen Kommunikationsaufwand verbunden – schon allein, weil wir das Krankenhaus während der Pandemie mehrfach umorganisieren mussten.

Warum mussten Sie das?

Weil wir die Covid-Bereiche je nach Verlauf der Pandemie vergrößert und wieder verkleinert haben und das auch heute noch tun. Dementsprechend muss das Personal umgeleitet und an andere Stellen des Unternehmens gesetzt werden. Stations- und Abteilungsstrukturen müssen immer wieder angepasst werden. Das ist eine aufwendige Angelegenheit.

Haben diese ständigen Anpassungen an die Pandemie-Lage die Arbeitsatmosphäre im Haus verändert?

„Wir sind enger zusammengerückt“

Ja. Aus meiner Sicht hat die Pandemie tatsächlich dazu geführt, dass wir bei der Bewältigung dieser großen Aufgabe enger zusammengerückt sind. Abteilungsgrenzen oder auch Grenzen zwischen Berufsgruppen – also zwischen Ärzten und Pflege – wurden zum Teil aufgehoben.

Wie hat man sich das konkret vorzustellen?

Ärzte aus fachfremden Abteilungen haben beispielsweise die Internisten auf den entsprechenden Stationen unterstützt. Chirurgen haben in der Notaufnahme auch bei nichtchirurgischen Patienten mitgeholfen. Ärzte haben Aufgaben, die schon über Jahre der Pflege zugeordnet waren, zum Beispiel Blutentnahmen oder das Anhängen von Infusionslösungen, abteilungsübergreifend durchgeführt und damit die Pflege entlastet.

Also wenigstens in dieser Hinsicht eine positive Entwicklung?

Die Pandemie hat tatsächlich über Berufs- und Abteilungsgrenzen hinweg zu einer verbesserten kollegialen Wertschätzung, zu einem besseren Verständnis füreinander, beigetragen. Das werden vielleicht nicht alle so sehen, aber mein Eindruck ist das.

Wie groß ist der prozentuale Anteil des Personals, das direkt mit Covid-Patienten zu tun hat?

Prozentual kann man das nicht beziffern, es ist aber auf jeden Fall ein Großteil des Personals, da wir sowohl ärztliches als auch pflegerisches Personal immer wieder in unterschiedliche Bereiche entsenden müssen. Dabei geht es sowohl um Covid- als auch um Noncovid-Bereiche – eben immer da, wo gerade Hilfe benötigt wird.

„Arbeitsintensität und psychischer Druck enorm hoch“

Ist die Arbeitsbelastung insgesamt gestiegen?

Sowohl die Arbeitsintensität als auch die psychische Belastung sind in dieser Situation enorm hoch und haben für die meisten Mitarbeiter deutlich zugenommen. Die Situation verlangt uns eine Menge an Flexibilität ab. Stationen müssen von heute auf morgen umorganisiert oder umgewidmet werden von Covid- in Noncovid-Bereiche – und auch wieder zurück. Intensivbereiche werden vergrößert und auch wieder verkleinert. Diese Dinge werden im Verlauf der Pandemie immer wieder neu diskutiert und angepasst. Man muss ganz klar sagen: Das ist für uns alle ziemlich anstrengend!

Ist die Arbeitsbelastung während der Pandemie in manchen Bereichen des Hauses denn auch gesunken?

In der Orthopädie, der Hals-, Nasen-, Ohren-Heilkunde, der Urologie, in der Plastischen Chirurgie und anderen Abteilungen mussten elektive – planbare – Operationen während einiger Phasen der Pandemie zurückgefahren werden. Ärzte und Pflegekräfte aus diesen Bereichen hatten dort zwar weniger zu tun, wurden dann aber in andere Bereiche umgeleitet. Das waren und sind fachfremde Gebiete und Abteilungen, Corona-Stationen oder der Bereich der Checkpoints. Ruhiger geworden ist es jedenfalls für die Wenigsten.

Der gesetzliche Auftrag an die Märkischen Kliniken lautet, die Krankenhausversorgung im Märkischen Kreis sicherzustellen. Ist Ihnen das während der gesamten Zeit gelungen?

Ja, das konnten wir bisher tatsächlich leisten. Notfälle konnten immer behandelt werden. Auch dringende Operationen, zum Beispiel bei Krebspatienten, wurden und werden weiter durchgeführt – vielleicht in dem einen oder anderen Fall mit vertretbarer Verzögerung. Das Gleiche gilt auch für Chemo- und Strahlentherapie.

Noch Einschränkungen bei Operationen

Zurzeit scheint sich die Lage ein wenig beruhigt zu haben. Werden gegenwärtig alle elektiven Operationen durchgeführt oder müssen Sie noch zurückstecken?

Wir müssen schon noch zurückstecken, weil die Bettenkapazität insgesamt noch eingeschränkt ist.

Warum ist sie eingeschränkt?

Patienten, die wir aufnehmen, müssen zunächst in eine sogenannte Holding Area, wo sie noch einmal getestet werden. Erst wenn der Test negativ ist, können sie auf ihre eigentlichen Therapiestationen verlegt werden. Dann haben wir immer noch die Verdachtsbereiche vorzuhalten. Dort liegen die Patienten, bei denen noch nicht klar ist, ob sie corona-positiv sind oder nicht. Schließlich haben wir natürlich die Coronabereiche selbst in den Normal- und den Intensivstationen. Wir haben also schon noch Einschränkungen. Aber je mehr die Pandemiesituation es zulässt, desto flexibler müssen wir auch sein, um unserem normalen Tagesgeschäft nachkommen zu können. Wir befinden uns in einem ständigen Prozess der Anpassung an die jeweilige Situation.

Die Kliniken klagen bundesweit über dramatische Einnahmeeinbußen wegen der Pandemie. Wie sieht das in Lüdenscheid aus?

Im Vergleich zu 2019 haben wir 2020 etwa 20 Prozent weniger Patienten behandelt. Die Zahl der dringenden OPs ist nur relativ leicht, nämlich um etwa neun Prozent, zurückgegangen. Das schlägt sich auf das Jahresergebnis für 2020 nieder. Wir rechnen mit einem deutlich negativen Ergebnis, das wir allerdings in der Höhe noch nicht vollständig absehen können.

Bisher etwa 700 corona-positive Patienten

Wie viele Corona-Patienten hatte das Klinikum seit Beginn der Pandemie vor einem Jahr?

Wir hatten – das erhöht sich natürlich praktisch täglich – etwa 700 corona-positive Patienten, von denen etwa 150 intensivmedizinisch versorgt werden. Etwa 100 Patienten sind mit oder an Corona verstorben.

Im vergangenen Jahr gab es die Tendenz, dass Kranke den Weg in die Kliniken scheuten aus Angst, sich mit SARS-CoV-2 anzustecken. Davor warnten Sie im September noch ausdrücklich. Hält diese Entwicklung an?

Diese Entwicklung ist zumindest in der Strahlentherapie deutlich rückläufig. Wenn ich mir die Zahlen anschaue, dann hatten wir 2020 im Vergleich zu 2019 sogar mehr Patienten mit Krebs-Erkrankungen zu versorgen. Ich weiß allerdings, dass das in anderen Disziplinen zum Teil immer noch anders ist.

Wie hat sich die Zahl der Patienten in der Zentralen Notaufnahme des Klinikums entwickelt?

Dort sind es bis zu 20 Prozent weniger Patienten. Das hat – neben der Angst vor Ansteckung – weitere Gründe. Viele Menschen gehen jetzt, wie es oft tatsächlich auch angebracht ist, statt in die Notaufnahme doch erst mal zu ihrem Hausarzt. Zudem gab es im Lockdown zeitweise deutlich weniger Straßenverkehr und bis heute weniger Feiern. Entsprechend seltener erlitten die Menschen Unfälle. Schließlich traten wegen der Abstands- und Hygienemaßnahmen die normalen saisonalen Effekte wie Grippe oder Norovirus deutlich seltener auf.

Zum Thema Impfung: Wie viele Angehörige des medizinischen Personals der Märkischen Kliniken sind bis jetzt geimpft worden? Sind Sie fast durch?

Ende dieser Woche haben wir etwa 900 Mitarbeiter der ersten Priorisierungskategorie geimpft. Das ist ein sehr hoher Anteil. Seit Freitag bekommen wir den Impfstoff von Astrazeneca. Es dürfen dann laut neuer Impfverordnung des Landes alle Mitarbeiter geimpft werden, die in direktem Patientenkontakt sind. Das ist dann nicht mehr auf die Betreuung von Corona- und Risikopatienten beschränkt.

„Mein dringender Appell: Lasst euch impfen!“

Teilen Sie die Vorbehalte mancher Menschen gegen den Astrazeneca-Impfstoff?

Nein. Alle verfügbaren Impfstoffe sind tatsächlich auch sicher und gut bis sehr gut wirksam. Die Impfung ist nach heutigem Stand für uns die einzige Möglichkeit, wieder ein normales Leben führen zu können. Deshalb mein dringender Appell an alle: Lasst euch impfen!

Wie viele Ihrer Mitarbeiter haben denn einer Impfung zugestimmt?

Von denen, die wir bisher impfen durften, fast 80 Prozent.

Haben Sie Verständnis für die Verweigerer?

Ich habe Verständnis für deren Ängste und Sorgen, halte sie aber für unbegründet. Wir müssen weiter Überzeugungsarbeit leisten, dass so viele Menschen wie möglich sich in den nächsten Wochen und Monaten impfen lassen.

Entspannt sich die Situation im Frühjahr nicht sowieso?

Wir haben heute erst im Krisenstab darüber gesprochen. Unsere Einschätzung ist: Wir sind quasi schon in der dritten Welle! Gerade im Märkischen Kreis gehen die Zahlen ja erneut hoch und liegen schon wieder bei über 100.

Stichwort Krisenstab: Sind dessen Mitglieder geimpft?

Nur diejenigen, die aufgrund ihrer eigentlichen Tätigkeit in der Klinik den entsprechenden Prioritätsstufen angehören. Im Krisenstab sind ja unter anderem der Leiter der Intensivstation und der Zentralen Notaufnahme vertreten. Sie sind natürlich geimpft. Ich bin auch geimpft, weil ich in der Strahlentherapie täglich mit Hochrisikopatienten zu tun habe.

Wie ist das zum Beispiel mit Ihrem Geschäftsführer?

Der Geschäftsführer, der Prokurist, die Pflegedirektorin sind nicht in direktem Patientenkontakt. Also sind sie auch noch nicht geimpft. Wir achten sehr penibel auf die Einhaltung der entsprechenden Vorgaben.

Weiter Einschränkungen bei Patientenbesuchen

Wir sprachen über die Auflockerung des Lockdowns. Werden auch die sehr starken Einschränkungen für Patientenbesuche bei Ihnen demnächst entschärft?

Das ist in absehbarer Zeit nicht in Sicht. Gerade im Moment grassiert die noch ansteckendere britische Mutation. Vor diesem Hintergrund müssen wir zum Schutz unserer Patienten und Mitarbeiter die Kontakte weiterhin auf ein Mindestmaß reduzieren. Wir diskutieren das im Krisenstab aber immer wieder neu und können die Maßnahmen jederzeit anpassen, sobald es möglich und sinnvoll ist. Wir wissen, wie wichtig es für unsere Patienten und für deren Heilungsverlauf ist, Besuch bekommen zu können.

Halten Sie die ab dem kommenden Montag bevorstehenden Lockerungen als Mediziner für richtig?

Aus gesellschaftspolitischer Sicht kann ich es verstehen. Aus medizinischer Sicht glaube ich aber, dass uns dieser zunehmende Druck in Hinblick auf weitere Lockerungen zu einem denkbar schlechten Zeitpunkt trifft. Man kann sich doch relativ leicht vorstellen, was diese Lockerungen für Folgen haben werden. Umso wichtiger ist die Durchimpfung der Bevölkerung.

Kommen wir zum Schluss noch einmal zu Ihnen persönlich. Wie haben Sie dieses vergangene Jahr als Privatmann erlebt? Haben Sie überhaupt Urlaub machen können?

Wir hatten das große Glück, am 1. März 2020 aus einem Urlaub in Thailand zurückzukehren. Wir hatten dort schon die Bilder von den leeren Regalen in Deutschland gesehen.

„Kein Toilettenpapier aus Thailand mitgebracht“

Und Sie haben dann Toilettenpapier mitgebracht?

(lacht) Nein. Aber wir hatten den Eindruck, dass uns die Asiaten nicht nur in Sachen Gelassenheit etwas voraushatten. Tatsächlich waren sie sehr viel besser auf eine Pandemie vorbereitet als wir.

Wie zeigte sich das?

An den Flughäfen haben damals schon praktisch alle Asiaten Masken getragen – und zwar wirklich gute FFP2-, zum Teil auch Designermasken. Das war wohlgemerkt zu einem Zeitpunkt, als wir uns in Europa noch darüber unterhalten haben, ob Masken überhaupt sinnvoll sind – geschweige denn, dass bei uns überhaupt Masken und persönliche Schutzausrüstung zur Verfügung standen.

Nach dem Urlaub begann dann der Pandemie-Alltag für Sie?

Ja, dann stand die Pandemie ganz klar im Mittelpunkt auch des Privatlebens.

Hatten Sie zu dieser Zeit selbst Angst?

Zunächst waren da schon auch für mich persönlich viel Stress und viel Angst. Zum Beispiel davor, dass uns die Pandemie im Krankenhaus ähnlich überrollen könnte wie in Italien und Spanien.

Hat sich das mit der Zeit gelegt?

Ja, als wir nach Ostern die erste Welle überstanden hatten, da gab es durchaus eine gewisse Entspannung und eine gewisse Entschleunigung des persönlichen Lebens durch die drastische Reduktion der persönlichen Kontakte. Man hat sich dann zuhause eingerichtet, gut gegessen, die Natur genossen. Ich habe mir ein Moped angeschafft.

Und die Musik?

Die ist wirklich viel zu kurz gekommen. Aber auch da bin ich guter Dinge, dass ich das wieder in Angriff nehmen kann, wenn sich die Perspektive verbessert.

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