Experiment: Geschäftsmann als Bettler verkleidet

LÜDENSCHEID - Geschäftsinhaber Michael Vormann bettelt verkleidet in Hagener Innenstadt. Unsere Reportage erzählt, was er dabei erlebt hat.

Von Yasmin Alijah

„Du stierst auf den Boden, zählst die Kaugummis, guckst zu, wie Regentropfen von den Pflastersteinen in die Ritzen laufen. Du kennst nachher alle Schuhe, wunderst dich, wie viele Sorten es gibt und fragst dich, ob man die wirklich alle braucht“.

Geschäftsinhaber Michael Vormann des gleichnamigen Reformhauses in der Friedrichstraße wagte am Wochenende ein Experiment: Verkleidet als Bettler setzte er sich in die Hagener Einkaufszone, ein Pappschild mit der Aufschrift „Danke“ und „Frohe Weihnachten“ vor sich, ein leerer Pappbecher daneben, der einmal Kaffee enthielt. Schwarze Wollmütze, rote Jacke, eine verdreckte Jeans, Turnschuhe. Er will wissen, wie es Bettlern ergeht. Deshalb geht er nach Hagen, eine Stadt, in der ihn keiner kennt. Und er weiß auch schon, was er mit dem erbettelten Geld machen will – falls er etwas bekommt: „Das ist für das Hospiz“.

Fast alle Menschen gehen vorbei, beladen mit Tüten ihrer Weihnachtseinkäufe. Angestrengte, entnervte oder gleichgültige Gesichter. Glücklich sieht niemand aus. Notiz von ihm nimmt fast keiner. Vormann friert. Es ist kalt an diesem Nachmittag, Nieselregen macht das Experiment noch ungemütlicher. „In den ersten zehn Minuten war es mir mulmig, dieses schlechte Gefühl, das einen vor neuen, fremden Situationen beschleicht“, erklärt er. Er gewöhnt sich schnell an seine Rolle. Und an die ungewöhnliche Perspektive: „Du siehst die Menschen vom Bauchnabel abwärts. Siehst eigentlich nur Schuhe“. Die wenigen, die ein paar Münzen in seinen Pappbecher schmeißen, kommen unbemerkt von der Seite, ausweichende Blicke, eine hastig hingeworfene Münze. Meist ein Euro-Stück. Die sind von den Passanten mittleren Alters. Rentner spenden nichts an diesem Nachmittag. Jugendliche ebenfalls nicht. Die 13- bis 16-Jährigen begegnen Vormann rücksichtlos. Werfen ihm kalte Blicke zu. „Ich glaube, dass Bettler, die vor sich auf den Boden gucken, sich schämen. Das ist entwürdigend hier. Du fühlst dich wie der letzte Dreck“, beschreibt er seine selbst gewählte Rolle.

Seine Hose ist nass geworden im Regen. Seine Füße schmerzen, seine Hände frieren. Er zittert vor Kälte. Er macht als Zusteller jeden Tag 15 Kilometer zu Fuß, 351 Treppenstufen, 214 Zeitungen in zwei Stunden 15 Minuten. Eigentlich ist er durchtrainiert, sagt er, aber das Ausharren an einem Fleck wird selbst für ihn nach zwei Stunden hart. Dann kommt eine Frau Mitte 30, gut angezogen, gibt ihm etwas Geld, wünscht ihm Frohe Weihnachten. Da hat er ein bisschen ein schlechtes Gewissen, kommt sich vor wie ein Betrüger, der Geld ergaunert, das ihm nicht zusteht. Ein etwa achtjähriger Junge läuft unbefangen auf ihn zu. Hält ihm lächelnd 20 Cent hin. Vormann freut sich. Zieht einen kleinen Stollen heraus. Ein Iserlohner Bäcker hat ihm sechs Mini-Stollen gestiftet, als er von dem Bettler-Projekt hörte. Zum Verteilen. „Ich habe was bekommen, ich gebe dir was zurück“, sagt Vormann zu dem Jungen. Die Mutter zögert, dann darf der Junge den Stollen doch behalten. Der strahlt über das ganze Gesicht. „Kinder sind unbefangen. Sie schenken und lassen sich etwas schenken. Die Erwachsenen nicht.“

An diesem Nachmittag gibt ein Mann mittleren Alters Vormann den Stollen zurück, den er kurz zuvor bekam. Ein Mann mit einem Hund kommt. Er möchte im Drogeriemarkt nebenan einkaufen, darf den Hund nicht mitnehmen. Vormann verspricht, auf den Hund aufzupassen, bekommt später zwei Euro dafür. Es ist dunkel geworden. „Du spürst deine Zehen nicht mehr. Die Kälte kriecht die Hosenbeine hoch“, sagt Vormann. Die Einnahmen steigen. Je fieser das Wetter, desto barmherziger die Leute, resümiert er. Vormann bricht ab. Wegen der Kälte. 16, 40 Euro sind in drei Stunden zusammen. Viel ist es nicht. Ihm steigen Tränen in die Augen: „Es ist demütigend, hier zu sitzen“. Vormann wird verdoppeln, macht 32,80 Euro für das Hospiz.

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