Lüdenscheider Gastro-Geschichte(n)

Bitte schön scharf: Als der Döner nach Lüdenscheid kam

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Cebil Sahin vom Döner-Express an der Wilhelmstraße im Jahr 2002.

Lüdenscheid - „Schön scharf“ ist Pflicht, denn „Döner macht schöner“: Die Geschichte der türkischen Schnellimbiss-Lokale in Lüdenscheid.

Stubenhocker erleben nur selten was. Wer in einer Stadt wie Lüdenscheid mitreden will, der muss raus, dahin, wo das Leben pulsiert – in die Restaurants und Pommesbuden, die Kneipen, Clubs und Diskotheken. In der Serie „Essen, Trinken, Ausgehen!“ unternimmt Fabian Paffendorf einen Streifzug durch die Gastronomie-Geschichte(n) der Bergstadt (hier geht es zu allen Folgen). Wo wurde gestern und vorgestern gut gegessen und getrunken– und welchen Einfluss hatte das Nachtleben von einst auf die Gastro-Szene von heute? In Folge 17 kommt ein Fast-Food-Trend in Lüdenscheid an, der alsbald zahlreiche Imbiss-Neuansiedlungen zur Folge hat. Mit der rapide anwachsenden Auswahl des Angebots nimmt die Lust auf den südländischen Genuss auch wieder ab.

Der Grieche nennt sein gewürztes Schweinefleisch vom vertikalen Drehspieß Gyros, der Türke legt stattdessen Kalb- und Lammfleischkegel auf den Grill und spricht dabei von Döner. Dass nun der Begriff Döner heute außerhalb der Türkei auch als Synonym für Fleisch mit Gartensalatbeilage im Fladenbrot bekannt ist, ist mutmaßlich Verdienst eines Gastarbeiters aus Westdeutschland.

Den sogenannten Döner Kebab nach Deutschland gebracht zu haben, beanspruchen verschiedene Menschen für sich. Ein gewisser Nevzat Salim will 1969 erstmals Dönerfleisch im Brot in seinem Imbiss in Reutlingen angeboten haben. Andere sprechen davon, dass 1970 ein Grill-Lokal am Kottbusser Damm in Berlin den ersten deutschen Döner verkaufte.

Der Verein türkischer Döner-Hersteller hingegen hält daran fest, dass es der Einwanderer Kadir Nurman gewesen sein soll, der Anfang der 1970er-Jahre den ersten Döner-Grill am Berliner Bahnhof Zoo eröffnet habe. Hitzig diskutiert wird bis heute ebenfalls die Frage, ob nun das griechische Gyros oder der türkische Döner älter ist. Doch wann brach das „Döner-Fieber“ eigentlich in Lüdenscheid aus?

Erster Kontakt im Marmara-Grill

Die Imbiss-Freunde in der Bergstadt kamen erstmals um 1984 in Kontakt mit dem Lammfleisch, das nach Döner-Art zubereitet wurde. Im Marmara-Grill-Restaurant von Özel Balaman an der Hochstraße bereiteten Memet Bali und Ayse Donmez typische türkische Spezialitäten zu. Neben gefüllten Auberginen, Linsensuppe, Köfte und Lahmacun (Hackfleischfladen) stand auch Döner auf der Speisekarte. Nur eben wurde das Fleisch mit Reis und Salatbeilage eben nicht im Fladenbrot gereicht, sondern kam auf den Teller.

Dienstältester Dönergrill ist der Anatolien-Grill.

Unkomplizierten Döner-Genuss auf die Hand sollte jemand anderes den Bergstädtern bald anbieten. Murat Husbay, der ab Januar 1987 einen Imbissstand an der Lennestraße 58 betrieb, brachte die „Döner-Tasche“ in die Stadt. Am Imbisswagen der Familie Husbay, der unter dem Namen „Brummi-Grill“ bekannt war, gab es den Döner aber noch nicht. Vielmehr verkaufte man dort recht konventionelle Imbissgerichte wie Schaschlik mit Pommes frites oder die obligatorische Currywurst. Speisen, die gänzlich von der Menükarte verschwanden, als Murat Husbay im Herbst 1988 ein Ladenlokal in den Räumen an der Knapper Straße 52 übernahm.

Im Dezember des Jahres eröffnete der neue Imbiss mit dem Namen Ali Baba – und als besondere Spezialität des Hauses wurde die Döner-Tasche für fünf D-Mark angepriesen. Die Fast-Food-Neuheit war ein Verkaufsschlager. Doch die Konkurrenz vor Ort ließ nicht lange auf sich warten. 1989 eröffnete der Grill-Imbiss Anatolien in den ehemaligen Räumen von Marmara an der Hochstraße. Der Oberstadt-Döner-Imbiss mauserte sich schnell zum Kult-Lokal.

Ali Baba und die Super-Burger

1992 zog der Imbiss Ali Baba auf der Knapper Straße um. Das neue Lokal wurde in den Räumen einer ehemaligen Pizzeria an der Knapper Straße 6 eingerichtet.

Den alten Standort an der Knapper Straße 52 bezog ein Schnell-Imbiss namens Super-Burger. Da sich McDonald’s damalig noch nicht in Lüdenscheid angesiedelt hatte, erwarteten die Fast-Food-Fans der Bergstadt durch das neue Burger-Lokal einen entsprechenden Ersatz, doch obschon die Bulettenbraterei am Knapp vielerlei schmackhafte Kreationen auf der Speisekarte führte, machte sich unter den Kunden Frust breit. Das Problem lag darin, dass jeder einzelne Burger frisch zubereitet wurde und die Betreiber daher kaum mit den Bestellungen hinterherkamen, sobald der Laden mal etwas voller war.

McDonald's als neuer Platzhirsch

Als der ehemalige Eishockey-Nationalspieler Uli Hiemer als Franchise-Partner 1997 McDonald’s an den Brockhauser Weg 87 brachte, machte der Burger-Laden am Knapp dicht, die Fassaden-Leuchtreklame mit dem „Super-Burger“-Schriftzug sicherte sich der griechische Gastronom Georgios Antonidis, der sie an seinen Grill an der Christuskirche (Wehberger Straße 1) montierte.

Die Döner-Läden waren mittlerweile in starke Konkurrenz zu den griechischen Schnellrestaurants der Bergstadt getreten. Döner wurde jetzt auch an der Schillerstraße 7 serviert, an der Kluse gab’s Kalbfleisch vom Drehspieß, der Saray-Grill (heute Pizzeria Mama) eröffnete am Rathausplatz 25, und im Forum am Sternplatz begrüßte man die Gäste im Grill-Restaurant Istanbul.

Ab der zweiten Hälfte der 1990er-Jahre erlebte die Knapper Straße einen massiven Verlust der alteingesessenen Einzelhandelsgeschäfte und Dienstleister. Viele Hauseigentümer verkauften in den Folgejahren ihre Immobilien aufgrund des Handelsschwunds auf der Einkaufsmeile. Die Neueigentümer füllten die Leerstände zunehmend mit An- und Verkaufs-Läden, Handy-Reparatur-Shops, Wettbüros, Spielstätten oder weiteren Imbiss-Lokalen. Trotzdem gingen an der Knapper Straße 6 bei Ali Baba die Lichter aus. Neuer „Döner-Mann“ vor Ort wurde 1997 Mehmet Demir, der mit seiner Familie 1997 den Firat-Grill an der Knapper Straße 44 eröffnete.

Nächtlicher Hochbetrieb

Ebenso wie bei den Gastro-Nachbarn auf der gegenüberliegenden Straßenseite, Familie Pilis mit ihrem Lokal Dampflok, herrschte auch im Firat-Grill in den Nachtstunden an den Wochenenden Hochbetrieb. Man profitierte vom Publikum des Wirtshauses Im Stock, das nach dem letzten Pils in der Kneipe auf dem Heimweg noch nach einer kleinen Mahlzeit verlangte. Der nächtliche Ansturm auf seine Speisen brachte Demir dann auf die Idee, einen Preisaufschlag auf Döner-Bestellungen nach 22 Uhr zu verlangen. Das kam nicht bei jedem Kunden gut an.

Alsbald hatten Döner-Fans noch größere Auswahl am Knapp. 1999 zog zum Beispiel die Familie Antonidis von der Christuskirche zur Knapper Straße 6 um und eröffnete das Frittencenter. Im griechischen Imbiss stand nun auch Döner neben Gyros auf der Karte. An der Knapper Straße 43 gab’s Döner bei Altin Sis, neben der Dampflok machte der Aciktim-Grill (später auch Al Shaam oder Aladin) an der Knapper Straße 67 auf.

Sami Yildirim vom Nazar-Grill im Forum im Jahr 2002.

Der Leerstand, den der Auszug des Lava-Grills an der Knapper Straße hinterlassen hatte, wurde 2003 vom Dönermann ausgefüllt. Gegenüber davon, an der Knapper Straße 28, wo zuvor Taco King Pizza anbot, zog später der Dönerladen City Grill ein.

Dadurch, dass so viele (kurzlebige) neue Döner-Imbissstuben am Knapp und der Kluse wie Pilze aus dem Boden schossen, veränderte sich im öffentlichen Bewusstsein die Beziehung zum orientalischen Schnellimbiss. Eine Döner-Shop-Neueröffnung wurde mit dem Aussterben des Handels in den Stadtgebieten assoziiert.

Jetzt kommt auch Pute in den Döner

Auch waren große Gastronomie-Ketten, die hauptsächlich die sogenannten Foodcourts in den Shoppingcentern füllten, auf den Döner-Trend-Zug aufgesprungen, hatten das Fast-Food-Gericht weiter dem Kundengeschmack angepasst. In das Brot kam jetzt Hack-, Hähnchen- und Putenfleisch. Statt Saziki boten die Döneria-Ketten zahlreiche weitere Soßen an. Trends, die bald ebenfalls in den inhabergeführten Döner-Stuben Lüdenscheids aufgegriffen wurden.

Nur die Besten halten lange durch

Viele Döner-Lokale kamen und gingen in den vergangenen Jahrzehnten. Geblieben sind nur die Imbissstuben, bei denen die Qualität stimmte und deren Betreiber sich so über die Jahre hinweg eine Stammkundschaft erarbeiten konnten. Als dienstälteste ihrer Art sind die Schnellrestaurants Anatolien, Stargrill am Bräuckenkreuz und MacDöner am Kluser Platz die Lokalmatadore vor Ort. Und: Seit kurzer Zeit belebt eine Döneria wieder die Räume in der Knapper Straße 6. In Anlehnung an den Lüdenscheider Döner-Pionier Murat Husbay trägt der Imbiss den Namen Dürümcü Ali Baba.

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