„Euer donnernder Applaus gehört dem Künstler“

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Die Überraschung des Abends: „Budnikowski“ aus Bremen. -

LÜDENSCHEID ▪ Natürlich ist es schön, an einem solchen Abend als Sieger von der Bühne zu gehen, aber der Grund, warum die Dichter und Denker auftreten, ist ein anderer. So gibt’s auch keinen großartigen Preis zu gewinnen. Die jungen Leute auf der Bühne wollen wirken. Durch sich selbst, vor allem aber durch ihre Texte. Und so unterschiedlich die Poetry-Slammer am Freitagabend auf der Bühne im Dahlmann-Saal waren, so verschieden war auch die Kraft ihrer Worte.

Zum dritten Mal fand die „World of WORD-craft“ inzwischen statt – und das mit ungebremster Publikumswirksamkeit. Die Reihen im Saal waren voll besetzt, trotz der terminlichen Konkurrenz durch das Revier-Derby, das sich etliche Fans lautstark in der Dahlmann-Kneipe ansahen.

Der Lokalmatadorin Taria aus Schalksmühle gehörte der Aufschlag und auch viel Sympathie im Publikum. Per wahllos verteilten Stimmkarten entschieden die Gäste über die Punktzahl. Und die hing diesmal nicht nur am Vortrag selbst, sondern auch an der Darreichungsform. „Herr Weber“ aus Münster gab eine Episode aus seinem Schülerleben zum Besten und amüsierte sich selbst köstlich über seine Wortkraft. Ganz anders dagegen Benedikt aus Marburg, der in lyrischer Form gegen seine Albtraumfrau vorging. Reim- und wortreich fand er immer wieder neue Methoden, die Frau seiner Albträume loszuwerden. Das Zugpferd des Abends, der NRW-Vorzeige-slammer Torsten Sträter aus Dortmund, erzählte „Die Sache mit Struppi“, seinem nicht im herkömmlichen Sinne süßen Hund, der sich im Vortragsverlauf als flusender Kackschemel outete und nach seinem ruhmlosen Dahinscheiden noch nicht einmal in das eigens dafür ausgehobene Rasenloch passen wollte. Erwartungsgemäß ging Sträter damit auf Punktejagd und räumte ab. Unter den anderen Slammern war neben Tobi Katze aus Dortmund auch die slammende Integrationsbeauftragte Öslem aus Bochum, die mit einem eher nachdenklichen Beitrag über Vorurteile, Integration und ein irgendwo dazwischen verloren gegangenes Heimatgefühl punktete.

Die Überraschung des Abends kam dann mit dem Bremer „Budnikowski“, der sein Pseudonym nach der norddeutschen Drogeriemarktkette ausgewählt hat. Er selbst sei Lehrer, teilte er dem Publikum mit, und seine Schüler müssten ja nicht unbedingt wissen, was er in seiner Freizeit so treibt. Könnten sie aber durchaus, denn das, was der Bremer unter dem Titel „Ich könnte kotzen“ vortrug, war gesellschaftskritisch, hielt den Spiegel vor, war brandaktuell aufbereitet und hätte mit dem sich ständig wiederholenden „Es kann doch nicht sein…“ zwischen atemloser Stille und Szenenapplaus durchaus auch noch länger als die geforderte Slam-Zeit gehen können.

Insgesamt erlebte das Publikum einen ebenso wortreichen wie gelungenen Abend, bei dem zu hoffen bleibt, dass weitere folgen werden. Vielleicht nicht unbedingt zeitgleich mit einem Straßenfeger-Fußballspiel, auf jeden Fall aber in der urigen Atmosphäre des Dahlmann-Saales und mit der charmanten Moderation eines Marian Heusers, der nie zu sagen vergaß: „Euer donnernder Applaus gehört dem Künstler – und nicht der Punktzahl!“ - rudi

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