Lüdenscheider Gastro-Geschichte(n)

„Einmal Pommes und die Tageskasse, bitte!“ - Immer Ärger mit der Imbissbude

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Eine gewisse Tristesse war der Frittenbuden-Szene der Anfangsjahre nicht abzusprechen – wie auf diesem Foto aus den 70er-Jahren an der Altenaer Straße.

Lüdenscheid - Mit Frittenbuden kann man gutes Geld verdienen. Das wissen nicht nur deren Besitzer; das wussten auch zwei Ganoven. Bei ihnen klappte das allerdings dann doch nicht.

Stubenhocker erleben nur selten was. Wer in einer Stadt wie Lüdenscheid mitreden will, der muss raus, dahin, wo das Leben pulsiert – in die Restaurants und Pommesbuden, die Kneipen, Clubs und Diskotheken. In der Serie „Essen, Trinken, Ausgehen!“ unternimmt Fabian Paffendorf einen Streifzug durch die Gastronomie-Geschichte(n) der Bergstadt (hier geht es zu allen Folgen). Wo wurde gestern und vorgestern gut gegessen und getrunken– und welchen Einfluss hatte das Nachtleben von einst auf die Gastro-Szene von heute? Im Mittelpunkt von Folge 16 steht ein Streifzug durch die Schnellimbiss-Szene Lüdenscheids. Ein Blick auf Kult-Pommesbuden und auf die Schlagzeilen rund um Fast Food jenseits der Systemgastronomie.

Die klassische Frittenbude gehört ebenso zum Stadtbild der Kommunen im Ruhrgebiet und Sauerland wie die Trinkhallen und Kioskbetriebe.

Seit dem Mittelalter

Gastronomen, die den schnellen Happen für den kleinen Hunger für ihre Kunden bereithielten, gab’s schon im Mittelalter. Vom Wagen aus reichte das fahrende Volk den Menschen deftige Mahlzeiten. Die Essgewohnheiten änderten sich im Laufe der Jahrhunderte, Snacks zwischen den Mahlzeiten waren zunehmend verpönt.

In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts war in Deutschland das Essen als gemeinschaftliches Erleben innerhalb des familiären Kreises fest verankert. Festgelegte Orte, festgelegte Zeiten – Genuss als rituelle Zusammenkunft derer, die man liebte. Die Brühwurst aus dem Bauchladen oder andere kleine Snacks „für auf die Faust“ waren in der Alltagswelt etwas, das man bei Volksfesten, in Kinos und Kneipen antraf.

Schnellimbiss-Boom erreicht die Stadt

Der Schnellimbiss-Boom in West-Deutschland wurde erst in den späten 1950er-Jahren losgetreten, er war ein Kind des Wiederaufbaus nach dem Zweiten Weltkrieg und des Wirtschaftswunders. Im Urlaub wurden mit der Familie die europäischen Nachbarn bereist und dort neue kulinarische Genüsse entdeckt. Beim Griechen gab es Gyros, der Italiener bot Pizza an, belgische Pommes Frites wurden kredenzt. Auch, wer innerhalb Deutschlands verreiste, fand einen innovativen Gaumenschmaus vor: die 1949 in Berlin erfundene Currywurst.

Der Deutsche wollte auch zuhause essen wie im Urlaub, und dabei kamen nun die Gastarbeiter ins Spiel. In den späten 1960er-Jahren machten sich immer mehr Griechen, Türken und Italiener im Gaststättengewerbe selbständig – auch in Lüdenscheid.

Die Optik stand bei den Frittenbuden - hier 1984 an der Schlachthausstraße - nicht unbedingt im Vordergrund.

Klassische Restaurantbetriebe, mobile Verkaufswagen und Schnellimbiss-Lokale, die südländische Spezialitäten reichten, gab es bald im ganzen Stadtgebiet. Zwischen 1975 und 1987 kam es zu einer explosionsartigen Ausbreitung von Schnellimbiss-Betrieben in der Innenstadt. Auf der Knapper Straße zog der Grill am Knapp (auch als „Fettschachtel“ bekannt“) 1980 in die Räume unterhalb der AOK (Knapper Straße 59), die zuvor von Elektro Beverungen genutzt wurden. Wenige Meter weiter, neben der Gaststätte Dudelsack (Knapper Straße 57), gab’s das Andreas Pils zum Krüstchen im Bürgerstübchen (in den 1990er-Jahren unter neuem Betreiber als Lavagrill bekannt, heute Big Döner). 1983 eröffnete an der Knapper Straße 27 Dimitrios Panagiotou seinen Schnellimbiss.

Beliebter Imbiss in der Innenstadt: der Stern-Grill.

Den Trend zum Fast Food wurde zeitweise auch von den Betreibern des Westfalenhofs (Albrechtstraße 2/Knapper Straße 69a) genutzt, um Gäste anzuziehen. Kurzzeitig benannten sie die Gaststätte in Schlemmerstübchen um. Zum Schlemmen in den Mittagspausen zog es die Mitarbeiter des Rathauses regelmäßig in die Altenaer Straße 2: Den Stern-Grill im Kohns-Haus gab es schon seit Mitte der 70er, doch erst unter dem griechischen Ehepaar Heidi und Constantin Liontos entwickelte sich der Imbiss ab 1980 zur Kult-Frittenbude.

Hamburger und Dicke Sauerländer

Barbara Pappas und Kristina Palys als Betreiberinnen kamen von 2005 bis 2007 nur kurz zum Zug, da Haus und Grill daraufhin zugunsten der Stern-Center-Erweiterung den Abrissbaggern zum Opfer fielen.

Flottes Futter auf die Holzgabeln brachte im Center-Vorläufer CCL das Dortmunder Ehepaar Lischka. So mancher Schüler vom Staberg ließ sich dort in den 1980er-Jahren Hot Dogs und Hamburger schmecken. Der wenig betörende Duft der Imbissbude im Center verfolgte die Center-Besucher gar bis zur nächsten Fast-Food-Gelegenheit – dem „Dicke Sauerländer“-Verkaufswagen vorm Kaufhof. Fettiges vom Center-Grill konnten sich zudem die Besucher des Knödler-Zentrums in der dortigen Imbissbude schmecken lassen.

Einladend? City-Grill und Ritterquelle an der Hochstraße.

In der Oberstadt an der Wilhelmstraße 52 erweiterte der Metzger Ellermann sein Geschäft um einen Imbissbereich. Und die Hochstraße zeigte sich über Jahrzehnte als Top-Meile für die Fans von Gyros & Co.. Es lockten das Grill-Restaurant Marmara (Hochstraße 5), der City-Grill neben der Ritter-Quelle (Hochstraße 12), Mykonos (Hochstraße 42) und ab 1984 der Imbiss-Wagen am Bräucken (ab 1986 Stratos-Grill mit der Anschrift Schlachthausstraße 7, seit 2012 in den Räumen Schlachthausstraße 2).

SPD fühlt sich "wie auf dem Balkan"

Jeder Stadtteil bekam seine Pommesbuden: An der Heedfelder Straße ging man zum Imbiss am Neuhaus (Heedfelder Straße 37) oder zum Grill am Kreishaus (Heedfelder Straße 62), Kalver Grill, Grill am Hülscheider Baum, Lennegrill und viele andere Schnellimbisslokale folgten.

Eine Entwicklung, die Kritiker auf den Plan brachte. So beschäftigte sich bereits 1981 die Politik mit der Ausbreitung der Pommesbuden. Die SPD-Ratsmitglieder Horst H. Stich und Arnhild Scholten brachten das Klagen genervter Bürger in den Bauausschuss. Die Bergstädter monierten, dass sie sich „wie auf dem Balkan vorkommen“ und fragten: „Muss denn dieser Gestank wirklich sein?“

Dem Aufschrei der Entrüstung folgte alsbald aber die Gewissheit, dass viele der neuen Imbissstuben schnell wieder dicht machten, ihre Betreiber an anderer Stelle dann an der Friteuse standen. Das Ehepaar Christos und Glikeria Pilis hatte ausnahmsweise keinen Ärger mit den Nachbarn, als es sich 1986 mit dem Grill Medaillon am Brockhauser Weg in der Pommesbuden-Szene der Bergstadt selbstständig machte. Gute zehn Jahre später ließ die Familie das ehemalige Schuhhaus Salamander an der Knapper Straße 69 um- und ausbauen. 1997 eröffneten sie ihr Grill-Restaurant Dampflok in den Räumen. Seither eine beliebte Adresse für Lüdenscheids Fast-Food-Freunde.

Der „Sauerlandgrill bei Jochen“ war Schauplatz eines Raubüberfalls.

Ein echtes Unikum unter den Lüdenscheider Pommesbuden war lange Jahre der Sauerlandgrill bei Jochen, betrieben von Joannis Skabas. Der kleine Schnellimbiss befand sich in den 1980er- und 1990er-Jahren in einem provisorisch umgerüsteten Verkaufspavillon gegenüber dem unteren Sauerland-Center-Eingang. Anders als bei vielen Mietern des Haupthauses liefen die Geschäfte im Sauerlandgrill Mitte der 80er beständig gut.

Die Frittenbude zog aber nicht nur hungrige Stammgäste an, sondern ebenso im Sommer 1985 das kleinkriminelle Duo Pero A. und Ferdinand I.. Der 35 Jahre alte Jugoslawe I. war in Halver einige Zeit lang als Keipier aktiv, aber danach beschäftigungslos. Seinen Landsmann, den 25-jährigen Mülheimer Pero A., hatte Ferdinand I. im Sommer 1984 kennengelernt. Der Gelegenheitsarbeiter besuchte seinen Kumpel regelmäßig in Halver. Und dann fuhren sie in I.s Auto nach Lüdenscheid und gingen auf Sauftour durch die Bergstadt-Kneipen.

So auch am Abend des 26. Juni 1985. Nur: Desmal war etwas anders als sonst. Mehrere Tage zuvor hatte Ferdinand I. den Betrieb am Sauerlandgrill beobachtet, hatte gesehen, dass dort wohl ordentlich Geld in die Kasse floss. Der Plan war gereift, zusammen mit Pero A. den Schnellimbiss zu überfallen.

Den Wagen hatte Ferdinand I. diesmal an der oberen Kölner Straße abgestellt. Und nachdem beide sich ordentlich Mut angetrunken hatten, übergab I. Pero A. eine Pistole sowie einen Gummihammer. Damit sollte er die Bedienung des Grills bedrohen, die Tageseinnahmen einfordern und schnell zum Fluchtwagen rennen, in dem Ferdinand I. warten wollte.

Mutiger Grieche schwer verletzt

Und so wurde es auch gemacht. Während Ferdinand I. im Auto wartete, begab sich Pero A. zur Pommesbude und zückte gegenüber dem griechischen Mitarbeiter Basilos Z. die Schusswaffe. Die Aushilfe dachte nur in diesem Moment nicht daran, dem Räuber die rund 1000 D-Mark auszuhändigen, die sich gerade in der Kasse befanden, sondern stürmte aus dem Grill heraus und versuchte, dem Gangster die Waffe zu entreißen. Im folgenden Handgemenge löste sich ein Schuss aus der Pistole, der Z. schwer verletzte.

Der Verwundung zum Trotz gelang es dem Griechen, die Waffe an sich zu reißen und damit auf den Räuber einzuschlagen. Der am Kopf verletzte Pero A. rannte zum Auto, Ferdinand I. gab Gas – und das Duo flüchtete.

Anhand der Täterbeschreibung von Basilos Z. war es der Polizei einige Monate später dann möglich, ein Phantombild des Gangsters anzufertigen. 5000 D-Mark Belohnung wurden ausgesetzt – und nachdem die LN und die Westfälische Rundschau das Phantombild abdruckten, kam die Mordkommission dem Gangster-Duo schnell auf die Schliche. Ein Wirt, in dessen Kneipe die beiden regelmäßig verkehrt hatten, gab den entscheidenden Tipp.

Im April 1986 wurden die Täter am Landgericht Hagen verurteilt. Pero A. trat eine vierjährige Haftstrafe an, Ferdinand I. musste als „geistiger Vater der Tat“ für sieben Jahre ins Gefängnis. Es hatte sich auch herausgestellt, dass das Auto, das für die Flucht genutzt worden war, zudem geklaut war.

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