Lüdenscheider Gastro-Geschichte(n)

Pizza - oder lieber gleich Fausthiebe?

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Aas usgerechnet in Nachbarschaft der Christuskirche wird ein Kiosk zum Trinker-Treffpunkt.

Lüdenscheid - Nicht alle Besucher der Lüdenscheider Gaststätten sind Unschuldslämmer. Und das gilt auch für die Gastwirte. Einige Beispiele gefällig?

Stubenhocker erleben nur selten was. Wer in einer Stadt wie Lüdenscheid mitreden will, der muss raus, dahin, wo das Leben pulsiert – in die Restaurants und Pommesbuden, die Kneipen, Clubs und Diskotheken. In der Serie „Essen, Trinken, Ausgehen!“ unternimmt Fabian Paffendorf einen Streifzug durch die Gastronomie-Geschichte(n) der Bergstadt (alle Folgen finden Sie hier). Wo wurde gestern und vorgestern gut gegessen und getrunken– und welchen Einfluss hatte das Nachtleben von einst auf die Gastro-Szene von heute? Folge 8 schaut hinter die Fassade der Gastronomie in der Bergstadt. Sündige Wirte, kriminelle Diskothekenbesitzer und der eine oder andere Skandal stehen im Mittelpunkt.

Um es mit den Worten eines Lüdenscheider Gastronomen zu sagen, der seinen Namen in dieser Geschichte lieber nicht sehen möchte: „Wenn du in Lüdenscheid Gastro machst, dann stehst du eigentlich immer mit einem Bein im Knast.“

Manchmal geht’s in der Gastro-Szene der Bergstadt tatsächlich drunter und drüber. Da muss eine Vielzahl an Auflagen erfüllt werden. Nicht immer nehmen einige der Kneipen-, Club-, und Gaststättenbetreiber das so ganz genau. Wieder andere legen sogar ganz offenkundig kriminelle Energie an den Tag oder betreiben illegale lukrative Nebengeschäfte. Ein kleiner Blick auf die Skandale und Skandälchen der Lüdenscheider Gastro-Szene gestern und vorgestern.

Der gewalttätige Pizza-Wirt

Eine besonders hohe kriminelle Energie legt ein italienischstämmiger Restaurantbetreiber im City-Center Lüdenscheid an den Tag. Zwischen 1980 und 1982 ist der Wirt in eine Vielzahl gewalttätiger Auseinandersetzungen verwickelt. Er hetzt seinen scharf gemachten Schäferhund auf Gäste und Passanten oder fesselt kurzum unliebsame Besucher seines Lokals in der Küche, um die Wehrlosen schwer zu misshandeln. Er muss sich dafür vor Gericht verantworten – letztlich muss er alle Verfahrenskosten tragen und 20 000 D-Mark Bußgeld zahlen, wird zu einer Bewährungsstrafe verurteilt. Danach zieht es ihn zurück nach Italien, wo er als Kellner jobbt, um schließlich dann doch wieder kurz nach Lüdenscheid zu kommen, als reuiger Sünder. Er zahlt seinen früheren Opfern jetzt Schmerzensgeld.

Säuferhimmel an der Christuskirche

Wahrlich skandalös und alles andere als angenehm für die Lüdenscheider, die bloß an der Haltestelle vor dem Haus auf den Bus warten, wird es ab Beginn der 1980er-Jahre rund um die Adresse Wehberger Straße 1. Das 1968 ursprünglich als Kiosk gebaute Häuschen ist zum „Grill an der Christuskirche“ umgebaut worden. Die Pommesbude zieht allerdings weniger die Lüdenscheider an, die den kleinen Hunger zwischendurch stillen wollen. Vielmehr finden sich dort stadtbekannte Trunkenbolde jeden Alters ein.

Diese decken sich mit Andreas-Pils ein, das ihnen durch das Verkaufsfenster gereicht wird. Der eigentlich als Witterungsschutz für MVG-Gäste vorgesehene überdachte Bereich neben dem Kiosk wird von den trunkfreudigen Horden besetzt, die dort jetzt ihre wilden Partys feiern. Da wird gegrölt, geschrien, gefeiert und gezankt – so mancher Abend neben dem Grill endet in blutigen Schlägereien zwischen den Betrunkenen.

Auch die öffentliche Bedürfnisanstalt hinter dem Haus wird regelmäßig von der unliebsamen Klientel versaut und beschädigt.

Das wenig erfreuliche Treiben um den Grill hält über Jahre an, aber nimmt immer mehr ab. Gänzlich kehrt erst im Jahr 2001 Ruhe ein, als die Stadt die Toiletten hinter dem Häuschen schließt und der langjährige Pommesbuden-Betreiber auszieht.

Reger Verkehr in der Kluse

Anfang der 1980er-Jahre rätselt man derweil an der Kluse, was es denn mit den Häusern Kluser Straße 10 und 16 auf sich hat. In letzterem Gebäude ist die Pension Papillon eingezogen. Deren zumeist erst spät abends auftauchende Kundschaft verunsichert die Nachbarn und die Geschäftsleute an der Kluse enorm. Man befürchtet, dass sich die Straße alsbald in ein „Nachtjackenviertel“ verwandeln könnte.

Der Radiohändler Werner Handke sagt gegenüber den LN, dass die ganze Nacht hindurch Taxis ihre Gäste vor dem Haus Nummer 16 ein- und ausladen: „Das hat alles den Anschein, als wär’ das ein öffentliches Haus“. Auch Anwohner und Apotheker Dr. Hans-Peter Knauer ist nicht begeistert davon, was da in der Pension Papillon vor sich geht. Laufend werde er von Kunden darauf angesprochen.

Wilma Wilhelm, Betreiberin der Metzgerei gegenüber der Pension, weiß zudem, dass selbst die Schulkinder schon von dem Amüsierbetrieb wüssten und sich darüber unterhielten.

Die Nachbarn sind sich sicher: Hinter der Pension Papillon an der Kluser Straße verbirgt sich ein Bordell.

Bunte Vögelchen im "Schmetterling"

Die Einzelhändler von der Kluse treffen sich im Restaurant Pfeffermühle, um über das Etablissement zu beraten. Und die Stadt? Auch sie beschäftigt sich schon längst mit dem mutmaßlich schmuddeligen „Schmetterling“. Ordnungsamtsleiter Leonhard Heider verweist gegenüber den LN darauf, dass Überprüfungen von Clubs und Salons dieser Gattung eine heikle Angelegenheit für die Ordnungshüter seien. Denn Prostitution sei ja nicht verboten.

Ärger bekommt die Pension an der Kluser Straße 16 aber trotzdem. Ein Gastronomiebetrieb ist nämlich nicht unter dieser Adresse ordnungsbehördlich angemeldet worden.

Aber was ist mit dem vermuteten Privatclub im Haus Nummer 10? Laut Hausbesitzer Olaf Sachau gibt es den „garantiert“ nur in den Köpfen der Nachbarn, aber keinesfalls in seiner Immobilie. Wie auch? Schließlich seien die vermieteten Ein-Zimmer-Appartements in dem Haus wohl auch gar nicht für solch eine Nutzung geeignet.

Unten Billard, ein paar Stockwerke höher käufliche Liebe: das Café Tiffany am Rathausplatz.

Entspannung nicht nur beim Billard

Für die käufliche Liebe muss der Lüdenscheider Anfang der 1980er-Jahre nicht einmal zur Kluse pilgern, denn auch direkt am Rathausplatz soll ein Gastronom ein florierendes Nebengeschäft mit Prostituierten führen. Der Betreiber des Billard-Cafés Tiffany am Rathausplatz 23 soll im sechsten Stockwerk des Gebäudes Wohnungen angemietet haben, in denen Asiatinnen zahlungswilligen Herren allerlei erotische Wünsche erfüllen.

Während das Lokal hauptsächlich jüngere Besucher anzieht, herrscht dem Vernehmen nach ein paar Etagen weiter oben erwachsenes Treiben. Bemerkt hat’s der Hausmeister, der „eine rege Betriebsamkeit“ und eine „ungewöhnliche Lärmkulisse“ in den Wohnungen wahrnimmt, nachdem die Damen aus Fernost dort eingezogen waren.

Der Mann meldet das auch gleich der Hauseigentümerin, der Hamburger Volksfürsorge Lebensversicherung AG. Doch so schnell wie die vermeintlichen Freudenmädchen einzogen, ziehen sie dann auch wieder aus. Beim Ordnungsamt der Stadt kann man einen „bordellähnlichen Betrieb“ nun nicht mehr feststellen, aber Leonhard Haider mag es nicht ausschließen, dass da so etwas vielleicht für kurze Zeit der Fall gewesen sein könnte. Selbst wenn das so war, hilft es dem Tiffany nicht viel, denn das rutscht 1985 in die Insolvenz. Zudem kann man keine gültige Schankerlaubnis vorzeigen, weshalb das Ordnungsamt nun handelt und den Laden dicht macht.

Eine gültige Konzession haben auch die Betreiber des Cafés Barcelona nicht zur Hand. Aber das hindert sie nicht daran, das Bistro an der Friedrichstraße 1 im Dezember 2003 zu eröffnen. In der Anzeige, die auf die Neueröffnung hinweist, heißt es vollmundig noch „Genießen Sie mit allen Sinnen der Gemütlichkeit in modern eingerichteten Räumen Ihre Speisen und Getränke“.

Viel Zeit zum Genießen bleibt den Gästen nicht. Eine Woche nach Eröffnung versiegelt das Ordnungsamt das Barcelona.

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