Lüdenscheider Gastro-Geschichte(n)

Das gibt es nur in Lüdenscheid: Durch den Tunnel zum ersehnten Schnaps

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August Schmale, Gastwirt und einer der Gründer der Lüdenscheider SPD, mit einer Familie.

Lüdenscheid - Vom ehrwürdigen Drahtstapel-Kontor im 18. Jahrhundert bis zur Gaststätte unter verschiedenen Inhabern: Das Haus Werdohler Straße 1 hat eine lange und abwechslungsreiche Geschichte. Und um ein Haar wäre es selbst schon seit fast 50 Jahren verschwunden.

Stubenhocker erleben nur selten was. Wer in einer Stadt wie Lüdenscheid mitreden will, der muss raus, dahin, wo das Leben pulsiert – in die Restaurants und Pommesbuden, die Kneipen, Clubs und Diskotheken. In der Serie „Essen, Trinken, Ausgehen!“ unternimmt Fabian Paffendorf einen Streifzug durch die Gastronomie-Geschichte(n) der Bergstadt (alle Folgen finden Sie hier). Wo wurde gestern und vorgestern gut gegessen und getrunken– und welchen Einfluss hatte das Nachtleben von einst auf die Gastro-Szene von heute? In Folge 9 soll die Geschichte des Hauses Werdohler Straße 1 erzählt werden. Es ist die Geschichte des Drahtkontors und die der Wirtschaft der Familie Sturm.

Um die Innenstadtsanierung voranzutreiben, will die Stadt Lüdenscheid in den 1970er-Jahren möglichst viel vom alten Immobilienbestand, der einer Neubebauung im Weg steht, in ihren Besitz bekommen. Auf der Abrissliste steht unter anderem das Haus an der Corneliusstraße, das die Gaststätte Zum Deutschen Sänger beheimatet. Die heutige Adresse wäre auf Höhe Corneliusstraße 21/23. Nur die Hauseigentümerin, die Brauerei Vormann aus Dahl, will sich nicht so recht darauf einlassen.

Ein markantes Gebäude seit Jahrhunderten.

1976 kommt es zu einem Tauschgeschäft: Die Brauerei bekommt für ihr Haus eine andere „alte Hütte“ aus dem Besitz der Stadt – das Haus Werdohler Straße 1. Dieses Haus soll nach Ausweis der Lüdenscheider Land- und Stadtgerichtsakten schon 1758 gebaut worden sein. Ortsheimatpfleger Hans Matthies ist der Ansicht, dass Teile davon sogar aus dem Mittelalter stammen. Aber trotzdem plant die Stadt für 1975 der Abriss, um die Altstadtsanierung zügig abzuwickeln. Der Gegenwind in Politik und Bevölkerung wird dann aber doch zu stark, weshalb das Haus stehen bleibt.

1784: Hier wird gearbeitet - und nicht gesoffen

Dieses Haus hätte, wenn es reden könnte, viel zu erzählen. Das alte Eckhaus-Schätzchen an der Werdohler Straße/Corneliusstraße (in früheren Zeiten hieß Letztere noch Schulstraße) nimmt nämlich einen ganz besonderen Stellenwert in der Stadthistorie ein: Bauherr soll der damals bekannte Reidemeister Johann Hermann Sandhövel gewesen sein. Gebaut hatte er es für seinen Sohn Johann Peter Sandhövel, der seit 1740 in Lüdenscheid ansässig war. Ihm diente die Immobilie Werdohler Straße 1 ab 1784 als Kontor des Drahtstapels.

Einer der zahlreichen Stammtische in der Gaststätte Sturm.

1828: Zeit für das erste Bier

1827 erwarb Johann Diedrich Sieper das Haus von Peter Sandhövel für den Preis von 1700 Reichstalern. Sieper und seine Frau Elisabeth waren die Ersten, die hier eine Gaststätte einrichteten. 1828 wurde ihnen die Schankkonzession erteilt.

Nach dem Tod ihres Mannes im Jahr 1833 führte Elisabeth Sieper das Lokal bis 1855 weiter, dann ging das Haus für 300 Taler an das Altenaer Ehepaar Lisette und Peter Wilhelm Korte. Bis 1879 führte das Paar die Gaststätte. Für 35 325 Mark erwarb folgend der Herr Carl Broer Haus und Wirtsstube.

Im Jahr 1897 kaufte August Schmale, ein ehemalige Fabrikarbeiter bei P.C. Turck, das Haus Werdohler Straße 1 von Broer zum Preis von 82 000 Mark sowie das im hinteren Bereich anliegende Haus Corneliusstraße 49.

Ein Pferd vor der Tür des Sozi-Wirtes

Schmale, der 1889 zu den Begründern der Lüdenscheider SPD gehörte, richtete in dem Bereich des Gasthauses zur Schulstraße hin (heute Küchenbereich des Reidemeisters) eine Stehbierhalle ein. Vor deren Fenster war ein dickes, eisernes Geländer montiert, an dem die Besucher ihre Pferde anbinden konnten.

Eine Besonderheit war es zudem, dass der Schankraum über ein großes Regal verfügte, das für die Gesangsbücher der auswärtigen Gemeindemitglieder der Erlöserkirche reserviert war. Da kamen nun die braven Kirchgänger, banden ihr Ross an und genehmigten sich ein Glas Bier. War das kurz vor Gottesdienstbeginn noch nicht leer, nahm man sein Gesangbuch aus dem Regal und stellte das Glas an dessen Stelle. Nach der Messe wurde dann weitergetrunken.

Kurt Sturm in seinem Element.

Für das Töchterchen ein Kaffeehaus

August Schmales Gaststätte war so erfolgreich, dass alsbald auch Geld genug da war, um dessen Tochter Emilie und Schwiegersohn Hugo Sturm ein Haus mit Gastronomiebetrieb zu kaufen. Schmale erwarb das Wiener Café des Herrn Carl Noelle an der Knapper Straße (heutige Adresse wäre Rathausplatz 15). Nach dem Tode von Emilie Sturm im Jahr 1934 übernahm Sohn Kurt, ein gelernter Konditor, das Café und heiratete Charlotte Kütting.

1937 verkaufte Vater Hugo das Haus an der Knapper Straße an die Familie Kersting, kurz darauf starb er. 82-jährig übergab August Schmale nun seinem Enkel Kurt Sturm Haus und Gastwirtschaft an der Werdohler Straße 1. Was die Lüdenscheider in früheren Zeiten als „Haus des Herren“ bezeichneten, war jetzt als die Wirtschaft Sturm bekannt.

Bei Sturms ließ man es sich gutgehen.

"Urgroßopa konnte wunderbar spucken"

Im Februar 1950 starb August Schmale – kurz vor dem fünften Geburtstag seines Urenkels Jürgen Sturm. Der erinnert sich noch an den Urgroßopa: „Er konnte wunderbar spucken! Er rauchte eine Pfeife, und wenn er sie aus dem Mund nahm, dann spuckte er mit beeindruckender Treffsicherheit in einen der in der Gaststätte und im Hausflur stehenden Spucknäpfe.“ Den Leichnam des Urgroßvaters, der nach dem Tode noch in der Gaststätte aufgebahrt wurde, durfte der kleine Jürgen nicht mehr sehen – „weil ich eine eklige Milchsuppe nicht aufgegessen hatte.“

Der ehemalige Stehausschank wurde unter Kurt Sturm aufgegeben, dort zog der Tabakladen Fromme als Mieter ein. Dafür gab’s nun einen Schalterverkauf im Flur der Wirtschaft, der hoch frequentiert war, wie sich Jürgen Sturm erinnert: „Das war vor allem schön für die Arbeiter von Hueck und Gerhardi, die somit unauffällig ihr Schöppchen Korn, Wacholder oder Struwweligen holen konnten.“

Das hohe Aufkommen der Gäste beim Schalterverkauf führte jedoch zu Problemen mit dem Finanzamt, da der Inner- und Außerhausverkauf unterschiedlich besteuert wurde. Das führte zu mehreren Prozessen am Finanzgericht Münster.

Für die Familie Sturm ging die Sache dennoch gut aus – auch, wenn innerhalb der Verhandlung ein unterirdischer Tunnel zwischen der Loher Straße und Hochstraße zur Sprache kam, den die Gerhardi-Mitarbeiter wohl nutzten, um während der Schicht unbemerkt zum Schnapsverkauf zu gelangen.

Charlotte Sturm.

Vom Vorschmecker zum Rechtsanwalt

Ebenso ein wenig kurios, aber erinnerungswürdig: Laut Jürgen Sturm gab es da einen kleinen Jungen, der regelmäßig mit einem Krug kam, um für seinen Vater ein frisch gezapftes Fürstenberg Pilsener bei Sturms zu holen. „Auf dem Weg nach draußen probierte der Junge jedes Mal das Bier, um herauszufinden, was sein Vater wohl daran fand.“ Da die Ehre des Wirtes Kurt Sturm kein schlecht gezapftes Bier zuließ, rief er den Jungen wieder zurück, um den Krug ordnungsgemäß wieder aufzufüllen. „Das wurde ein sich immer wiederholendes Ritual. Ehrlich, der Junge wurde später kein Alkoholiker, sondern Rechtsanwalt“, erzählt Jürgen Sturm.

Kleinere Brötchen für die Gäste

Als ein wenig peinlich empfand es Jürgen Sturm, wenn er später auf dem Schulweg zum Zeppelin-Gymnasium beim Bäcker Schulte vorbeikam und nach einem „schönen, großen Mohnbrötchen als Schulfrühstück“ fragte. Denn nach der Schule kam er abermals in der Bäckerei vorbei, um nach möglichst kleinen Brötchen für die Wirtschaft seiner Eltern zu fragen. Der Grund dafür: Die Tartar-Brötchen bei Sturms waren unter den Gästen ein Renner. Und um den Verbrauch an Fleisch zu minimieren, bestrich man eben kleinere Brötchen.

Die Gaststätte Sturm war eine Lüdenscheider Institution, nur in Politik und Verwaltung ignorierte man dies Anfang der 1970er-Jahre. Für die Altstadtsanierung unter Regie der Neue Heimat Städtebau sollten Gaststätte und das anliegende Haus an der Corneliusstraße weichen. Die Familie Sturm wurde vor die Wahl gestellt, die Immobilien zu verkaufen oder enteignet zu werden.

Kurt und Charlotte Sturm (links) mit zwei Gästen.

Juristen retten ihren Stammtisch

Bei den Verhandlungen mit der Stadt traf es sich gut, dass sich in der Gastwirtschaft regelmäßig ein Juristenstammtisch traf, dessen Mitglieder den Sturms mit Tipps zur Seite standen. „Ich hatte meine Eltern geraten, umfangreiche Renovierungen und eine langfristige Verpachtung gemäß des Städtebauförderungsgesetz 1971 zu beantragen. Das wurde nach Ausnutzung der längstmöglichen Frist von der Stadt abgelehnt“, erklärt Jürgen Sturm.

Vor diesem Hintergrund schlossen die Sturms 1973 ihre Wirtschaft, und die Stadt hatte daraufhin monatlich einen Schadensersatz hinsichtlich eines Mietausfalls an die Familie zu zahlen. Jetzt konnte in Ruhe nachverhandelt werden, was den Verkauf der Häuser anging. 1974 einigte man sich schließlich.

Joint statt Vormann Alt

Als aber kurze Zeit später das Thema Altstadtabriss vom Tisch war, entschied sich die Stadt, die Gaststättenräume neu zu verpachten. Der Gastronom Willi Reißmann öffnete die Wirtschaft unter dem Namen Alter Krug neu und versuchte, das altehrwürdige Haus als Jugendkneipe zu etablieren. Das Unterfangen war ein zweischneidiges Schwert, denn die bisherigen Stammgäste der Kneipe blieben jetzt fern. Dafür aber machte sich die Lüdenscheider Drogenszene immer mehr im Gasthaus breit. Der Alte Krug hatte daher ziemlich schnell einen ziemlich schlechten Ruf.

Durch die anfangs beschriebenen erfolgreichen Verhandlungen mit der Vormann-Brauerei sah sich die Verwaltung nun in der Lage, dem zweifelhaften Treiben im Schankraum einen Riegel vorzuschieben. Pächter Reißmann wurde 1977 gekündigt, Vormann suchte nach einem neuen Pächter.

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