Lüdenscheid vor der Europawahl

Kampf gegen die Europa-Feinde: "Die Bekloppten kriegen ihre Leute zur Wahl"

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Lüdenscheid - Am Sonntag ist Europawahl - für die heimischen Wahlkampfhelfer ist das Thema nur schwer zu vermitteln. Ein FDP-Mann rät den Bürgern, ihre Stimme abzugeben, und warnt vor den Radikalen: „Die Bekloppten kriegen ihre Leute zur Wahl.“

Sieben Grad leuchten auf der elektronischen Temperaturanzeige am Sauerfeld auf. „Immerhin Plus“, scherzt Otto Bodenheimer, der nach einem kurzen Gang über den Markt als Erster am Vormittag den bunten Wahlkampf-Wagen der Grünen auf dem Sternplatz aufschließt. Die Kollegen von SPD, CDU und FDP, die ihre Stände rund um den Neumann-Brunnen platziert haben, kommen etwas später.

Dafür werden sie wärmstens begrüßt und bekommen vom grünen Frontmann heißen Kaffee aus der Thermoskanne. „Die müssen ihre Maschinen erst noch anwerfen.“ Das nachbarschaftliche Miteinander funktioniert in der ganz großen Koalitionsrunde reibungslos. Dafür schleppt sich der Wahlkampf seit einigen Wochen dahin.

„Was habt ihr denn anzubieten“, fragt eine Rentnerin den Fraktionschef der Grünen und öffnet schon mal erwartungsvoll die leere Einkaufstasche. „Argumente“, antwortet Bodenheimer schlagfertig und erntet ein saures Gesicht. Die inhaltlichen Fragen sind klar umrissen: Ziel ist es, die Klimakrise zu bekämpfen, Europas Demokratie zu verteidigen und für sozialen Ausgleich innerhalb Europas zu sorgen. 

Thema Europa zieht nicht

Doch das Programmatische steht bei der Laufkundschaft nicht so hoch im Kurs. Es gibt aber auch Greifbares, um das Ökologische in den Vordergrund zu rücken: Ein Stoffbeutel, natürlich in Grün und schon gefüllt mit einem Apfel, soll die Plastiktüte ersetzen, wenn Obst und Gemüse auf dem Einkaufszettel stehen. Das Gesicht der Rentnerin hellt sich schlagartig auf. „Eine tolle Sache“, und schon verschwindet das Geschenk in der Tasche und die Dame vom Stand. 

Das politische Gespräch vermisst ein paar Meter weiter auch die Vorsitzende der Senioren-Union, Ingrid Fischer, während sie und ihre Mitstreiterinnen fleißig Kaffee kochen und Waffeln backen. Ein Diskussionscafé mit den heimischen Abgeordneten und Ratsmitgliedern wäre aus ihrer Sicht die geeignete Alternative, um europäische Ideen an Mann und Frau zu bringen. 

Die Senioren von CDU (Bild) und SPD versorgen ihre Standbesucher mit Kaffee und Waffeln.

Dass es mit der EU nicht einfach sei, hätten schon die Reaktionen von Briefwählern gezeigt: „,Wo ist denn der Liese?‘ habe ich mehr als einmal gehört.“ Dass es bei der CDU eine gemeinsame Liste fürs Land gebe, sei bis zum Wähler nicht durchgedrungen. „Es ist nicht leicht.“ Aber es sei schon schwierig genug, die eigenen Leute für die Standbesetzung zu motivieren. 

FDP-Mann warnt vor den Radikalen

„Für die Menschen ist alles selbstverständlich geworden“, resümiert Bernd Kaiser, Vorsitzender der AG 60plus der SPD, seine dreiwöchige Erfahrung mit dem Publikum. Dabei laufe ohne Europa eigentlich nichts. Allerdings sei alles auch eine Frage der Vermittlung. „Da müssen wir als Partei besser werden“, sagt er selbstkritisch, während die Damen Kaffee ausschenken und Einkaufschips verteilen. Derweil machen die Luftballons schon sichtbar schlapp. „Die sind noch von Samstag“, heißt es.

Bei der FDP sorgt Jens Holzrichter mit seiner Mannschaft dafür, dass die Liberalen im Schlussspurt blendend aussehen – mit ein paar Hilfsmitteln wird die Parteifahne gestrafft. Doch mit dem Aussehen will es der Fraktionschef im Rat der Stadt nicht belassen. „Es ist entscheidend, dass die moderaten in Europa nicht von Radikalen dominiert werden“, ruft er die noch vielen Unentschlossenen auf, am Sonntag ihr Kreuz bei den demokratschen und pro-europäischen Vertretern zu machen. Eine geringe Wahlbeteiligung helfe nur den Radikalen. Denn: „Die Bekloppten kriegen ihre Leute zur Wahl.“

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