Lüdenscheider Gastro-Geschichte(n)

Wirtshaus Im Stock: Kult zu bleiben ist ganz schön schwer

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Protagonisten des Wandels: Karsten Moos, Jörg Mehl und Oliver Straub im Jahr 2003.

Lüdenscheid - Wohl kaum ein anderes Lokal in Lüdenscheid hat so viele Konzept-Änderungen erlebt wie das Wirtshaus Im Stock innerhalb der vergangenen 25 Jahre. Es hätte auch „Zur Achterbahn“ heißen können.

Stubenhocker erleben nur selten etwas. Wer in einer Stadt wie Lüdenscheid mitreden will, der muss raus, dahin, wo das Leben pulsiert – in die Restaurants und Pommesbuden, die Kneipen, Clubs und Diskotheken. In der Serie „Essen, Trinken, Ausgehen!“ (alle Artikel finden Sie hier) unternimmt Fabian Paffendorf einen Streifzug durch die Gastronomie-Geschichte(n) der Bergstadt. Wo wurde gestern und vorgestern gut gegessen und getrunken– und welchen Einfluss hatte das Nachtleben von einst auf die Gastro-Szene von heute? In Folge 4 wird der Stock abermals von Besuchern überrannt. Doch ein neues Konzept verpasst dem altehrwürdigen Wirtshaus beinahe den Todesstoß. Als Live-Club wird der Gastro-Legende neues Leben eingehaucht.

Mit der Eröffnung des Schillerbads als Brauhaus am 1. November 1994 trat Wirt Martin Brandt im Stock ab und zapfte fortan Schwattes und Helles im neuen Gastronomie-Hit am Rosengarten. Jochen Brusis blieb als Geschäftsführer und Wirt dem Lokal an der Knapper Straße 50 erhalten.

Der Stock hatte zur Mitte der 1990er-Jahre hin einen Wandel vollzogen, was das Publikum anging. Nach dem Ende des Image, das zum Schluss im Sauerland-Center ein Zuhause gefunden hatte, und mit der Schließung des Jugendzentrums Schillerbad, hatte die alternative Jugendszene gleich zwei ihrer wichtigsten Treffpunkte verloren. Um diese gewaltige Lücke zu füllen, wurden beim Programm des Stock und der Alten Druckerei neue Akzente gesetzt.

Die Alternative für die Alternativen

Die Ausstellungen im Bilderstöckchen schliefen allmählich ein. Auf der Bühne der Alten Druckerei wechselten sich jetzt Auftritte namhafter Comedians mit Konzerten lokaler und überregional bekannter Bands der alternativen Szenen ab. Mit Heavy Metal, Grunge, Punk, Progressive Rock, Crossover und Folk wurde die stets bis in den hintersten Winkel ausverkaufte Alte Druckerei beschallt.

Im restlichen Kneipen- und Cafe-Bereich des Lokals gab’s Nirvana, Meat Puppets oder Beck aus der Konserve aus den Boxen.

Für Teens und junge Erwachsene der Bergstadt, die eher Charts- und Mainstream-Klänge favorisierten, gab es andere Lokale. Der Stock war zum Treffpunkt Nummer Eins der alternativen Jugendbewegungen in Lüdenscheid geworden. Dieser Umschwung blieb nicht folgenlos.

Freitags und samstags war die Kneipe mit Konzertbühne so dermaßen überlaufen, dass Gäste bis zur Straße hin Schlange standen, um hineinzukommen, wenn ein anderer Gast mal das Lokal verließ. Es sprach sich relativ zügig herum, dass ein Besuch im Stock mit Wartezeiten davor verbunden war.

Polizeibeamte werden zu Stammgästen

Aus der Not wurde einesehr zweifelhafte Tugend geboren: Nicht den Stock, sondern den gesamten Bereich davor riefen einzelne Cliquen als Treffpunkt aus. Zum Ärger der Anwohner uferte das Treiben allzu schnell aus. Da rückten die potenziellen Stock-Gäste in Gruppen zwischen 5 und 20 Leuten an, führten Bierkästen und Ghettoblaster mit sich. Es kam zu Ansammlungen von bis zu 250 jungen Menschen, die auf der Straße vor dem Wirtshaus wilde Feiern veranstalteten.

In der Zeit von 1995 bis 1998 eskalierten die Partys vorm Stock regelmäßig. Polizei und Ordnungsamt rückten an den Wochenenden abendlich bis zu fünf Mal aus, versuchten vergeblich, die Party-Versammlungen auf der Knapper Straße aufzulösen.

Krawallbrüder sind weg - der Rest auch

Die Bühne der Alten Druckerei nahm derweil bei einem Konzert der Lüdenscheider Band Pettycode massiv Schaden. Matthias Voigt, der heutige Sänger der Kölner Band Duff Boys, sprang begeistert in die Luft – die Erdanziehung und seine damalige Körperfülle taten ihr Übriges. Das Ergebnis war ein gewaltiges Loch in der Bühne.

Jochen Brusis, der bei Gästen und Kollegen allseits beliebte „Strubbelsack“, verließ unterdessen den Stock. Karsten Moos wurde einige Zeit später neuer Geschäftsführer des Wirtshauses. Er ergriff umgehend Maßnahmen, um dem Treiben der Gäste Einhalt zu gebieten. Statt eines Programms für das alternative Publikum gab es jetzt Charts-Musik aus dem Bereich Black Music & Soul. Vor der Tür schob nun ein Doorman im Abendanzug Dienst, um Gästen den Eintritt zu verwehren, die „Ärger“ machten.

Das wirkte. Bald schon gab’s keine feiernden Jugendlichen mehr vorm Stock – und ein Großteil der bisherigen Stammgäste machte einen Bogen um die Gaststätte. „Ich wusste damals nicht, was da los war. Ich war so mit dem Brauhaus beschäftigt und diese Entwicklungen drangen nicht zu mir durch“, bedauert Jörg Mehl die Geschehnisse.

Der "Kult-Stock" verschwindet spurlos

Das vermeintliche Patentrezept, um den Besucherschwund zu stoppen: ein Umbau des Stock. Der wurde 2001 durchgeführt und betraf hauptsächlich den Bereich der Alten Druckerei. Wände wurden eingerissen, das Bilderstöckchen geopfert, ein abgetrennter Raum für Billard, Darts und Flipper aufgegeben.

Als die Alte Druckerei unter dem Motto „Umbruch-Party“ Mitte Juni 2001 neu eröffnet wurde, erinnerte nichts mehr an die von vielen lieb gewonnene Lokalität. Schlimmer noch: Mit dem neuen Konzept, „einen Laden und ein Programm für Leute über 30 zu schaffen“, fuhr die ehemalige Jugendkneipe frontal vor die Wand. Daran konnten auch immer wieder spontan eingeschlagene Kurskorrekturen nichts ändern.

Oliver Straub (links) und Dirk Heuel im Jahr 2004.

Oliver Straub steigt am Knapp ein

Der rückläufige Besucherzuspruch des Stock und die weiter expandierende Brauhaus-Kette von Jörg Mehl sorgten 2002 dann dafür, dass man sich von der Traditionsgaststätte trennen wollte. Der Wechsel von Karsten Moos als Geschäftsführer ins Brauhaus-Hotel Alte Post in Gladbeck wurde für März 2003 anvisiert, der Stock stand zum Verkauf.

Oliver Straub, damals erfolgreicher Betreiber des Cafés Eigenart an der Hochstraße und des Clubs Neue Heimat (ehemals Fässchen) an der Wilhelmstraße, war interessiert, und so wechselte der Stock für eine nicht näher benannte sechsstellige Übernahmesumme den Pächter.

Im Januar 2003 wurden die Verträge gemacht, zum 1. April desselben Jahres erfolgte der wirtschaftliche Übergang. Für Oliver Straub ging Dirk Heuel als Geschäftsführer an den Start. Der ehemalige DJ von Horst „Bübi“ Kintzel brachte ein Team von Mitstreitern ein, das sich aus Ex-Image-Mitarbeitern und -Gästen rekrutierte.

Und wieder mal ein großer Umbau

Der Plan des neuen Teams: All jene Jugendlichen, die der alternativen Szene zugehörig waren, sollten den Stock wieder neu als ihren Treffpunkt entdecken. Ein Vorhaben, das erfolgversprechend erschien, denn gastronomisches Know-How und gute überregionale Kontakte zu angesagten Bands und Clubs waren vorhanden.

Aber bevor aufs Gaspedal getreten werden konnte, mussten der Stock und die Alte Druckerei nochmals umgebaut werden. Gut ein halbes Jahr lang blieben dafür die Türen zu, das Wirtshaus wurde auf links gezogen und bekam eine völlig neue Optik verpasst.

Für das neue Programm, das künftig das Haus beleben sollte, griff man ebenso tief in die Trickkiste: DJs aus bekannten Clubs wie dem Wuppertaler Butan oder dem U-Club und dem Bochumer Planet wurden für regelmäßige Gastspiele gebucht, Party-Formate wie die „Beat-Boutique“, „Superlounge“ oder die „Ü-30-Nacht“ konzipiert und Live-Gigs mit lokalen, nationalen und internationalen Bands verschiedener Sparten eingetütet. Unter dem Titel „Endlich wieder gute Zeiten!“ eröffnete der neue Stock am 1. Oktober 2003 mit einem Konzert der Lüdenscheider Band Chefsache (ein Side-Project der John Porno Band) – und in der Knapper Straße 50 war endlich wieder die Hölle los!

Ein Bruch an der Spitze

Das Lokal lief in den nächsten Jahren wieder so gut, dass erneut angebaut wurde. Die Alte Druckerei bekam in Form einer Dachterrasse einen Freiluft-Bereich hinzu. Alles super also – aber um 2011 mehrten sich die internen Probleme.

Unter den Mitarbeitern des Stock-Teams kam es zu Streitigkeiten, und langsam aber sicher bröckelte der neu erarbeitete Glanz immer weiter. Am Ende kam es dann zum Bruch zwischen Oliver Straub und Dirk Heuel.

2012 wandelte sich das Programm zunehmend. Unter Eigenregie von Straub wurden neue Formate geschaffen, um dem Angebot im parallel geführten Eigenart nicht in die Quere zu kommen. Die Freizeitbedürfnisse der Jugend veränderten sich zunehmend, der Stellenwert des Stock als Jugendkneipe nahm darunter weiter ab.

Straub reagierte darauf mit Konzeptänderungen, die das Kult-Wirtshaus wieder für alle Altersgruppen öffneten. Kinderkarnevals-Feiern, Retro-Videospiel-Abende, Ü-30-Partys, regelmäßige Bingo-Veranstaltungen und Live-Konzerte sorgen bis heute für regen Besucherverkehr in der Knapper Straße 50.

Das läuft – auch, wenn’s längst nicht mehr so voll ist wie zu den Hochzeiten.

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