Essen, Trinken, Ausgehen!“: Teil 2

Nachhilfe bei Inge und Türmchen-Trinken: Wie im "Stock" alles begann

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Margarete „Loni“ Lonauer in ihrem Abschiedsjahr 1976.

Lüdenscheid - Wenn ein Lokal wie das Wirtshaus Im Stock über mehr als 50 Jahre Treffpunkt junger und jung gebliebener Lüdenscheider ist, dann ist das schon etwas Besonderes. So besonders wie seine erste Betreiberin Margarete „Loni“ Lonauer.

Stubenhocker erleben nur selten etwas. Wer in einer Stadt wie Lüdenscheid mitreden will, der muss raus, dahin, wo das Leben pulsiert – in die Restaurants und Pommesbuden, die Kneipen, Clubs und Diskotheken. In der Serie „Essen, Trinken, Ausgehen!“ (alle Teile hier) unternimmt Fabian Paffendorf einen Streifzug durch die Gastronomie-Geschichte(n) der Bergstadt. Wo wurde gestern und vorgestern gut gegessen und getrunken– und welchen Einfluss hatte das Nachtleben von einst auf die Gastro-Szene von heute? Folge 2 erzählt den Werdegang des Wirtshauses Im Stock vom muffig biederen Bierstübchen hin zur beliebten Szene- und Jugendkneipe.

Auf den Abend des 3. Dezember 1976 haben sich die Jugendlichen und jungen Erwachsenen Lüdenscheids lange Zeit vorbereitet. Gedichte und emotionale Reden wurden im Vorfeld geschrieben, kleine Geschenke sorgfältig und mit viel Liebe verpackt, die besten Klamotten aus dem Schrank gekramt, um dem Anlass entsprechend gekleidet zu sein.

Loni lüftet ihr giftgrünes Geheimnis

Es ist der letzte Abend, an dem Margarete Lonauer hinter dem Tresen ihres Wirtshauses Im Stock an der Knapper Straße 50 steht, der Abend, an dem sie die bislang gut gehütete Rezeptur dieses süffigen grünen Getränks offenbart, das hier seit Jahren die Kehlen hinunter rinnt: sechs Schnapsgläser Rum, zwei Biergläser Blue Curacao, den Rest der 1-Liter-Flasche mit Orangensaft auffüllen – einschenken, trinken!

Der Abschied der Frau Lonauer, die von ihren Stammgästen nur „Loni“ genannt wird, markiert das Ende ihrer mehr als 40 Jahre andauernden Berufslaufbahn im Gastronomiebereich und zugleich den Beginn einer neuen Ära des Lüdenscheider Nachtlebens. Das letzte Fass, das an die Zapfanlage geklemmt wird, läutet die Zeit von Jörg und Kilian Mehl ein, von zwei Lüdenscheider Brüdern, deren Ideenreichtum die Gastro-Szene ihrer Heimatstadt für immer verändern wird.

In den 50er-Jahren betrieb Margarete Lonauer den Westfalenhof.

Eine Frau steht ganz allein ihren Mann

Wer war Margarete Lonauer? Und warum wirkt ihr Einfluss auf die Jugendgastronomie der Bergstadt bis heute nach? Loni wurde am 4. Januar 1916 in Dortmund geboren, wollte eigentlich Schneiderin werden, aber machte dann doch eine Ausbildung zur Köchin im Hotel Dresel in Rummenohl, die sie 1937 abschloss. Danach arbeitete sie kurze Zeit in der Gaststätte ihrer Tante in Hagen, war dort für das Buffet zuständig.

1939 verschlug es die junge Frau nach Lüdenscheid. Im damalig von Adolf Zickgraf geführten Konzert-Café- und Restaurantbetrieb Zum Ritter (an dessen Stelle steht heute das Haus der Commerzbank, Rathausplatz 3-7), nahm sie einen Job an – und lernte ihren späteren Mann Josef kennen.

Mit ihm an ihrer Seite wagte Loni nun den Sprung in die Selbstständigkeit. Das Paar übernahm die Gaststätte Westfalenhof an der Knapper Straße 69a/Albrechtstraße 2 (seit 2014 Zentrum der Partei Die Linke) am 1. August 1941 von der Familie Mathemeyer.

"Ziemlich spießig und bieder"

Das Paar bekam Kinder, und das Lokal entwickelte sich in den kommenden Jahren prächtig. 1959 starb Josef Lonauer, seine Witwe gab den Westfalenhof an Wilhelm Schätte ab. 1962 bezog Margarete Lonauer dann das Haus Knapper Straße 50, wo sie in den Nebenräumen der Wohnung bald darauf ein neues Wirtshaus einrichtete. Es war die Geburtsstunde des Lokals Im Stock. Nur: Zu Beginn war die Gaststätte alles andere als der Hotspot für junge Leute.

„Wenn man die Treppen zwischen dem Kunstgewerbe-Geschäft der Familie Nüsken und dem Otto-Mess-Supermarkt hochging, befand man sich in einer kleinen Kneipe, die ziemlich spießig und bieder erschien“, erzählt Kilian Mehl. Dass sich trotzdem regelmäßig Jugendliche in den Gastraum „verirrten“, war mitunter ein Nebeneffekt der Englisch-Nachhilfestunden, die Frau Lonauers Tochter Inge für die Schüler vom Staberg anbot. Kilian und einige der Schulfreunde nahmen an diesem Nachhilfeunterricht teil.

Jörg Mehl erinnert sich.

Frau Wirtin hat auch eine Tochter

Über die Schülernachhilfe entdeckte die Jugend Mitte der 1960er-Jahre nach und nach den Gastraum für sich. „Nach der Schule ging’s zu Frau Lonauer, da hat man sich an den Tresen gesetzt, Schularbeiten gemacht und einen Tee getrunken“, sagt Kilian Mehl. Für Kilians Bruder Jörg und die jungen Erwachsenen, die einkehrten, gab’s noch andere Gründe, die Gaststätte zu besuchen. „Lonis Tochter half manches Mal hinter dem Tresen aus, da konnte man sie dann bewundern und anhimmeln“, meint Jörg Mehl. Anstatt der typischen Kneipen-Klientel saßen nun immer mehr Jugendliche über Tag in der Gaststätte.

Die Schüler waren ebenfalls federführend, als der Stock erstmals erweitert werden sollte, wie sich Jörg Mehl erinnert: „Die Gäste blieben aus. Loni saß immer öfter am Fenster und schaute wehmütig hinunter zum Westfalenhof. Eines Tages fragte sie uns, was man denn machen sollte, um das Lokal schöner und attraktiver für die Jugend zu machen.“ Mit den Gästen wurden Ideen für einen Um- und Ausbau des Wirtshauses gesammelt. Dieser fand 1968 dann statt.

Alle helfen begeistert mit

„Das war unglaublich. Alle halfen mit, die man aus der Schule kannte. Unterstützung gab es auch von den Händlern vom Knapp. So bekamen wir zum Beispiel von Adolf Abel Körbe geschenkt, aus denen neue Lampen gebastelt wurden“, erzählt Jörg Mehl. Diese Beleuchtung in Marke Eigenbau war zeitgemäßer als die teuren Kristallglasleuchter, die Margarete Lonauer bisher an den Decken der Gaststube aufgehängt hatte.

Der Stock von außen in den 80er-Jahren.

Aus dem umsatzschwachen Wirtshaus war nun eine Jugendkneipe geworden. Das sprach sich schnell herum, sodass der Laden jetzt regelmäßig bis zum Bersten mit Gästen gefüllt war. Der Stock wuchs – und mit ihm sein Publikum.

Bei Loni gab’s leckere Mettschnittchen, und hausgemachte Frikadellen mit Senf wurden gereicht. Allseits beliebt waren ihr grüner Hausschnaps und die ausgefallenen Gedecke. So bestand etwa das „Türmchen“ aus mehreren Gläsern Schnaps, einem Bier, einer Zigarre und einem Spielwürfel. Wer die höchste Augenzahl würfelte, musste trinken, der Sieger durfte sich letztlich stolz die Zigarre anstecken.

Spitz pass auf... Prost!

Als Trinkspiel für jene Gäste, die gerne mit weniger Hochprozentigem hantierten, empfahl sich das Stiefeltrinken. „Sehr beliebt und leidenschaftlich gespielt wurde auch immer das Gesellschaftsspiel ‘Spitz pass auf!’. Wer eine Runde verloren hatte, musste einen ausgeben“, erinnert sich Jörg Mehl.

Die zumeist junge Kundschaft war nicht nur den Spezialitäten des Hauses zugetan, sondern ganz besonders der Wirtin mit dem großen Herzen. „Durch ihre nette und freundliche Art und durch ihr Verständnis für Probleme der Jugend war Loni für ihre jungen Gäste nicht immer nur Wirtin, sondern auch in sehr vielen Fällen Kameradin, bei der man sich aussprechen konnte“, beschrieb 1975 der LN-Volontär Klaus Tiedge Frau Lonauer.

Auch der Pudel fühlt sich pudelwohl

Die Wirtin war auch Respektsperson, konnte mitunter hart durchgreifen, wenn Gäste mal einen über den Durst getrunken hatten und es ihr zu bunt wurde. Quasi zum Inventar des Stock gehörte einige Jahre auch der schwarze Königspudel von Margarete Lonauer, den sie liebevoll „Mon Petit“ rief. Die Gäste nannten ihn allerdings den „Mompti“. Am liebsten verspeiste der edle Vierbeiner Rinderherzen. Und wenn mal Schüler hinter dem Tresen und in der Küche von Loni aushalfen, um ihr Taschengeld aufzubessern, dann gehörte es auch dazu, dass eben jener „Mompti“ mit Leckerchen verwöhnt werden musste.

Wie schön es Im Stock war, davon durften sich in den nächsten Jahren auch zahlreiche Künstler überzeugen, die im nahegelegenen Parktheater auf der Bühne standen. Kilian Mehl und sein Schulfreund Stefan Bittner besserten des Abends ihr Taschengeld mit Jobs hinter der Bühne des Parktheaters auf, schoben Kulissen zurecht, kümmerten sich um Technik und anfallende Kleinarbeiten. Und nach getaner Arbeit „entführten“ sie die Künstler dann in ihre Lieblingsgaststätte am Knapp.

"Bitte Senf mit einer Frikadelle dazu!"

Im Nachhinein verrät Kilian Mehl auch, dass er viel weniger Lonis Frikadellen mochte, sie aber trotzdem immer aufgrund des hervorragend schmeckenden Senfs bestellte, der dazu gereicht wurde.

Zu Beginn der 1970er-Jahre stellten sich Stefan und Kilian nun vor, was man tun könnte, um die Kleinkunst, die kleine Kunst und jene, die in ihren Augen sonst so stiefmütterlich vom Establishment behandelt wurde, angemessen den jungen Menschen näher zu bringen. Es reifte der Plan, die Kunst dem Monopol zu entreißen, Kultur für jedermann vermitteln zu wollen. Nur: Wie sollten sie es anstellen, dieses kühne Unterfangen umzusetzen?

"Es ist nicht weit nach Lüdenscheid"

Jörg Mehl hingegen war unlängst weitergezogen.. Nach Wehrdienst und Volontariat hatte er in den PR- und Werbebereich gewechselt. Inge Lonauer, zeitweise auch Jörgs Freundin, war mitgekommen und als Sekretärin mit am Start, als er die PR-Agentur Mehl & Riedel in Düsseldorf mitgründete. Mit dieser kreierte der Lüdenscheider die Kampagne zur Internationalen Kunststoffhausausstellung „ika 71“. Der Slogan „Es ist nicht weit nach Lüdenscheid“ wurde letztlich bekannter und erfolgreicher als die Ausstellung auf der Höh selbst.

Unternehmerisch und als Pilot setzte Jörg Mehl zum Höhenflug an. Beruf und Hobby kulminierten, als der leidenschaftliche Flieger den Lüdenscheider Journalisten Friedo Gutberlet 1971 darum bat, ihn beim Flug über das „ika“-Gelände zu begleiten. Als der Pressevertreter im Scherz gefragt wurde, ob’s denn auch ein Looping sein dürfte, bejahte er dies. „Na gut, dann habe ich den Looping gemacht und in diesem kurzen Moment der Schwerelosigkeit verlor Friedo seinen Kugelschreiber aus der Hemdtasche. Ich werde nie vergessen, wie der Stift in Zeitlupe vor seinem Gesicht schwebte“, erinnert sich Jörg Mehl.

Jörg (links) und Kilian Mehl begründen mit der Übernahme des Stock ihr Gastro-Imperium.

Loni geht - die Mehls kommen

Mitte 1976 zeichnete sich im Wirtshaus Im Stock eine gravierende Veränderung ab: Margarete Lonauer beabsichtigte, sich zur Ruhe zu setzen. Sie wollte der Bergstadt den Rücken kehren, den Ruhestand bei ihrem Sohn Gerhard, einem Mediziner, in Münster genießen. Was lag da näher, als das beliebte Jugendlokal an diejenigen abzugeben, die bereits tatkräftig mitgeholfen hatten, dass sich der Stock so prächtig entwickelt hatte?

So kam es, dass Jörg und Kilian Mehl den Staffelstab übernahmen – um den Traum von einem eigenen Gaststättenbetrieb für die Jugend zu verwirklichen, in dem zu Bier und Korn auch Kunst gereicht wurde.

Am 3. Dezember 1976 erhob Loni ihr Glas und sprach: „Ein Hoch auf die Jugend, denn sie hat mir immer Kraft für meine Arbeit gegeben!“ Eine neue Zeit sollte jetzt für das Wirtshaus am Knapp anbrechen.

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