Lüdenscheider Gastro-Geschichte(n)

Der Wandel des Schillerbads: Wie aus dem Jugendzentrum ein Brauhaus wurde

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Bürgermeister Jürgen Dietrich (links) und  Hausherr Jörg Mehl (rechts) eröffnen das Brauhaus Schillerbad. 

Lüdenscheid - Das Schillerbad darf kein Jugendzentrum mehr sein, doch soll es der Jugend erhalten bleiben. Eigentlich. Aber schließlich wird es zum Brauhaus. Der Politik reicht es plötzlich, dass das Gebäude architektonisch Jugendstil-Elemente vorweisen kann.

Stubenhocker erleben nur selten was. Wer in einer Stadt wie Lüdenscheid mitreden will, der muss raus, dahin, wo das Leben pulsiert – in die Restaurants und Pommesbuden, die Kneipen, Clubs und Diskotheken. In der Serie „Essen, Trinken, Ausgehen!“ unternimmt Fabian Paffendorf einen Streifzug durch die Gastronomie-Geschichte(n) der Bergstadt (alle Folgen finden Sie hier). Wo wurde gestern und vorgestern gut gegessen und getrunken – und welchen Einfluss hatte das Nachtleben von einst auf die Gastro-Szene von heute? In Folge 7 wird das größte Jugendzentrum der Stadt geschlossen. Es stellt sich erneut die Frage, was mit dem ehemaligen Hallenbad an der Juckuschstraße passieren soll, um einen Leerstand zu verhindern. Ein bekannter Lüdenscheider Gastronom hat da eine Idee – und die stößt bei der Politik auf große Begeisterung.

Zu Beginn der 1990er-Jahre zeichnet sich ab, dass das Zuschussgeschäft Jugendzentrum Schillerbad für den kommunalen Haushalt nicht länger tragbar ist. Also sucht die Politik nach Möglichkeiten, das Jugendzentrum zwar zu erhalten, aber trotzdem den Geldhahn zuzudrehen.

Im Jahr 1994 nahm das Brauhaus allmählich Gestalt an.

Wie kann etwas funktionieren, das sich eigentlich ausschließt? Die Idee ist die, das Schillerbad zu privatisieren oder einen freien Träger zu finden. Doch wer würde das Haus übernehmen wollen?

Ende 1992 wird der Gastronom Jörg Mehl gefragt, ob er sich vorstellen könnte, das Jugendzentrum weiterzuführen. Mehl hat schließlich langjährige Lüdenscheider Gastro-Erfahrung, und unter seiner Regie hat sich das Wirtshaus Im Stock an der Knapper Straße zur angesagtesten Kneipe unter den jungen Leuten entwickelt. Doch Mehl lehnt es ab, das Schillerbad als Jugendzentrum privat zu betreiben. „Wirtschaftlich wäre das einfach nicht möglich gewesen“, sagt er heute.

Investoren sollen Konzepte entwickeln

Im Jahr 1993 wird das wohl baldige Aus für das Jugendzentrum publik. Jetzt führt die Stadtverwaltung Gespräche mit verschiedenen Investoren, die Interesse daran haben, aus dem Schillerbad etwas Neues zu machen. Insgesamt sechs Investoren werden gehört, vier davon scheiden aber direkt aus dem Verfahren aus, da ihre Vorstellungen von der Nachnutzung keine jugendkulturelle Nutzungskomponente aufweisen.

Am Ende werden zwei Investoren gebeten, ihre Konzepte einzureichen, damit die Politik darüber entscheiden kann, welches davon die bessere Wahl ist. Jörg Mehl hat ein Konzept entwickelt, Marco Köhler und Norbert Wessel reichen ihres ein.

Heidi und Jörg Mehl mit Tochter Katja Schlorff im Jahr 1995.

Das Duo Marco Köhler und Norbert Wessel legt das Konzept für ein „multikulturelles Veranstaltungszentrum“ vor. In dessen Mittelpunkt soll der Event-Charakter des Schillerbads stehen, im großen Saalbereich weiterhin Konzerte aller Art sowie Theater- und Filmvorführungen stattfinden. An veranstaltungsfreien Tagen wollen Köhler und Wessel eine spezielle Kinder- und Jugenddiskothek anbieten. Auch erwachsenen Disco-Fans will man ein Programm anbieten.

Zur Ergänzung des Veranstaltungsbetriebs planen die potenziellen Investoren zudem, den Café- und Bistrobetrieb des Schillerbads auszubauen. Allerdings soll das Jugendzentrums-Angebot wie die Proberäume für Bands oder die Treffpunkte der lokalen Gruppen und Vereine bestehen bleiben, das Haus für Fremdveranstaltungen weiter zur Verfügung stehen.

Das Duo will das Schillerbad in drei Bauabschnitte unterteilt renovieren. Über zwei Jahre soll der Umbau andauern, zwischen 600 000 und 800 000 Mark soll das laut Köhler und Wessel kosten. Auf Seiten der Stadt ist man aber der Meinung, dass die Investitionssumme wohl eher mehr als eine Million D-Mark betragen dürfte.

Jörg Mehl hat eine ganz andere Idee

Das Konzept von Jörg Mehl geht in eine völlig andere Richtung – eine, die bis dato noch kein anderer Gastronom in der Bergstadt beschritten hat: ein Brauhaus, in dem Bier aus eigener Herstellung angeboten werden soll. „Um ehrlich zu sein, war ich damals immer unzufrieden damit, was die Brauereien für Bierpreise veranschlagt hatten. Ich wollte nicht mehr deren Knecht sein. Da lag es nahe, doch mal selbst zu brauen, um nicht von anderen abhängig zu sein bei der Preisgestaltung“, erzählt Jörg Mehl.

Renovierungsarbeiten im Brauhaus im Jahr 2007.

Für die Planungen der Umsetzung der Brauhaus-Idee ist Architekt Hans-Jürgen Altenheiner mit an Bord. Seinen Vorstellungen nach gliedert sich das umgebaute Schillerbad in verschiedene neue Funktionsbereiche: Da ist das eigentliche Brauhaus, eine Galerie, Bühne und ein Hotelbetrieb. Als Bauzeit für die Renovierung, die besonders die ursprüngliche Architektur des Hauses wieder hervorheben soll, sieht das Team um Jörg Mehl rund acht Monate vor. Drei Millionen D-Mark soll das Ganze kosten. „Die Sparkasse kam auf mich zu, bot den Kredit an. Man hatte wohl auch ein großes Eigeninteresse durch die direkte Nachbarschaft zur Hauptgeschäftsstelle daran, dass das Brauhaus realisiert wird“, sagt Jörg Mehl rückblickend.

Medardus-Bräu statt Multi-Kulti

In der Beschlussvorlage, die Jugendhilfeausschuss und Hauptausschuss am 18. November 1993 in den Rat der Stadt Lüdenscheid einbringen, versucht man sich darin, die gewünschte jugendkulturelle Komponente des Brauhaus-Konzepts hervorzuheben: „Von einem engeren, auf Disko- und Rockmusik bezogenen Verständnis von Jugendkultur fällt das Mehl-Konzept auch ab, ohne deswegen nicht weniger, jedoch andere Inhalte von Jugendkultur zu berücksichtigen. Dazu gehört insbesondere der programmatische Erlebnischarakter des Hauses, sichtbar gemacht durch gleichzeitige Wiederherstellung und Verfremdung des Schwimmbades, die architektonische Rekonstruktion einer Stilrichtung, die unter dem Begriff Jugendstil zur Zeit der Jahrhundertwende selbst Ausdruck von Jugendkultur war, die den äußeren Rahmen abgibt für Spontanität und Geselligkeit, aktive und passive Entspannung beim Publikum.“ Der Rat gibt grünes Licht – Lüdenscheid bekommt das Brauhaus. Am 31. Dezember 1993 wird das Jugendzentrum Schillerbad geschlossen, der Umbau kann beginnen.

1994 wird kräftig im alten Schillerbad gewerkelt. Und es geht gut und zügig vorwärts. Das Inventar wird aus Rumänien angeliefert, für die grafische Gestaltung des Innenraums zeichnet die Düsseldorfer Künstlerin Raya Cecelski verantwortlich. Hans-Jürgen Altenheiners Büropartner Rüdiger Wilde hat die Künstlerin vorgeschlagen.

Hier ist der Chef verwewigt.

Wer genauer hinschaut, der entdeckt eine frappierende Ähnlichkeit mancher Figuren an den Brauhauswänden mit Jörg Mehl. Der wird da als Jäger wie auch als Biermagnat von der Künstlerin verewigt.

Am 1. November 1994 wird das Schillerbad als Brauhaus eröffnet. In die Gläser kommt hier die hauseigene Bierspezialität „Medardus Bräu“, benannt nach Lüdenscheids Schutzpatron St. Medardus.

Das Brauhaus wird zum Hit, ist von Beginn an jedem Tag proppevoll mit Menschen. Hier wird so manches Glas Medardus-Bräu die Kehle heruntergekippt, so manche Liebschaft beginnt dort aber auch hinter der Theke. So haben sich Mehls Thekenchef und eine Kellnerin ineinander verguckt. Und das hat Folgen. Der Thekenchef heißt 1994 Klaus Stange, und sein Herz hat er an Silke Mühlhoff verloren. Aber diese Geschichte soll in einer der nächsten Folgen erzählt werden.

Schaffen wir ein, zwei viele Brauhäuser...

„Keine sechs Monate lief das Brauhaus Schillerbad, da kam die Anfrage, ob ich mir auch vorstellen könnte so etwas aus dem ehemaligen Schwimmbad in Wuppertal-Barmen zu machen“, erzählt Jörg Mehl. Eigentlich will er das nicht, aber er schaut sich die Immobilie doch einmal an. „Als ich dann drin war, hatte ich plötzlich eine ganz genaue Vorstellung davon, wie das als Brauhaus aussehen würde. Und das hat mich überzeugt, es doch zu machen“.

Thekenchef Klaus Stange.

Am 11. Juni 1997 eröffnet Jörg Mehl schließlich das Wuppertaler Brauhaus. Weitere Häuser folgen Anfang der 2000er-Jahre mit Kühlungsborn (2001), Rostock (2002), Gummersbach (2002) und Gladbeck (2003). Das letzte Brauhaus in Mehls zur Kette angewachsenen Idee ist auch das erste, das Schiffbruch erleidet. Ende 2011 verkauft Jörg Mehl es an Bettina Michel, die Tochter von Ex-Schalke-Manager Rudi Assauer. Sie führt den Betrieb innerhalb von nur sechs Monaten in die Insolvenz.

Mehl verkauft auch seine anderen Häuser. Deren Neueigentümer haben aber mehr Glück und schaffen es, die Betriebe konstant erfolgreich fortzuführen.

Im Brauhaus wird kein Bier mehr gebraut

Das Brauhaus Schillerbad, mit dem die Erfolgsgeschichte begann, gibt Jörg Mehl zum 1. Mai 2013 an den Schwerter Gastronomen Bernd Meyer ab. Unter Meyer verändert sich das Brauhaus. Ab 2015 wird hier auch nicht mehr vor Ort gebraut, die Braubehälter werden abtransportiert. Fortan kommt das Lüdenscheider Bier, das auch nicht mehr Medardus- Bräu heißt, aus Neuss und Aachen.

Heute ist Jörg Mehl einzig noch mit 30 Prozent an dem Wuppertaler Brauhaus beteiligt.

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