Lüdenscheider Gastro-Geschichte(n)

"People" Romberg: Der Paradiesvogel unter den Lüdenscheider Wirten

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York Rüdiger „People“ Romberg – der Paradiesvogel unter den Lüdenscheider Wirten.

Lüdenscheid - Er war der Paradiesvogel unter den Lüdenscheider Wirten – York Rüdiger „People“ Romberg. Jeder kannte ihn, und er kannte jeden – auch Udo Lindenberg und einen gewissen Boris Becker.

Stubenhocker erleben nur selten was. Wer in einer Stadt wie Lüdenscheid mitreden will, der muss raus, dahin, wo das Leben pulsiert – in die Restaurants und Pommesbuden, die Kneipen, Clubs und Diskotheken. In der Serie „Essen, Trinken, Ausgehen!“ (hier geht es zu allen Folgen) unternimmt Fabian Paffendorf einen Streifzug durch die Gastronomie-Geschichte(n) der Bergstadt. Wo wurde gestern und vorgestern gut gegessen und getrunken– und welchen Einfluss hatte das Nachtleben von einst auf die Gastro-Szene von heute? Folge 15 widmet sich dem wohl prominentesten Wirt Lüdenscheids und dem, was er hinterließ, als er der Bergstadt den Rücken kehrte. Ob nun in Lüdenscheid, auf Mallorca oder in Hamburg, immerzu gilt: Wo York Rüdiger „People“ Romberg auftaucht, da brennt die Luft.

In den späten 1960er-Jahren steht die Popmusik am Wendepunkt. Der Vietnam-Krieg, die Hippie-Bewegung, sexuelle Revolution und die vom LSD-Papst Timothy Leary gepredigten „Gebote zum molekularen Zeitalter“ halten thematischen Einzug in die Popkultur. Es hagelt progressive Klänge und Sounds, Musiker machen keinen Hehl mehr daraus, dass bei der Entstehung ihrer Musik psychoaktive Substanzen im Spiel sind. Bands wie Iron Butterfly, The Moody Blues und Procol Harum liefern den Klangteppich zum Zeitgeist. Und Lüdenscheids Jugend bekommt eine „Psychothek“.

An der hinteren Hochstraße ist Ende der 1960er-Jahre ein Neubau entstanden. Das Haus mit der Nummer 87, das von der Hamburger Immobiliengesellschaft Coop vermarktet wird, bietet sowohl Mietwohnungen in den oberen Etagen sowie Gastro- und Gewerberäume im Erdgeschoss.

Im Yellow Bee geht's bunt zu

Die Immobilie am Bräucken weckt das Interesse der beiden Lüneburger Hans-Jürgen Knüdel und Enno Becker, die ihren Einstieg ins Gastronomiegeschäft planen. Was ihnen vorschwebt, ist ein Lokal, das so ganz anders als eine gewöhnliche Diskothek ist – ein Refugium für die Fans progressiver Klangwelten.

Man will nicht nur musikalisch neue Wege beschreiten. In der sogenannten „Psychochotek“ sollen alle Sinne angesprochen werden: Mehrere Projektoren sollen den Raum mit bunten Farbenspielen illuminieren und Bewegtbilder auf die Wände werfen, im grellen Stroboskoplichtgewitter Seifenblasen durch den Raum tanzen. Optische Reize will man mit der Musik verschmelzen, völlig neue audiovisuelle Erlebnisse schaffen.

Am 1. Juli 1969 eröffnet das Lüneburger Duo genau so eine Lokalität im Haus Hochstraße 87. Das „Yellow Bee“ getaufte Novum zieht fortan Besucher aus dem ganzen Sauerland und Ruhrgebiet an. Denn so eine Underground-Disko, die sich völlig dem Mainstream verweigert, kennt man in der Region noch nicht.

Uli Salm an den Plattentellern

An den Plattentellern steht Jura-Student Uli Salm. Salm ist zudem Bassist der Hamburger Jazz-Formation „Leinemann“, die er zusammen mit Gottfried Böttger, Jerry Bahrs, Ulf Krüger und Django Seelenmeyer, gegründet hat. Die Musiker stammen aus dem Umfeld des Hamburger Jazzclubs Onkel Pös Peu à Peu (später Onkel Pös Carnegie Hall).

Am 16. Dezember 1969 bekommt das Yellow Bee einen neuen Nachbarn. Direkt neben der Psychothek eröffnet York Rüdiger Romberg eine kleine Boutique im Haus. Der Mann, der den meisten Lüdenscheidern unter seinem Spitznamen „People“ bekannt ist, kennt sich auch etwas in der Lüdenscheider Gastronomie-Szene aus. Denn neben der Boutique betreibt er einen Raumpflege-Service, besorgt Putzkräfte für Lokale der Bergstadt.

„Mit den Lüneburgern kam ich schnell ins Gespräch, man unterhielt sich über dies und das – wie das halt eben so ist“, erinnert sich York Romberg heute.

"People" lernt die Hamburger Szene kennen

Es dauert nicht lang, da nimmt das Team vom Yellow Bee den Nachbarn mit nach Hamburg, Romberg knüpft Kontakte zur Hamburger Musikszene. „Da habe ich die Leute wie Udo Lindenberg kennengelernt“, sagt People. Man tingelt mit den neuen Bekanntschaften durch die Clubs der Hansestadt, trifft auf nationale und internationale Musiker, Manager und Prominente, die sich dort tummeln.

Zwischen Enno Becker und Hans-Jürgen Knüdel hingegen kracht’s. Die Geschäftspartner trennen sich. Und da Becker neben dem Yellow Bee noch einen weiteren Club in seiner Heimatstadt Lüneburg führt, überträgt er People die Leitung der Lüdenscheider Psychotek.

Romberg krempelt den Laden radikal um. „Ich habe da erst mal alles rausgerissen und weggeworfen, was gänzlich Neues daraus gemacht“, sagt er. Flower-Power fliegt raus, Live-Musik und antiquarisches Interieur ziehen ein. Neu eingerichtet wird das Lokal mit allerhand alten Möbeln und Trödel. Ein Großteil der Ausstattung stammt aus Sammelaktionen, die an Tagen der Sperrmüllabfuhr in den Hamburger Stadtteilen Blankenese und Eppendorf durchgeführt werden.

Konzerte bekannter Bands – wie hier der Lords – waren im Beanery das Salz in der Suppe.

Statt auf progressive und psychodelische Klänge setzt York Romberg jetzt auf Jazz, Rock und Beat. Die Live-Bands, die künftig im Lokal auftreten, rekrutieren Uli Salm und Romberg über ihre mittlerweile hervorragenden Kontakte in die Hamburger Club-Szene. Und People hat noch ein weiteres Ass im Ärmel: „Als ich hörte, dass der Lüdenscheider Jazzclub neue Räume für Konzerte suchte, weil man sich mit Stadtjugendpfleger Schumann verkracht hatte, bot ich sie an.“ Das Studio 19, ehemaliges Domizil des Jazzclubs an der Kerksigstraße, leiht einem neuen Veranstaltungsformat in den Räumen der Hochstraße 87 den Namen.

Gäste aus ganz Deutschland

Im Dezember 1970 eröffnet York Romberg seinen Club unter neuen Namen. Das Yellow Bee heißt jetzt Beanery – so wie ein kanadisches Holzfällerlokal. Dem Beanery ist ein sensationeller Erfolg beschieden. Der Club mausert sich aus dem Stand heraus zur angesagtesten Adresse für die Musikfreunde im gesamten Märkischen Kreis und macht sich bald deutschlandweit einen Namen.

Der Erfolg beflügelt York Romberg dazu, weitere Gastronomiebetriebe aufzubauen. Mit Wolfgang Pohl eröffnet er 1976 das Schneckenhaus am Graf-Engelbert-Platz. Die Plettenberger bekommen das Beanery II. Doch 1978 bekommt People Probleme mit dem Finanzamt. Bis Anfang 1981 häufen sich rund 200 000 D-Mark an Steuerschulden an. Schließlich lässt die Stadt das Beanery an der Hochstraße dichtmachen, entzieht Romberg die Konzession.

Im Beanery gegründet und seit 2006 wieder aktiv:_Catfish Boobie and the Beanery Criminals.

Vom Zapfhahn des Beanery verabschiedet sich People trotzdem noch nicht. Eigentlicher Pächter des Beanery ist mittlerweile Horst Gnacke, der an den Szene-Gastronom nur untervermietet hat. Jetzt unterverpachtet Gnacke das Lokal an seinen Sohn Holger. Der bekommt eine Konzession zum Betrieb eines Musiklokals und engagiert People als Angestellten.

Das geht ein knappes halbes Jahr gut, dann gibt’s handfesten Streit zwischen den Pächtern und dem Wirt – ums Geld. York Romberg zieht weiter, an der Hochstraße steht er abermals als Wirt im Aquarium hinterm Tresen, dann von 1985 bis 1987 im New Yorker gegenüber vom Geschwister-Scholl-Gymnasium. Danach eröffnet People das La Gare am Brügger Bahnhof.

Das La Gare in Brügge bleibt nur eine Episode in "Peoples" Karriere.

Im Beanery wechseln in den 80ern derweil Pächter und Wirte. Unter Regie von Gabi Post steht Dietmar Bolz hinterm Tresen. Auch Klaus Stange schenkt an der Hochstraße 87 aus. Das letzte Kapitel in der Geschichte des Beanery schreiben Roger Kirchhoff und Hans Wernscheid, beide Musiker der Haus-Band „Catfisch Boobie“. Sie übernehmen das Beanery 1990.

Im Jahr 1991 suchen die Pächter nach einem dritten Mann, der das Lokal mit frischen Ideen versorgen soll. Der gelernte Forstwirt Robert Köster hört davon. Eine gemeinsame Bekannte, die im Beanery arbeitet, vermittelt zwischen Köster und den Betreibern.

Sollbruchstelle schnell erreicht

„In die Gastronomie einzusteigen erschien lukrativer, als im Wald rumzustiefeln. Außerdem stand nicht das Geld im Mittelpunkt, sondern die Zeit mit den Leuten zu verbringen, mit denen man Spaß haben konnte“, sagt Robert Köster. Er steigt mit ein.

Obwohl der Club schon längst nicht mehr so brummt wie zu Peoples Zeiten, läuft der Laden zunächst ganz gut. „Dann kaufte aber die Sparkasse das Gebäude, über dem Beanery zogen jetzt Mieter ein, die sich von einem Live-Musik-Club gestört fühlten. Die Folge war, dass bei Konzerten ab sofort ständig das Ordnungsamt und die Polizei vor der Tür standen, weil man sich über uns beschwert hatte“, erzählt Köster.

Die Sollbruchstelle ist schnell erreicht. Aufgrund der anhaltenden Beschwerden unterbindet das Ordnungsamt ab 1992 dauerhaft Live-Konzerte im Club. Trotzdem geht der Ärger mit der Nachbarschaft weiter. „Im März 1994 war endgültig Schluss mit dem Beanery, die Sparkasse kündigte uns“, sagt Robert Köster.

Aber trotzdem gibt es kurzzeitig Überlegungen, die Club-Legende an anderer Stelle wiederzubeleben – in den Räumen der ehemaligen Milchwerke am Bräuckenkreuz. „Die Tanzschule von Geza Lang zog dort ein, für einen Live-Club oder eine Diskothek standen zudem große Räume in der Immobilie zur Verfügung“, sagt Köster. Doch der große Erfolg der neuen Event-Gastronomie in Lüdenscheid, der Zuspruch den Brauhaus und Schnarchhahn (heute Saitensprung) erfahren, schmälert die Hoffnungen, dass eine Fortführung des Beanery an neuer Stelle wirtschaftlich tragbar ist. Das Ende des Clubs ist endgültig.

People's Bar auf der Balearen-Insel

Der umtriebige York Romberg hingegen geht 1998 nach Mallorca. In Port Andraitx betreibt er den In-Treff „People’s“. „Prominente wie Boris Becker, Dieter Bohlen und die Großen der deutschen Politik gingen hier ein und aus“, erzählt Romberg. 15 Jahre lang ist „People’s“ der Treffpunkt im Nobel-Urlaubsort, dann holt Uli Salm seinen alten Freund zurück nach Hamburg. In Salms St.- Pauli-Kultkneipe Zwick bekommt Romberg die gastronomische Leitung übertragen.

York Rüdiger Romberg in seiner Bar auf der Insel Mallorca.

In der Hansestadt lebt der Kultwirt heute noch, aber in Lüdenscheid – da, wo alles anfing – trifft man ihn trotzdem noch mit schöner Regelmäßigkeit an.

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