Lüdenscheider Gastro Geschichte(n)

Nackte, lärmende Männer im Lokal

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Ständiger Stein des Anstoßes: die Gaststätte Aquarium an der Hochstraße im Jahr 1983.

Lüdenscheid - Viele Anwohner der vorderen Hochstraße werden in den 80er-Jahren nicht geahnt haben, wie sehr man sich nach einem Eiscafé zurücksehnen kann. Aber sie erleben es.

Stubenhocker erleben nur selten was. Wer in einer Stadt wie Lüdenscheid mitreden will, der muss raus, dahin, wo das Leben pulsiert – in die Restaurants und Pommesbuden, die Kneipen, Clubs und Diskotheken. In der Serie „Essen, Trinken, Ausgehen!“ unternimmt Fabian Paffendorf einen Streifzug durch die Gastronomie-Geschichte(n) der Bergstadt (hier geht es direkt zu allen Folgen). Wo wurde gestern und vorgestern gut gegessen und getrunken– und welchen Einfluss hatte das Nachtleben von einst auf die Gastro-Szene von heute? Folge 14 beleuchtet einen Streit, der seit fast 40 Jahren andauert. Seit im Haus Hochstraße 10 Gaststättenräume eingerichtet wurden, liegen deren Betreiber im ständigen Clinch mit den Anwohnern. Und selbst, wenn der Streit gerade nicht zum Politikum gereicht, dann lärmen nackte Männer im Lokal.

Krawall und Halligalli durch trinkfeste Nachtschwärmer – das sind die Anwohner vom Haus mit der Nummer 10 lange Zeit nicht gewohnt. Bis in die 70er-Jahre ist das Haushaltswarengeschäft Seuster in den Räumen beheimatet. Dann wird renoviert, das Ladenlokal zum Gastronomiebetrieb umgerüstet – die Gewerberäume als Eiscafé Valentino neu eröffnet. Anfang der 1980er-Jahre pachtet der Bierverleger Friedel Post das Lokal. Von Stund’ an ist es aus mit der Ruhe.

Bis in die 70er-Jahre ist das Haushaltswarengeschäft Seuster in den Räumen beheimatet.

Denn als das Café unter dem Namen Aquarium im Juli 1982 neu eröffnet, finden hier wilde und laute Partys statt. Ein Nachbar damals über die neue Situation: „Der Betrieb im Aquarium beginnt meist erst so richtig um 22 Uhr. Da die Kneipentür in der Regel offen steht und dadurch der Krach ungehindert nach draußen schallt, werden wir in unserer Nachtruhe empfindlich gestört“. Vor drei Uhr in der Nacht, wenn das Aquarium schließe, sei nicht daran zu denken, ein Auge zuzubekommen.

Doch nicht nur der Lärm aus dem Lokal sorgt für aufgebrachte Nachbarn. Ebenso ist ihnen ein Dorn im Auge, dass bis weit nach Mitternacht immer wieder Autos vorfahren, Türen laut geknallt werden, neue Gäste im Aquarium ankommen.

Wo "People" ist, da sind auch die Gäste

Woran liegt’s, dass das Lokal unter Lüdenscheids Jugend bereits zur Eröffnung als Geheimtipp gehandelt wird? Es liegt nicht daran, dass hier das frisch gezapfte Fürstenberg-Pilsener so gut schmeckt. Wohl aber daran, wer hier Bier zapft: Als Geschäftsführer hat Pächter Post nämlich den umtriebigen York Rüdiger „People“ Romberg angestellt.

Der hat sich als Betreiber des Musiklokals Beanery an der Hochstraße 87 über ein Jahrzehnt einen Ruf erarbeitet, der ihm wie ein Donnerhall vorauseilt: Wo People ist, da geht’s hoch her!

Und selbst Gerhard W. Winkler, der damalige Hausbesitzer der Immobilie Hochstraße 10, muss im Gespräch mit LN-Redakteur Wolfgang Kleinfeld eingestehen: „Man wäre ja dumm, wenn man sich die Popularität dieses Mannes nicht zunutze machte.“

Den Kult um den Wirt will Friedel Post kommerziell noch weiter ausschlachten und liebäugelt damit, aus dem Aquarium einen Jazz- und Rockclub nach Art des Beanery zu machen. Dafür soll angebaut, das Lokal in Richtung Grabenstraße um Räume für Konzerte erweitert werden. Die Handwerker sind schon bei der Arbeit, als die Stadt dem Vorhaben plötzlich einen Riegel vorschiebt. Das Bauordnungsamt legt die Baustelle wegen „Fehlens genehmigungsreifer Anträge“ still. Und das Ordnungsamt verdeutlicht, dass für das Aquarium nur eine vorläufige Konzession erteilt worden sei, die eine Nutzungsänderung in eine Musikkneipe nicht vorsehe. Als Grund wird die dichte Wohnbebauung genannt. Zudem müsse das Gewerbeaufsichtsamt Hagen für so etwas seine Zustimmung erteilen.

Tagsüber ging es im Aquarium eher ruhig und gesittet zu.

Vom Vorwurf des Schwarzbaus will Hausbesitzer Winkler nichts wissen. Gegenüber den LN erklärt er, dass die Baumaßnahme offenkundig überhastet in Angriff genommen orden sei. Den Vorwurf, dass ein Konzertbereich gebaut werde, bestreitet er. Allenfalls habe man die Räume des Lokals erweitern wollen, damit die Gäste nicht mehr bis auf den Bürgersteig stehen müssten, wenn es drinnen zu voll sei.

Obwohl der Ausbau gestoppt ist, geht es weiter mit der Lärmbelästigung. Immer wieder rufen gestresste Nachbarn die Polizei, bringen sogar eine Unterschriftenaktion auf den Weg ins Rathaus. Es heißt, beim Aquarium handele es sich nicht mehr um eine „normale“ Gaststätte, sondern längst um ein Nachtlokal.

Dröhnende Musik, laut lachende Gäste, die bis zum gegenüberliegenden Bürgersteig in Grüppchen herumstehen, knallende Autotüren und aufheulende Motoren – vorerst bleibt es, wie es ist.

"Wir ignorieren das Ordnungsamt"

Daran ändert sich auch nichts, als 1983 York Rüdiger Romberg im Aquarium aufhört. Das Ordnungsamt greift durch, erlässt strengere Auflagen und droht mit dem Entzug der Konzession, wenn diese nicht erfüllt würden. Kurze Zeit beruhigt die Lage sich ein wenig – um dann endgültig zu eskalieren. Im Juli 1985 erlässt das Ordnungsamt eine Verfügung zur Schließung des Aquarium. Nur: Darauf reagiert niemand. Am Nachmittag des 28. August 1985 rücken Mitarbeiter des Ordnungsamts schließlich aus, um eine Zwangsschließung des Lokals durchzusetzen. 

Unter neuen Pächtern und Namen bleibt die Hochstraße 10 in den darauffolgenden Jahren als Kneipen-Standort den Bergstädtern aber erhalten. Mal heißt das Lokal Casablanca, dann auch CuBar, gegen Ende der 1990er-Jahre wird es als Hexenkessel neueröffnet. Im Hexenkessel treffen sich die Freunde derberer Sounds und harter Gitarrenriffs. Zu deren Vergnügen werden auch Live-Konzerte mit prominenten Musikern aus dem Märkischen Kreis veranstaltet.

Prominent, aber zugleich stark umstritten ist die Band Sons of Tarantula, deren Mitglieder aus Hagen, Iserlohn und Menden stammen. Die Formation spielt knüppelharten Grindcore, eine brutale Mischung aus Punk, Metal und Lärm. Die Bandmitglieder nennen sich Kasper, Würger, Rinderschädel, Puppe und Sittenstrolch, treten vornehmlich nackt und absurd maskiert auf.

Zur gewöhnungsbedürftigen Musik und Optik gibt’s deutschsprachige Texte, die inhaltlich zwischen Satire und derben Fäkalhumor verortet sind. Sie besingen Suizid und Genozid, obskure Gewaltfantasien und sexuelle Ausschweifungen jeder Art.

Und ewig droht der Konzessionsentzug

Das Konzert im Hexenkessel wird zum Event für die wirklich Hartgesottenen. Aber die Band, die auch mal bei Live-Gigs geladene Flinten schwingt, blieb beim Lüdenscheid-Konzert ganz friedlich, wie die ehemalige Betreiberin des Lokals erzählt.

Weniger ausschweifend und skurril geht es kurze Zeit später in dem Lokal zu. Das trägt Anfang der 2000er den Namen „Bandits“ und ist nach kurzer Zeit auch schon wieder dicht.

Heute beherbergt die Hochstraße 10 das Lönneberga.

Mehrere Jahre tut sich nichts mehr in den Räumen der Gastwirtschaft, dann eröffnen 2012 der Lüdenscheider Fotograf Steffen Schulte-Lippern und Fabian Kärnbach die Gastronomie neu. Ansprechend renoviert und rundum auf ein neues Publikum zugeschnitten, wird aus der Kneipe das Lönneberga. An den Wochenenden trifft sich die Generation Ü30 dort zum Bier, zu Spieleabenden und zur Live-Musik.

Das Haus wird wieder so sehr umschwärmt wie zu Zeiten des Aquariums. Und genau das provoziert wieder den Ärger, der schon Anfang der 80er Politik und Verwaltung alarmiert hatte. Die Anwohner beklagen eine andauernde Ruhestörung durch Gäste, die vor der Wirtschaft stehen und feiern, sowie durch den Lärm, der bei Konzerten aus dem Haus dringe.

Der Streit erreicht seinen Höhepunkt

2014 erreicht der Streit mit den Anwohnern seinen Höhepunkt. Das Ordnungsamt droht den Betreibern des Lönneberga mit dem Entzug der Konzession, wenn es zu weiteren Beschwerden komme. Die Lage ist ernst, sodass das Team der Kneipe Maßnahmen ergreift, um die erhitzten Gemüter zu beruhigen. Die Anzahl der Live-Konzerte wird massiv zurückgefahren, für die Sommermonate der Laden fortan geschlossen.

Trotzdem bleibt die Hochstraße 10 vorerst weiterhin ein Politikum. Im September 2015 bringt die SPD einen Antrag in den Bau- und Verkehrsausschuss ein, in dem gefordert wird, die vordere Hochstraße und einen Teil der Werdohler Straße zeitweise abends für den Autoverkehr zu sperren, damit die ansässigen Gastronomiebetriebe wie Lönneberga, Café Eigenart, Reidemeister und Platte Bulette temporäre Außenbereiche zur Bewirtung der Gäste einrichten können.

Der „Feldversuch Hochstraße“ blieb weitgehend erfolglos.

Geplant für 2016, erfährt der „Feldversuch Hochstraße“ dann erst im Sommer 2018 seine Umsetzung. Freitags und samstags ab 22 Uhr ist der Straßenbereich für Autos tabu, die Gastronomen stellen die Tische raus. Sieben mal ist das der Fall, dann wird der Versuch mit den Schön-Wetter-Sperrungen abgebrochen. Abermals ist der Stress mit den lärmgeplagten Anwohnern der Grund dafür.

Seit 37 Jahren streiten nunmehr die Nachbarn mit den Gastronomen der Hochstraße. Und ein Ende dieses Ärgers für beide Parteien ist kaum abzusehen.

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