Essen, Trinken, Ausgehen!“: Teil 3

Lüdenscheider Gastro-Geschichte(n): Als Karl Dall den "Stock" zum Platzen brachte

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Kilian und Jörg Mehl bei einem der berühmt-berüchtigten Rosenmontagsbälle im Stock.

Lüdenscheid - Kein anderes Brüderpaar hat so wesentlichen Einfluss auf die Entwicklung der Lüdenscheider Gastro-Szene genommen wie Jörg und Kilian Mehl. Alles begann im Stock - und endete für den einen im Brauhaus und für den anderen im Krankenhaus.

Stubenhocker erleben nur selten etwas. Wer in einer Stadt wie Lüdenscheid mitreden will, der muss raus, dahin, wo das Leben pulsiert – in die Restaurants und Pommesbuden, die Kneipen, Clubs und Diskotheken. In der Serie „Essen, Trinken, Ausgehen!“ (alle Folgen hier) unternimmt Fabian Paffendorf einen Streifzug durch die Gastronomie-Geschichte(n) der Bergstadt. Wo wurde gestern und vorgestern gut gegessen und getrunken– und welchen Einfluss hatte das Nachtleben von einst auf die Gastro-Szene von heute? Folge 3 erzählt die Geschichte des Stock an der Knapper Straße 50 weiter. Ende der 1970er-Jahre ziehen hier Kunst und Kultur mit ein.

Mithilfe ihrer Stammgäste, den Lüdenscheider Jugendlichen, hatte Margarete Lonauer in ihrer Zeit hinter dem Tresen des Stock (1962 bis 1976) das Lokal zu einem der beliebtesten Treffpunkte der Pennäler vom Staberg gemacht. In Händen der Gebrüder Mehl veränderte die Kneipe ihr Gesicht nochmals – und öffnete sich für eine neue Generation von Gästen.

Gastierte in der Alten Druckerei: Kabarettist Richard Rogler.

Karneval und Kunst am Knapp

Die Jugend war zwar weiterhin das Kernpublikum der Gaststätte an der Knapper Straße, doch alsbald verkehrten hier Besucher jeder Altersgruppe. Kilian Mehl brachte die große und kleine Kunst in die Gaststätte, Jörgs Ideen bescherten dem Laden rauschende Party-Nächte. Der Stock wurde zur Erfolgsgeschichte, doch nicht alles lief so glatt, wie es es sich die Betreiber vorgestellt hatten.

Lonis Weggang ins Münsterland gab den Startschuss für große Veränderungen der Gaststätte. Um die aber umzusetzen, musste erst einmal investiert, mussten die Räume des Gastronomiebetriebs umgebaut werden.

Jörg und Kilian Mehl erweiterten den Gaststättenbereich Stück für Stück. Die ehemaligen Wohnräume der Familie Lonauer wurden der Kneipe hinzugefügt, um mehr Platz für Gäste und Ausstellungsflächen für junge Kunst zu schaffen. Türen und Wände wurden herausgerissen, Räume neu aufgeteilt.

Der Traum, den Kilian und sein Schulfreund Stefan Bittner einst hatten, nämlich die Kunst aus elitärer Hand zu entreißen, sollte zur Realität werden.

Rüdiger Wilde stellt in der Galerie aus

Am 31. Januar 1977 eröffnete man das Wirtshaus neu. „In der erster Ausstellung, die wir machten, präsentierten wir Bilder von Rüdiger Wilde“, sagt Jörg Mehl. Der dem späteren Architekten Wilde gewidmeten Ausstellung folgten alsbald weitere Werkschauen bekannter Kunstschaffender aus dem Märkischen Kreis. Im Kunstraum des Stock gab es Arbeiten von Anne Schwindt, Ralf Sroka oder Gabi Ramdohr zu sehen. Über den bloßen Ausstellungsraum hinaus boten die Events den Kunstinteressierten zudem die Möglichkeit sich mit den Künstlern vor Ort auszutauschen. Die „Galerie Stock“, wie sie zu Beginn hieß, stand bis 1979 unter künstlerischer Leitung von Stefan Bittner.

Alsbald wurden die Ausstellungen um Musikveranstaltungen ergänzt, was letztlich dahin führte, dass in das Programm der Mehl-Brüder nun noch Kleinkunstveranstaltungen Einzug hielten. Liedermacher, Kabarettisten, Wortakrobaten und artverwandte Künstler kamen in das Wirtshaus, um das Publikum zu unterhalten.

Karl Dalls Auftritt wird zum Debakel

Als Fluch und Segen zugleich entpuppte sich an dieser Front dann das Engagement des damalig extrem populären Humoristen Karl Dall. Der hatte gerade die Musik- und Klamauk-Kapelle Insterburg & Co. verlassen, versuchte, eine Solo-Kariere anzukurbeln.

Lüdenscheid war Karl Dall als Auftrittsort mit dankbarem Publikum mehr als gut bekannt. Im Gefolge von Ingo Insterburg, Peter Ehlebracht und Jürgen Barz hatte Dall seit 1970 mehrfach die Bergstadt besucht und die Schützenhalle am Loh bespielt.

Als Solist, ohne Unterstützung der „verlausten Affen“, erfreute sich Karl Dall zwar auch großer Beliebtheit, dennoch eckte sein (dem Zeitgeist der 70er-Jahre entsprechende) Humor bei vielen an. Um Zoten und schlüpfrige Gags unter der Gürtellinie nie verlegen, zeigte sich der Entertainer auf den Bühnen. So auch beim Auftritt im Stock, der die Massen in die Knapper Straße 50 zog.

Gastierte in der Alten Druckerei: Markus Kiefer als Kafka-Interpret.

Das Waterloo der Gebrüder Mehl

Der Abend wurde zum persönlichen Waterloo der Gebrüder Mehl. „Wir waren ehrlich gesagt überfordert“, reflektiert Kilian Mehl die damaligen Geschehnisse. Der Stock war völlig überrannt worden von Besuchern. Und um all jenen gerecht werden zu können, die den Dall-Auftritt live erleben wollten, wurden zusätzliche Stehkarten verkauft, die Show außerdem über Videoanlage in die hintersten Ecke der Kneipe übertragen. Es war voll, noch voller. So voll, dass es zur Mitte des Auftritts zu unvorhergesehenen Szenen kam. Feuerwehr, Sanitäter und das Ordnungsamt schritten ein, alarmiert von Gästen, die im Gedränge im Stock um Leib und Leben fürchteten.

Beim Ärger des Moments blieb es nicht. Denn das Presse-Echo kritisierte nicht nur die Veranstalter, auch Karl Dalls Auftritt selbst wurde verrissen. Da war die Rede davon, dass die präsentierten Witze längst allesamt auf Platte oder im Radio zu hören gewesen seien. Dall wurde attestiert, seine besten Zeiten wohl längst hinter sich gehabt zu haben.

Ein rappelvolles Wirtshaus bescherte den Stock-Chefs regelmäßig auch ein Party-Format, das für Jörg Mehl eine Herzensangelegenheit war – der sogenannte RoMo-Ball. „Die Rosenmontags-Party war weit über die Grenzen Lüdenscheids bekannt. Der Laden war an den Abenden so überfüllt, dass schier alles zu Bruch ging“, erzählt Jörg Mehl.

Das Imperium wächst und wächst

Seine Bestrebungen, in Lüdenscheid eine Karnevalskultur zu etablieren, waren immer wieder Grund dafür, dass der Stock regelmäßig renoviert werden musste. „Jedes Mal kostete es uns mehr als 1000 Mark, die Schäden zu beheben.“

Der Stock entwickelte sich derweil so prächtig, dass die Mehls bald weitere Gastronomiebetriebe übernahmen. 1977 eröffnete der Samtkragen (benannt nach dem Schnaps-Mix mit Korn und Boonekamp) in den Räumen des ehemaligen Sportgeschäftes Baudis an der Knapper Straße 29. 1978 dann wurde unter Regie der Mehls die historische Gaststätte Sturm an der Hochstraße als Reidemeister neu eröffnet. Den Traum vom eigenen Restaurant erfüllte sich Jörg Mehl 1979 mit der Wiederbelebung des Hauses Waldlust. Die neuen gastronomischen Unternehmungen der Mehls sollten noch großen Einfluss auf die Zukunft des Stock haben. Zu Beginn der 1980er-Jahre ging Kilian zum Medizin-Studium nach Köln.

„Mit dem Stock finanzierte ich mein Studium. Unter der Woche war ich in Köln, an den Wochenenden im Stock“, erzählt Kilian Mehl. Doch ab und an stand Kilian auch hinter der Theke des Samtkragen.

Jochen Brusis war eine der Leitfiguren im Stock.

Begegnung mit dem "Strubbelsack" 

Hier saß oftmals ein Mann mit einem skurril anmutenden Bart am Tresen und kippte seine Bierchen – Jochen Brusis. Liebevoll von Jörg Mehl auch „Strubbelsack“ genannt. Mit eben jenem „Strubbelsack“ kamen die Mehls ins Gespräch, erfuhren im Dialog von seiner langjähriger Erfahrung in der Gastronomiebranche und seiner Kunst- und Kulturaffinität.

Auch mit Schulfreund Stefan Bittner kam Kilian Mehl wieder in Kontakt. Er hatte ihn nach dem Abitur aus den Augen verloren, Stefan war zum Studium nach München gegangen. Jetzt war er auch in Köln aufgeschlagen, durchstreifte mit Kilian Mehl das Nachtleben der Großstadt. Und das, was sie erlebten, brachten sie in das Programm des Stock ein.

Martin Brandt findet Köln fade

Der Zweite im Bunde, der maßgeblich das Wirtshaus für viele Jahre mitprägen sollte, war Martin Brandt, ein weiterer Schulfreund Kilians, der ebenfalls zum Studium nach Köln gezogen war. Allerdings: Martin, der Jura studierte, war alles andere als glücklich mit dem Studentenleben in der Rhein-Metropole. „Das alles langweilte Martin, er wollte nicht länger an der Rheinaue in der Freizeit den Schiffen nachschauen“, erzählt Kilian Mehl.

Stefan Bittner, Jochen Brusis und Martin Brandt – sie komplettierten von nun an das Team des Stock. Dessen Raum war unlängst um das „Bilderstöckchen“ als Ausstellungsraum mit Café-Bereich erweitert worden.

Die Geburt der "Alten Druckerei"

Ende 1986 stand ein weiterer Ausbau der Gaststätte an. „Die Druckerei Schemm, die zuletzt ihre Maschinen in den Räumen hinter dem Stock betrieben hatte, wurde aufgelöst. Die Idee für die Kleinkunstbühne ‘Alte Druckerei’ war geboren“, sagt Kilian Mehl.

Gastierte in der Alten Druckerei: das Clowntheater mit Kathrin Kupke und Udo Splinter.

1987 wurde die „Alte Druckerei“ als wegweisendes Element des Wirtshauses Im Stock eröffnet. Mit Kilian Mehl und Stefan Bittner als visionären Köpfen hinter dem Programm und Martin Brandt und Jochen Brusis am Zapfhahn erlebte die Kneipe immer neue Besucherrekorde. Hier trafen sich auch unter der Woche die Abiturienten vom Staberg, Studenten auf Heimatbesuch und andere junge Erwachsene. Die Veranstaltungen im Bilderstöckchen und der Alten Druckerei zogen hingegen mittlerweile Besucher jeder Altersklasse an.

Drastischer Umbruch

Kilian Mehl widmete sich bald immer mehr seiner akademischen Kariere, weshalb Bruder Jörg nun das operative Geschäft im Stock übernahm.

In Jörg Mehls Haus Waldlust ging es gastronomisch deutlich anspruchsvoller als im Stock zu.

1993 war das Jahr, in dem der Stock vor einem drastischen Umbruch stand. Im Sommer des Jahres stellte Jörg Mehl dem Rat der Stadt Lüdenscheid sein Konzept für das Brauhaus Schillerbad vor. Kilian Mehl ging einen völlig anderen Weg. Inzwischen war er Doktor der Medizin und wurde später gar Professor. Er übernahm Ende 1993 die Leitung der Klinik Wollmarshöhe für psychosomatische Medizin im schwäbischen Bodnegg.

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