„Essen, Trinken, Ausgehen!“: Teil 1

Essen, Trinken, Ausgehen in Lüdenscheid: "Westmilch" ersetzt "molü"

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Die Milchwerke im Jahr 1981.

Lüdenscheid - Vor rund 40 Jahren gingen in dem Gebäudekomplex Bräuckenstraße 4-6 die Lichter aus. Das Ende der Lüdenscheider Molkerei war gekommen. Bis dahin war es ein langer Weg, und zeitweise hatten Milchprodukte aus der Bergstadt einen ausgezeichneten Ruf. Zeitweise aber auch nicht.

Stubenhocker erleben nur selten etwas. Wer in einer Stadt wie Lüdenscheid mitreden will, der muss raus, dahin, wo das Leben pulsiert – in die Restaurants und Pommesbuden, die Kneipen, Clubs und Diskotheken. In der Serie „Essen, Trinken, Ausgehen!“ (alle Teile hier) unternimmt Fabian Paffendorf einen Streifzug durch die Gastronomie-Geschichte(n) der Bergstadt. Wo wurde gestern und vorgestern gut gegessen und getrunken– und welchen Einfluss hatte das Nachtleben von einst auf die Gastro-Szene von heute? Bevor es aber raus geht, dahin, wo die Nächste an den Wochenenden zu Tagen gemacht werden, widmet sich Folge 1 der Geschichte einer heimischen Manufaktur von Milchprodukten. Ein Streifzug durch die Geschichte der Milchwerke Sauerland.

Es ist inzwischen augenscheinlich aber nicht mehr viel, was im Sommer 2019 an das geschäftige Treiben von einst an der Bräuckenstraße erinnert. Im Getränkemarkt im unteren Gebäudebereich ist noch etwas los. Hin und wieder hat auch der Gebrauchtwagenhandel, der vor dem Haus in einer kleinen Holzbude sein Büro führt, Kundschaft.

Der Gebäudekomplex heute.

Ansonsten ist der Rest des Areals auf dem besten Weg zu verkommen. Wilde Müllkippen, weggeworfene alte Autoreifen und zugewucherte Zugänge bestimmen das heutige Erscheinungsbild.

Doch ist eine Änderung in Sicht. Der Discounter Lidl will den kompletten Gebäudekomplex abreißen und dort eine neue Filiale bauen. Und dabei war dieser Gebäudekomplex einmal der ganze Stolz der Milchwerke Sauerland.

Die Vorläuferin dieser Milchwerke Sauerland war eine kleine Molkerei in Herscheid-Neuemühle gewesen. Am 13. Januar 1934 schlossen sich 32 Bauern aus Lüdenscheid und Umgebung dann zu einer Genossenschaft zusammen – es war die Geburtsstunde der Molkerei Lüdenscheid eGmbH.

Logenhaus wird zur Molkerei

Deren Produktionsstätte wurde nun in die Innenstadt Lüdenscheids verlegt. Ein geeignetes Gebäude dafür fand sich in Form des Logenhauses der Freimaurer „Zum Märkischen Hammer“ an der Freiherr-vom-Stein-Straße 20. Nach der Machtergreifung hatten die Nationalsozialisten alle Logen aufgelöst, deren Vermögen und Häuser enteignet.

Am 1. Dezember nahmen die genossenschaftlichen Milchwerke nun den Betrieb mit einer Tageskapazität von 8000 Litern Milch am neuen Standort auf. 13 Mitarbeiter waren seinerzeit im Betrieb beschäftigt. Mit Beginn des Zweiten Weltkriegs brach die Milchproduktion in Deutschland beinahe völlig zusammen. Die mageren Jahre der Lebensmittelindustrie sollten noch über das Kriegsende hinaus andauern.

Das Ende der sogenannten „Magermilchzeit“ markierte dann die Währungsreform im Jahre 1948. Diese erwies sich als Initialzündung für die Zeit des deutschen Wirtschaftswunders, das mit Beginn der 1950er-Jahre einsetzte. Das rasante Wirtschaftswachstum ging mit neuen Anforderungen an die Betriebe einher.

Auch die Verantwortlichen der genossenschaftlichen Molkerei Lüdenscheid mussten umdenken, um die Produktion um weitere Milcherzeugnisse wie Frischkäse, Joghurt oder Kakao-Mischgetränke zu erweitern und so der neuen Nachfrage anzupassen.

Umzug an die Bräuckenstraße

Schnell stellte man fest, dass dies nur mit einer größeren und moderneren Betriebsstätte möglich war. Diese entstand jetzt für rund drei Millionen D-Mark auf einem 12 000 Quadratmeter großen Areal an der Bräuckenstraße 4-6 und wurde am 1. Mai 1951 ihrer Bestimmung übergeben.

Zu der Vielzahl an technischen Neuerungen, welche die Molkerei vorzuweisen hatte, gehörten sowohl eine vollautomatische Flaschenmilchanlage als auch moderne Umschalt- und Regelgeräte, die die Pasteurisierungstemperaturen überwachten. Zudem war ein eigenes Betriebslabor eingerichtet worden, in dem die Lebensmitteltechniker die hauseigenen Produkte auf Qualität überprüfen konnten. Mit dem Neubau der Milchwerke ging außerdem eine Verteilstelle der Molkerei in Werdohl in Betrieb. Mittlerweile arbeiteten 70 Menschen vor Ort für die Milchwerke.

Zum 25. Jahrestag der Genossenschaftsgründung im Jahr 1959 wurde in der Schützenhalle am Loh groß gefeiert. Grund zu feiern gab es schließlich genug, wie ein Blick auf die damaligen Zahlen belegt: Der Jahresumsatz der Molkerei Lüdenscheid eGmbH betrug rund zehn Millionen D-Mark.

Tuffi-Tanker im Jahr 1978.

5342 Kühe im Einsatz

Die Genossenschaft war auf 866 Mitglieder angewachsen, 45 freie Milchlieferanten waren zusätzlich an Bord. 14,5 Millionen Liter Milch von insgesamt 5342 Kühen fanden den Weg zur Verarbeitung in die Lüdenscheider Molkerei am Schlachthaus. Trotzdem war man aufgrund des weiter wachsenden Bedarfs zu Ankäufen gezwungen, sodass final 17 Millionen Liter jährlich verarbeitet werden konnten.

Für die rasante Entwicklung zum Erfolgsbetrieb, welche die Molkerei eingeschlagen hatte, war die Genossenschaft unlängst mit Preisen und Qualitätssiegeln überhäuft worden. Allein die Qualität der Milch wurde fünf Jahre in Folge mit der Anton-Fehr-Medaille in Bronze und Silber ausgezeichnet. Die Molkerei Lüdenscheid eGmbH war zu einem der Spitzenbetriebe ihrer Art in Westfalen-Lippe aufgestiegen.

Um dem rapiden Wachstum der Nachfrage nach Milchprodukten nachkommen zu können, erfolgte 1968 der Zusammenschluss der Lüdenscheider Molkerei mit dem Städtischen Molkereibetrieb Iserlohn. Aus der Fusion der beiden märkischen Milchproduzenten entstand die Milchwerke Sauerland eG, deren Produkte unter dem gemeinsamen Namen „molü“ in die Verkaufsregale wanderten.

"Westmilch" ersetzt "molü"

Verbraucher mussten sich allerdings zum 1. März 1971 umstellen, wenn sie heimische Milch, Quark, Butter oder Cremespeisen in den Supermärkten suchten. Denn „molü“ war nicht mehr zu finden. Stattdessen prangte auf Waren der Milchwerke Sauerland nun das Etikett „Westmilch“. Ein Label, das ebenso fortan die Erzeugnisse der Molkereien Dortmund, Bochum, Bielefeld, Herford, Paderborn, Höxter, Münster, Marl-Dorsten, Borken und die Milchwerke Westmünsterland trugen.

Ursache dafür war ein weiterer Zusammenschluss auf der Vertriebsebene, der dazu diente, die Sauerländer Milchproduktpalette in mehr Supermärkte zu bringen. Anstatt der rund 2000 Läden, die bisher „molü“ führten, gingen die Sauerländer Erzeugnisse unter der „Westmilch“-Marke fortan an Einzelhändler an Standorten, die zwei Drittel Westfalens abdeckten.

Eine wandelnde Milchtüte im Jahr 1978 auf der Wilhelmstraße.

Sauermilch aus Lüdenscheid

Allerdings brachte der Vertrieb im Verbund eine Spezialisierung in den Produktionsstätten der Milchwerke Sauerland mit sich. Während in Iserlohn hauptsächlich die Butter- und Käseproduktion gefördert wurde, spezialisierte sich der Lüdenscheider Betrieb auf Herstellung von Sauermilch, Joghurt, H-Milch und Trockenmilch.

Den Erfolgen und Expansionen zum Trotz gärte es bald bei den Milchwerken Sauerland. Es war der 25. Juli 1972, als der sogenannte „Milch-Alarm“ im Sauerland ausgerufen wurde. Der Arnsberger Schüler Wolfgang Rose wollte sich am Mittag einen Pudding kochen und nahm den „Westmilch“-Milchschlauch aus dem Kühlschrank. Er öffnete ihn, und ihm kam ein fürchterlich ätzender Gestank aus der Packung entgegen. Was war das?

Der damals 16-jährige Rose wollte es wissen – und besorgte sich Lackmus-Papier in der Apotheke. Beim Test mit der Milch verfärbte sich das Papier blau, der Beweis dafür, dass die Packung mit Lauge verseucht sein musste. Die Polizei wurde umgehend eingeschaltet.

Hubschrauber im Warneinsatz

In weiten Teilen des Sauerlandes starteten nun Hubschrauber und Lautsprecherfahrzeuge der Polizei, um die Bevölkerung zu warnen: „Vom Verzehr der Dienstags-Tüten ist dringend abzuraten!“ Überall durchforsteten jetzt Ordnungshüter die Märkte nach Schläuchen der „Dienstags-Milch“. 59 verdächtige Packungen beschlagnahmten sie.

Zeitgleich standen die Telefone bei den zuständigen Gesundheits- und Ordnungsämtern nicht mehr still, auch die Innen- und Landwirtschaftsminister des Landes NRW wurden eingeschaltet. Indessen waren die Mitarbeiter des Chemischen Untersuchungsamts Hamm mit der Analyse der verdächtigen Molkereiprodukte betraut worden. Sie kamen schnell zu einem Ergebnis: Die Milch war mit Natronlauge verunreinigt gewesen, der Verzehr konnte zu schweren Verätzungen des Verdauungstrakts führen. Es sollten nicht die einzigen Probleme bleiben, die das Ansehen der Milchwerke Sauerland nachhaltig beschädigten.

Bauern haben die Nase voll

Unter Bodo M. als Geschäftsführer des Lüdenscheider Werks kam es auch dort zu einem Debakel. Durch Versäumnisse in der Qualitätskontrolle war 1977 ein gravierender Defekt der H-Milch-Anlage nicht bemerkt worden. Die Konsequenz war, dass Lkw-weise verdorbene Milch an die Händler geliefert wurde. Eine große Rückrufaktion wurde eingeleitet. Der Schaden: rund 700 000 D-Mark. Obwohl Bodo M. kurz vor der Pensionierung stand, trennte sich die Genossenschaft nach diesem Vorfall mit sofortiger Wirkung von ihm.

Nicht nur die Kunden, sondern auch die Bauern, die als Anteilseigner der genossenschaftlich geführten Werke agierten, verloren allmählich das Vertrauen in den Betrieb. Als der weithin bekannte Landwirt Karl Mühlhoff nach 15 Jahren an der Spitze des Vorstandes sein Amt niederlegte, wurde klar, dass hier etwas nicht mehr stimmte.

Bei Tuffi gibt's mehr Geld

Neben den internen Querelen und den Vorfällen um verunreinigte Milchlieferungen litt das Unternehmen unter dem Wegfall von immer mehr Lieferanten. Diese wanderten jetzt zu den Milchwerken Bergisch Land/Wuppertal ab, dem ärgsten Mitbewerber der Milchwerke Sauerland. Es hatte sich längst unter den Bauern herumgesprochen, dass die Produzenten hinter der Marke Tuffi mehr Geld pro Liter Milch bezahlten.

Über das Jahr 1978 hielten sich die Gerüchte hartnäckig, dass die Lüdenscheider Molkerei geschlossen werden sollte, 146 Mitarbeiter demnächst arbeitslos sein könnten. Ende des Jahres dann der große Knall: Die Märker fusionierten mit den Milchwerken Bergisch Land/Wuppertal, die Sauerländer Produktion wurde komplett nach Iserlohn verlegt.

Traueranzeige aus dem Jahr 1978.

Das Ende ist besiegelt

Das Ende des Lüdenscheider Werks war besiegelt, die Lichter gingen kurz darauf aus. 1981 wechselte dann die Immobilie Bräuckenstraße 4-6 für sieben Millionen D-Mark den Besitzer. Käufer war der Fleischwarenfabrikant Hans-Jürgen B., dessen benachbarter Schlachthausbetrieb wenige Jahre später nach einem handfesten Betrugs-Skandal geschlossen werden musste.

Nach weiteren Eigentümerwechseln erwachte die alte Molkerei nochmals als prominente Gewerbeimmobilie mit Einzelhandelsflächen aus dem Dornröschenschlaf. Sowohl die Tanzschule von Geza Lang als auch das Tiernahrungsgeschäft Fressnapf und das Fitnessstudio Engelbertz waren spätere Mieter hier. Ab 2014 begann aber ein massiver Mieterschwund in dem Haus. Heute liegt es größtenteils brach.

Und die Iserlohner Produktionsstätte der Milchwerke Sauerland an der Baarstraße? Sie bestand noch bis ins Jahr 2000, wurde geschlossen, nachdem Tuffi vom deutschen Ableger der niederländischen Genossenschaft Campina Melkuie geschluckt worden war. Das Gebäude stand viele Jahre leer. Erst 2012 fand sich ein Käufer, der auf dem Grundstück der ehemaligen Molkerei ein Nahversorgungszentrum bauen ließ.

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