Lüdenscheider Gastro-Geschichte(n)

Kultkneipe: Das traurige Ende des Reidemeisters

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Klaus Stange mit seinem guten Freund Wolfgang Friedrich.

Lüdenscheid - Heute bietet das Haus Werdohler Straße 1 einen trostlosen Anblick. Die Tür ist verschlossen, kein Lichtschein dringt nach draußen. Dabei wurde hier über Jahrzehnte gefeiert, gelacht und getrunken. Manchmal aber leider auch geweint.

Stubenhocker erleben nur selten was. Wer in einer Stadt wie Lüdenscheid mitreden will, der muss raus, dahin, wo das Leben pulsiert – in die Restaurants und Pommesbuden, die Kneipen, Clubs und Diskotheken. In der Serie „Essen, Trinken, Ausgehen!“ unternimmt Fabian Paffendorf einen Streifzug durch die Gastronomie-Geschichte(n) (zu allen Folgen geht es hier) der Bergstadt. Wo wurde gestern und vorgestern gut gegessen und getrunken– und welchen Einfluss hatte das Nachtleben von einst auf die Gastro-Szene von heute? In Folge 10 geht es weiter mit der Geschichte des Hauses Werdohler Straße 1. Nach Ende der Ära Willi Reißmann nehmen sich die Gebrüder Mehl der traditionsreichen Gaststätte des Hauses an und machen das Lokal wieder populär. Aber auch das Lüdenscheider Original Klaus Stange hinterlässt hinterlässt große Spuren binnen zwei Jahrzehnten hinter dem Tresen der Kneipe.

Die Tage der Gaststätte Alter Krug waren mit Übernahme des Hauses Werdohler Straße 1 durch die Vormann-Brauerei gezählt. Aus der mittlerweile verrufenen Jugendkneipe sollte wieder eine angesehene Wirtschaft werden.

Im September 1977 stellte sich ein neuer Pächter vor: Der Kriminalhauptmeister Jochen Knoke kündigte an, seinen Dienst bei der Lüdenscheider Kripo quittieren zu wollen, um zum 1. Januar 1978 hinter dem Tresen der altehrwürdige Gastwirtschaft zu stehen. Gegenüber den LN versprach Knoke, dem „Rabatz“ ein Ende zu machen und „die Kaputten“ fernzuhalten, um künftig einem „gepflegten Publikum“ Platz einzuräumen.

Mehls gewinnen das Rennen

Unter dem Namen Altes Gasthaus Sturm wollte Knoke die Tradition des Hauses fortführen. Gekoppelt war dies daran, dass die Brauerei Geld für eine Renovierung der Kneipe investieren sollte. Vormann veranlasste also Restaurierungsarbeiten an der Fassade der Immobilie. Der Beginn der Arbeiten verzögerte sich allerdings bis zum Beginn des Jahres 1978.

Zwischenzeitlich hatten die Brüder Jörg und Kilian Mehl Interesse an der Gaststätte bekundet. Hinter den Kulissen verhandelte man neu über die Verpachtung, und die Brauerei entschied, dem erfolgreichen Gastronomen-Brüderpaar den Vorzug einzuräumen.

Dem Heimatpfleger wird's zu bunt

Im Mai 1978 machten die Restaurierungsmaßnahmen der Werdohler Straße 1 negative Schlagzeilen. Einige Lüdenscheider hatten sich an Ortsheimatpfleger Hans Matthies gewandt, sie mokierten die farbliche Neugestaltung der Fassade. Den Anstrich des Hauses in den Farben Gelb und Grün empfanden die Bürger wie auch Matthies als unpassend und als historisch nicht akkurat.

Schwarz und weiß sei das Haus ursprünglich gewesen, erklärte Matthies gegenüber der Vormann-Brauerei. Den Neuanstrich in den geforderten Farben gab’s trotzdem nicht.

Michael "Mike" Nürenberg (links) und Klaus Tiedge von der Westfälischen Rundschau waren gern gesehene Gäste im Reidemeister.

Unter der Regie der Gebrüder Mehl sollte dennoch die alte Nutzung des Hauses als Stapelkontor der Familie Sandhövel wieder in das Gedächtnis der Lüdenscheider zurückkehren. Um daran zu erinnern, tauften sie die Wirtschaft Der Reidemeister und ließen den jugoslawischen Künstler Branko Radisic das Abbild eines eben solchen Reidemeisters auf die Giebelwand des Hauses zeichnen. Als Vorlage für die historische Figur (mit dem Gesicht Jörg Mehls) dienten Abbildungen aus einem westfälischen Trachtenbuch.

1979 wurde die Gaststätte neu eröffnet, hinter dem Tresen stand zu Beginn das Wirtspaar Michael und Sabine Becker. Das neue Wirtshaus lief gut, der schlechte Ruf, den die Kneipe Mitte der 1970er-Jahre erlangt hatte, war vergessen.

In den Räumen neben dem Eingang zur Wirtschaft hatte es ebenfalls einen Mieterwechsel gegeben: Der Tabakladen Fromme war ausgezogen, eine kleine Pizzeria namens Bella Napoli zog ein.

Im Fokus der Regenbogenpresse

Nach Aufgabe des Restaurants Haus Waldlust im Jahr 1980 wurde dann Jörg Mehl selbst Wirt im Reidemeister. Ihm zur Seite stand Geschäftspartnerin Erna Schmidt.

Ende 1984 kam es zwischen Mehl und Schmidt zum Bruch. Jörg Mehl stieg aus dem Gesellschaftsvertrag aus, Erna Schmidt wurde kurze Zeit Alleinpächterin – bis Mehl den Reidemeister aus der GmbH heraus zurückkaufte. Mitte Juli 1985 ging’s mit Jörg Mehl als Wirt weiter.

Schauspielerin Karin Hübner (Mitte) feierte ihre Hochzeit im Reidemeister.

Im Oktober 1986 geriet der Reidemeister in den Fokus von Deutschlands Regenbogenpresse. In Magazinen, die ihren Lesern einen Einblick in die Welt der Reichen und Schönen offerierten, gab es Fotos einer Promi-Hochzeit im Reidemeister zu sehen: Der Schriftsteller und LN-Redakteur Claus Rüggebrecht hatte die Schauspielerin Karin Hübner geehelicht. Es war Hübners vierte Ehe, doch lange währte das gemeinsame Glück nicht, denn Claus Rüggebrecht starb knapp sieben Monate nach der Hochzeit an den Folgen einer Viruserkrankung.

"So gut wie jeden Abend voll"

Nicht tragisch, sondern überaus erfolgreich verliefen die Folgejahre des Reidemeisters unter Jörg Mehls Führung. „Der Laden war so gut wie jeden Abend voll“, sagt Jörg Mehl im Rückblick auf diese Zeit. Es wurde kräftig gefeiert – bis Mehl 1993 sein Hauptaugenmerk auf sein Lüdenscheider Brauhaus-Projekt legte. „Nach meinem Ausstieg übernahm das Paar Thomas Linde und Christina Padur den Reidemeister. 1995 folgte Klaus Kann als Pächter“, erzählt Jörg Mehl.

Der Reidemeister kam Ende der 1990er-Jahre zu großen Ehren, denn am 12. Juli 1997 wurde das Haus Werdohler Straße 1 in die Denkmalliste der Stadt Lüdenscheid aufgenommen.

Neubeginn mit Klaus Stange

Im darauffolgenden Jahr stand ein weiterer Pächterwechsel auf dem Programm. Klaus Stange und seine damalige Lebensgefährtin Silke Mühlhoff eröffneten die Gaststätte am 16. Februar 1998 neu. Klaus Stange war bereits ein bekanntes Gesicht in der Gastro-Szene der Bergstadt. Der ausgebildete Metzger und Koch hatte bereits in den 1980er-Jahren im Altstadt-Restaurant Zum Spieß den Kochlöffel geschwungen, war zeitweise Wirt im legendären Beanery und im Casablanca an der Hochstraße 4 gewesen.

Feucht-fröhliche Redaktionsrunde der Lüdenscheider Nachrichten: von links Andreas Herholz, Willy Finke, Jörg Hellwig, Margarete Gerhards und Katharina Geßler.

Stange war ein Gastronom alter Schule, einer, der immer ein offenes Ohr für seine Gäste hatte. Er war bekannt für seine Herzlichkeit und dafür, auch mal anzuecken mit seinen Ansichten. Als Thekenchef in Jörg Mehls Brauhaus Schillerbad hatte Klaus Stange seine Kollegin Silke Mühlhoff kennen und lieben gelernt.

Das Paar machte den Reidemeister sowohl für die alten Stammgäste wie für eine neue Generation populär. Mittlerweile standen die Räume der ehemaligen Pizzeria Bella Napoli schon länger leer, dieser Bereich wurde dann zur Küche des Reidemeisters umgebaut. Wenn Klaus Stange seinen Mittagstisch anbot, dann ließen sich die Lüdenscheider nicht lange bitten.

Stadtbekannter Reidemeister-Wirt Klaus Stange ist gestorben

Trotz des Erfolges gab es über die Jahre auch weniger erfreuliche Dinge vom Reidemeister zu hören und zu lesen. 2001 zum Beispiel, als es durch Silvesterfeuerwerk zu einem Kellerbrand im Haus kam, in dessen Folge die Mieter in den Wohnungen über der Kneipe mit Rauchgasvergiftungen im Klinikum behandelt werden mussten. 2011 ließ die Stadt die Wirtschaft kurzfristig wegen finanzieller Unregelmäßigkeiten schließen. Das alles überstand das Wirtspaar Stange/Mühlhoff, das auch über das Ende seiner Liebesbeziehung hinaus als Geschäftspartner das Lokal beständig vorwärts brachte. Dann aber schlug das Schicksal erbarmungslos zu.

Das traurige Ende ist unabwendbar

Im Juli 2017 wurde bei Klaus Stange Lungenkrebs diagnostiziert. Er musste sich fortan einer kräftezehrenden Therapie unterziehen, kämpfte um sein Leben. Unterstützung in dieser schweren Zeit fand der Wirt durch Familie, Freunde und Gäste, die den Betrieb der Gaststätte aufrechterhielten und Aktionen wie „Don’t pray! Drink!“ zugunsten des Schwerkranken initiierten. Sein 20-jähriges Jubiläum hinterm Tresen der Kneipe machte „Klausi“ noch voll, verkündete dann aber, dass er Ende Juli 2018 „seinen“ Reidemeister aufgeben werde. „Die Krankheit zwingt mich leider dazu, diese Geschichte meines Lebens nicht so zu beenden, wie ich es mir erhofft habe“, ließ Klaus Stange seine Freunde im Sozialen Netzwerk Facebook wissen.

Stange wusste bereits, dass er den Kampf gegen den Krebs verlieren würde. Am 31. Juli 2018 wurde der Reidemeister abgeschlossen, drei Tage später erlag Klaus Stange im Alter von 59 Jahren seinem Krebsleiden.

Zukunft steht in den Sternen

Mit dem Tod des Kult-Wirtes fiel der Reidemeister in den Dornröschenschlaf, die Vormann-Brauerei renovierte das Lokal und verhandelte in den folgenden Monaten mit verschiedenen Interessenten über einen neuen Pachtvertrag. Ein geplatztes Rohr unter der Badewanne in der über der Wirtschaft liegenden Wohnung machte die Hoffnung auf eine schnelle Wiedereröffnung im Frühjahr 2019 zunichte: Der entstandene Wasserschaden war so massiv, dass er eine Komplettsanierung des gesamten Hauses unumgänglich machte.

Bis heute ist ungewiss, wann und in welcher Form der Reidemeister wieder seine Türen öffnen wird.

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