"Aus dem Nichts"

Hohe Kunst: Fragwürdiges Gerichtsurteil treibt Witwe zur Selbstjustiz

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Anna Schäfer und Mathias Kopetzki in der Inszenierung "Aus dem Nichts".

Lüdenscheid – Es ist eine hohe Kunst, einen politischen Thriller von der Kinoleinwand auf eine Bühne zu holen, sind doch die Mittel einer Inszenierung so ganz anders als die filmischen. Am Dienstagabend zeigte das Euro-Studio Landgraf die Bühnenadaption des gleichnamigen Films von Fatih Akin „Aus dem Nichts“ im Kulturhaus. Um es gleich vorwegzunehmen: Der Spannungsbogen blieb bis zur letzten Minute hoch.

Zu verdanken ist das zweifelsohne der großartigen schauspielerischen Leistung von Hauptdarstellerin Anna Schäfer, die mit einer ungeheuren Wucht die Zuschauer in ihre Rolle als Katja Sekerci hinein zog: eine Mutter, die ihren sechsjährigen Sohn am Nachmittag zu dessen Vater in sein Übersetzungsbüro an der Hamburger Steinstraße bringt. Am Abend sind das Kind und der Ehemann tot – regelrecht bis zur Unkenntlichkeit zerfetzt von einer Nagelbombe, die direkt vor dem Büro von Nuri Sekerci explodierte. Aus dem Nichts bricht Katjas Welt ein erstes Mal zusammen.

Ein überdimensionales Holzgebilde wird in der Inszenierung multifunktionell. Es begrenzt eine Leinwand auf Bildschirmgröße. Die Schicksale zumeist türkischstämmiger NSU-Opfer flimmern als Zeitungsausschnitte über die Leinwand. Auf ein reißerisches Entrée in die Handlung verzichtet die Inszenierung, die Explosion an der Steinstraße und in der Folge auch in Katjas Leben wird nur verbal wiedergegeben. In einem schlichten schwarzen Karton überbringt die Polizei der trauernden Mutter das, was von Kind und Ehemann geblieben ist – ein Paar kleine Turnschuhe und eine Goldkette. Spätestens in diesem Moment schnürt es nahezu jedem im rund 200-köpfigen Publikum den Hals zu.

Wut, Trauer, Hilflosigkeit – all das komprimiert Anna Schäfer in der Darstellung der Katja Sekerci in Tränen, Stille und verzweifelten Schreien. Drei Kapitel werden in der Inszenierung angerissen – „Wahrheit“, „Gerechtigkeit“ und „Wahrheit und Politik“. Katja ist überzeugt, dass Mann und Kind einem rechtsradikalen Mordanschlag zum Opfer gefallen sind. Doch die Behörden ermitteln lieber im Rotlichtmilieu.

Auf einmal war Nuri Sekerci ein Drogendealer, eine zwielichtige Gestalt, die sich mit ebensolchen umgab. Das Ansehen des Geschäftsmannes wird auf entwürdigende Weise demontiert. „Sie wollen, dass ich meinen Mann zum Verbrecher mache, damit Ihre Theorie stimmt“, sagt Katja zu Hauptkommissar Reetz (Martin Molitor). Unerhört bleiben ihre Einwände, dass die Tat der rechten Szene zuzuordnen sei. Was folgt, ist eine perfide Form des institutionellen Rassismus', der darauf abzielt, allein durch die Herkunft der Opfer auf organisierte Kriminalität zu schließen.

Eine dichte, intensive Inszenierung, bedrückende Stille im Saal – die Pause ist dringend notwendig. Als sich der Vorhang wieder hebt, ist das hölzerne Gebilde der Gerichtssaal, in dem das Neonazi-Paar Edda und André Möller aus Schleswig-Hostein (Philip Wilhelmi und Constanze Aimée Feulner) angeklagt sind, für den Anschlag verantwortlich zu sein. Rechtsradikale Gesinnung, einen aggressiven Verteidiger an der Seite. Kaum jemand im Publikum wagt zu hüsteln, als die Sachverständige den Obduktionsbericht des Kindes vorliest, der von abgerissenen Gliedmaßen und zerschmolzenen Augen spricht. In dubio pro reo – das Neonazi-Paar wird aus Mangel an Beweisen freigesprochen.

Fassungslos baut Katja eine Nagelbombe, spürt das Paar im Urlaub auf – ob sie die Bombe zündet, bleibt der Interpretation jedes Einzelnen überlassen. Das Stück endet mit dem NSU-Untersuchungsausschuss des Bundestages, in dem der Staatssekretär eine Aufklärung fordert, die niemals vollständig sein wird: „Das Staatswohl hat Vorrang vor der Aufklärung?“ Spätestens hier wird die Verstrickung des Staatsschutzes in die Machenschaften der NSU angedeutet. In Berichten geschwärzte Täternamen, gewollte Ermittlungsfehler, zerschredderte Akten. Allerdings: Auch ohne diese politische Dimension wäre diese Inszenierung absolut unter die Haut gegangen.

Schade nur, dass der Theatersaal lediglich mit 200 Gästen besetzt war. Hier wurde gesellschaftspolitisch relevantes Theater mit einem Nachgespräch geboten, das wesentlich mehr Gäste verdient hätte.

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