Lüdenscheider Gastro-Geschichte(n)

Pizza, Pasta und Probleme - Als die  "Italiener" in Lüdenscheid eröffneten

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Felice Bucci im Jahr 2002 als Chef der Kulturhaus-Gastronomie.

Lüdenscheid - Seit 50 Jahren ist Lüdenscheid ohne italienische Restaurants kaum noch vorstellbar. Zwei Familien haben den größten Anteil daran.

Stubenhocker erleben nur selten was. Wer in einer Stadt wie Lüdenscheid mitreden will, der muss raus, dahin, wo das Leben pulsiert – in die Restaurants und Pommesbuden, die Kneipen, Clubs und Diskotheken. In der Serie „Essen, Trinken, Ausgehen!“ unternimmt Fabian Paffendorf einen Streifzug durch die Gastronomie-Geschichte(n) der Bergstadt (hier geht es zu allen Folgen). Wo wurde gestern und vorgestern gut gegessen und getrunken– und welchen Einfluss hatte das Nachtleben von einst auf die Gastro-Szene von heute? In Folge 18 kommt die Pizza nach Lüdenscheid. Italienische Familien fassen als Gastronomen Fuß in der Bergstadt können sich dauerhaft erfolgreich mit ihren Restaurants am Markt behaupten. Über mehrere Jahrzehnte sind zum Beispiel die Lokale der Familien Bucci oder Giamblanco die Top-Adressen für gutes italienisches Essen. Auf der anderen Seite versuchen sich aber auch immer wieder neue Pizza-Bäcker und Pasta-Köche am Herd, die nicht überzeugen können.

Das erste italienische Restaurant in der Bergstadt eröffnet 1970 in den Räumen von Lüdenscheids erstem Kino: Im Haus Altenaer Straße 3a und damit am selben Standort, an dem von 1907 bis 1910 das Zentral-Theater eingerichtet war, wird jetzt mediterran gegessen. Die Schneiderin Luigina Bucci und ihr Mann Nicola, ein gelernter Konditor, servieren Muscheln, Pasta und Pizza im Speiselokal Capello D’Oro (Goldener Hut) – die Lüdenscheider lieben es.

Das bleibt so – auch als Bucci-Tochter Giuseppina und ihr Mann Luigi Franco den Betrieb in nächster Generation fortführen.

Ebenso wie Giuseppina lernt ihr Bruder Felice im elterlichen Betrieb. Mit dem eigenen Gastronomiebetrieb Bucci’s Bistrorante an der Herscheider Landstraße 88 macht sich Felice Bucci selbstständig, 2002 übernimmt er dann mit seiner Frau Marion das Restaurant im Kulturhaus, 2011 eröffnet das Paar das Castello in der Schützenhalle am Loh.

Giuseppina und Luigi Franco mussten das Capello d'Oro schweren Herzens schließen.

Nach 49 Jahren, im Sommer 2019, ist hingegen das Ende des ersten italienischen Restaurants an der Altenaer Straße absehbar. Gesundheitliche Gründe und Personalmangel führen dazu, dass das Capello D’Oro immer öfter geschlossen bleibt. Das Inhaber-Ehepaar sucht nach italienischen Nachfolgern – und scheitert. Seit November 2019 wird im Restaurant asiatisch gekocht. Aus dem goldenen Hut ist Mrs. Ahn geworden, die neuen Pächter tischen Sushi, Maki und Kokossuppe auf.

L'Ancora gibt es 22 Jahre lang

Eine ähnlich lange Erfolgsgeschichte in der Lüdenscheider Gastro-Szene wie Buccis kann die Familie Giamblanco vorweisen. Sie kommt ebenfalls in den 1970er-Jahren nach Deutschland. 1977 eröffnet Antonio Giamblanco an der Humboldtstraße 32 das Restaurant L’Ancora. 1982 übernimmt Bruder Mario mit seiner Frau Luigina die Gaststätte.

22 Jahre lang führen sie das Lokal, dann soll es gut sein. Als Nachfolger stellt das Paar im März 2004 den Plettenberger Giuseppe Bogiovanni vor. Der neue Inhaber setzt auf die Fähigkeiten des Essener Kochs Aldo Leanza. Leider läuft das Lokal trotzdem nicht mehr so gut wie vorher und schließt nach nur wenigen Jahren endgültig.

Antonio Giamblanco und seine Familie übernehmen 2013 die ehemalige Gerichtsklause an der Philippstraße 30. Wo zuvor noch das griechische Restaurant Syrtaki residierte, wird seither gehobene italienische Küche serviert. L’Artista heißt das neue Lokal der Familie Giamblanco.

Lange Zeit wenig Glück mit den Pächtern des italienischen Restaurants im Hause haben die Vermarkter des City-Center Lüdenscheid (CCL) in den 70er und 80er-Jahren.

Geschäftstüchtig und stadtbekannt: Pietro Cannizarro hatte mit seinem Restaurant im damaligen City-Center zunächst viel Erfolg.

Dabei beginnt die Geschichte des Gastro-Angebots im Center so vielversprechend. Mit einer Aufsehen erregenden und ständig präsenten Anzeigenkampagne in den Lüdenscheider Nachrichten macht Gastronom Pietro Cannizarro ab Spätsommer 1977 auf sein Lokal aufmerksam. „Wann kommt Pietro?“, „Heute hat Pietro den Pizza-Ofen ausprobiert“, oder „Meine Gäste haben mich gezwungen, heute zu eröffnen“, heißt es da in den Anzeigentexten. Das macht neugierig – und Lust auf einen Besuch in Pietros Pizzeria und Restaurante.

Pietro wird zum Stadtgespräch

Im September 1977 eröffnet das Speiselokal endlich. Fortan wird Cannizarros Restaurant Stadtgespräch. Zum einen, weil dort ausgezeichnetes Essen auf den Tisch kommt, zum anderen, weil ein Ara vorm Lokal die Gäste begrüßt. Der gute Ruf sorgt bald dafür, dass das Angebot an Speisen und Getränken erweitert wird. Fischgerichte kommen auf die Menükarte, zahlreiche italienische Weine dürfen probiert werden. Die große Nachfrage nach Pietros Pizza und Pasta mündet in einer neuen Geschäftsidee. Ab 1979 gibt’s zum regulären Restaurantbetrieb noch ein Verkaufsfenster hinzu. Center-Besucher, die keine Lust und Zeit haben, sich an einen Restauranttisch zu setzen, können jetzt nach Schnellimbissmanier bestellen und ihre Pizza daheim genießen.

Erst Erweiterung und dann Abgang

Es kommt noch besser: Außerhalb des CCL, nämlich direkt am neu angelegten Kleinen Sternplatz vor dem Einkaufszentrum (Wilhelmstraße 13), eröffnet Cannizarro im Dezember 1981 eine zusätzliche Stehpizzeria mit dem Namen Les Petits Pietro Pizzeria Grill. Mitte 1982 verlassen Pietro Cannizarro und seine Frau Angela aus – sozusagen – persönlichen Gründen Lüdenscheid, gehen zurück nach Italien.

Giuseppe Fiore, Inhaber der Pizzeria Le Petit

Aus der Stehpizzeria wird Georgio Le Petit, später übernimmt Giuseppe Fiore das kleine Lokal, benennt es um in Le Petit by Pietro. Die Pizzeria im CCL eröffnet ein anderer Gastronom am 9. Dezember 1982 neu. In den ersten Jahren läuft das Restaurant ganz gut, doch ab Ende 1985 bleibt der Mann der Center-Betreiberin immer öfter Mietzahlungen schuldig. Die Zahlungsschwierigkeiten des Wirts werden 1986 öffentlich bekannt, weil ein belgisches Ehepaar aus Lüdenscheid eine Reise antreten will, die ihm als Gewinn eines Preisausschreibens des Restaurants versprochen worden war. Doch anstatt der 14 Tage Vollpension im spanischen Callela erwartet das Paar eine Hiobsbotschaft: Der Auslober hat der Reisegesellschaft nämlich niemals die Kosten des Urlaubs bezahlt.

Stattdessen tritt der Gastwirt selbst eine Reise an – zurück nach Italien. Dort, so hat er es der Center-Managerin Renate Cassens versprochen, will er das Geld für ausstehenden Mietzahlungen auftreiben. Das Restaurant bleibt geschlossen, denn der Wirt kommt nicht mehr zurück, um seine Schulden zu begleichen.

Aus der Pizzeria Pietro wurde die Oase.

Im Herbst 1986 hat das Restaurant einen neuen Pächter. Der Wirt heißt nun Pasquale Melis, das Lokal ab dem 20. November 1986 Oase. Aufgrund des Erfolges der Oase wird 1987 schon ein weiterer Bistro-Bereich dazu gemietet, der den Namen Palmgarten erhält. 1988 schließt Melis das Restaurant Oase und eröffnet es kurze Zeit später mit neuem Konzept wieder. Aus der Oase wird das Pfannkuchenhaus.

Die Geschichte von Pasquale Melis’ Lokal in Lüdenscheid endet zu Beginn des Jahres 1991. Nach dem Kauf des CCL durch Reinhold Zimmermann hält die Hamburger Projektentwicklerin ECE die Zügel in der Hand, Mietverträge der bisher im Center aktiven Gastronomen werden nicht neu verhandelt. Im Stern-Center, das aus dem alten CCL werden soll, ist kein Platz mehr für inhabergeführte Imbissstuben, Restaurants oder Diskotheken. Statt diesen will man lieber lokale Ableger von Gastro-Ketten ins neue Haus holen.

Pizza auch ganz ohne Italiener

Keine italienischen Restaurants, sondern weitere kleine Pizzastuben nach Art von Le Petit eröffnen in den 1980er-Jahren immer mal wieder auf den Haupteinkaufsstraßen der Innenstadt. Die Pizzeria an der Wilhelmstraße 20, La Fottaria an der Knapper Straße 6 oder Bella Italia an der Werdohler Straße 1 teilen ein gemeinsames Schicksal: Über das Jahrzehnt hinaus existiert keines der Lokale. Mit Beginn der 1990er-Jahre siedeln sich vermehrt Pizzerien in Lüdenscheid an, deren Kerngeschäft Lieferdienstangebote sind: Solche Lokale wie Don Camillo oder Pizzaking bieten zwar Pizza- und Pastagerichte an, aber hier stehen keine italienischen Gastronomen mehr am Ofen.  

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