Lüdenscheider Gastro-Geschichte(n)

Starthilfe aus der DDR für Lüdenscheider Jugend

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Die DDR-Kultband Karat spielte zur Eröffnung des Jugendzentrums Schillerbad.

Lüdenscheid - Allein erziehende Mütter, Homosexuelle, Antifaschisten und Breakdancer – sie alle traf man im Jugendzentrum Schillerbad. Aber auch angesagte Rocker aus der DDR, aufstrebende Liedermacher und singende Emanzen.

Stubenhocker erleben nur selten etwas. Wer in einer Stadt wie Lüdenscheid mitreden will, der muss raus, dahin, wo das Leben pulsiert – in die Restaurants und Pommesbuden, die Kneipen, Clubs und Diskotheken. In der Serie „Essen, Trinken, Ausgehen!“ (alle Teile finden Sie hier) unternimmt Fabian Paffendorf einen Streifzug durch die Gastronomie-Geschichte(n) der Bergstadt. Wo wurde gestern und vorgestern gut gegessen und getrunken– und welchen Einfluss hatte das Nachtleben von einst auf die Gastro-Szene von heute? In Folge 6 öffnet die Stadt Lüdenscheid die Türen ihres ungeliebten Kindes. Dem Jugendzentrum Schillerbad mangelte es nie an Zuspruch, aber trotzdem blieb es ein leidiges Zuschussgeschäft für die Kommune.

Es ist einiges an Muskelkraft notwendig, um den Ansturm auf das Haus Herr zu bewältigen. Stadtjugendpfleger Josef Filippek und sein Team müssen eine Kette bilden, um die Menschen zurückzuhalten.

Die Menschen, es sind junge Menschen – Deutschrockfans, die unbedingt noch hinein wollen ins Schillerbad. Sie wollen die Stars aus der DDR sehen: Karat, dieser populäre Act aus dem Osten des geteilten Deutschlands, ist nach Lüdenscheid gekommen, um ein Konzert zu geben.

Wessis stehen für Ossis Schlange

Es ist der späte Nachmittag des 5. November 1982, und die Jugendlichen, die keine der 100 Restkarten des Vorverkaufs mehr ergattern konnten, versuchen, auf andere Art doch noch hineinzukommen. Einfach am Einlass vorbei zu rennen, hilft aber kaum weiter. Denn selbst wenn das funktioniert, muss man sich doch noch rund zwei Stunden irgendwo im Haus verstecken.

Was gleich in der ehemaligen Badeanstalt am Rosengarten passieren soll, ist eine Feuertaufe reinsten Wassers. Lüdenscheids Jugend ist total aus dem Häuschen, denn das Konzertereignis markiert zugleich die Eröffnung eines Jugendzentrums, wie es Lüdenscheid bisher noch nicht gekannt hatte. Ein Treffpunkt im Innenstadtkern, der so viel mehr sein wird als bloß ein großer Abstellort für Flipper, Billardtische und Dartscheiben. Dieses Jugendzentrum ist anders, es ist ein Kulturhort, den es in dieser Form nie zuvor gab – und wie es keinen danach je wieder in der Bergstadt geben sollte.

Lüdenscheids Badebetriebe waren Mitte der 1970er-Jahre längst nicht mehr zeitgemäß. Sie waren zu klein, technisch veraltet oder einfach nur marode. Abhilfe sollten die groß angelegte Sanierung des Freibades am Nattenberg sowie der Neubau eines spektakulären innerstädtischen Freizeitbades schaffen. Der Plan: Mit Fertigstellung der beiden Projekte sollten die Städtischen Schwimmbäder geschlossen werden, deren Sanierung für einen Erhalt einfach nicht mehr lohnenswert erschien.

Neben dem Parkbad an der Parkstraße betraf dies das Schillerbad am Rosengarten. 1905 war das Schillerbad als eine der ersten voll überdachten Volksbadeanstalten in Deutschland eröffnet worden, Den Namen Friedrich Schillers erhielt das im Jugendstil gebaute Haus damalig, weil sich der Todestag des deutschen Dichters und Philosophen im Jahr der Einweihung zum 100. Mal jährte.

Wasser raus - Jugendliche rein!

Generationen von Lüdenscheidern hatten im Laufe der Jahrzehnte hier Schwimmen gelernt; für den Schul- und Vereinssport stand das Schillerbad immer offen. Dass das alsbald nicht mehr so sein würde, kristallisierte sich 1976 heraus, als der City-Center-Investor Hans Grothe seine Idee zum Wellenbad im geplanten „Freizeitzentrum am Sternplatz“ vorstellte. Von diesem Zeitpunkt an stand fest, dass die kommunale Politik sich über eine Nachnutzung des bisherigen Bades an der Jockuschstraße 3 Gedanken machen musste.

Der Bau des Wellenbades am Sternplatz verzögerte sich mehrere Jahre. Grothes Idee wurde im Auftrag der Stadt dann von dem Bauunternehmer Kurt Knödler realisiert, der die Fertigstellung des Schwimmbades für Anfang 1980 vorsah. Dazu kam es aber nicht.

In Sachen Nachnutzung des Schillerbades hatte sich derweil eine Jugendinitiative formiert, die mit der Stadtspitze darüber verhandelte, inwieweit Möglichkeiten bestünden, das alte Bad zum Jugendzentrum umzubauen. Nach langen und zähen Verhandlungen wurden letztlich 500 000 D-Mark aus dem Haushalt freigegeben, um die Vision Jugendzentrum Schillerbad baulich umzusetzen.

Im März 1981 war das Wellenbad am Sternplatz fertig, das Schillerbad wurde geschlossen – und unter Mithilfe vieler Lüdenscheider Jugendlicher zu ihrem neuen Treffpunkt umgebaut.

Die enge Zusammenarbeit der Jugend mit der Einrichtungsleiterin Wera Pöhler und ihrem Team generierte seit Eröffnung 1982 ein großes Angebot. Zweimal jährlich wurde ein Hausrat gewählt, der das Programm mitgestaltete. Eine Vielzahl von Workshops und AGs fand statt, es gab Räume für Theater- und Bandproben, ein Fotolabor für Hobbyfotografen, regelmäßige Disco- und Kino-Abende. Auch fanden immer wieder gut besuchte Kleinkunstveranstaltungen statt.

Die große Halle des Schwimmbades wurde zum Konzertsaal umgebaut.

Über die 1980er-Jahre hinweg stieg die Anzahl der (Jugend)Gruppen, Vereine und Initiativen stetig, die das Schillerbad als regelmäßigen Treffpunkt nutzten. Der Verband alleinerziehender Mütter und Väter (VAMV), die Autonomen Antifaschisten in Lüdenscheid (Antifa), der BUND, der Jugendclub Courage, das Theater im Karton, die Skateboard-, Hiphop- und Breakdance-Szene trafen sich hier.

Als Veranstaltungsort bot das Jugendzentrum zum Beispiel dem Kulturverein Kalle, der Homosexuellen-Initiative, dem spanischen Elternverein, dem Stadtjugendring, dem DGB-Kreis Mark und vielen anderen Raum für Veranstaltungen.

Wenn Ärzte pfiffig sein wollen...

Musik war das ganz große Thema im Jugendzentrum. Vor allem die Live-Konzerte waren das Salz in der Suppe der Jugendarbeit dieser Zeit. Dem lokalen Bandnachwuchs, der die hauseigenen Proberäume regelmäßig nutzte, wurde wie nationalen und auch internationalen Stars der Musikszene eine Bühne gegeben. Bei der Auswahl der Top-Acts ließ man sich nicht lumpen. Karat spielten zur Eröffnung im ausverkauften Haus, Stoppok, Ina Deter, Klaus Lage, Inga Rumpf, die Puhdys, Grobschnitt, Purple Schulz und Uriah Heep begeisterten in den Folgejahren im Schillerbad.

Das wohl umstrittenste Konzert-Highlight in den Räumen des Jugendzentrums stellte der Gig der Berliner Punk-Rocker Die Ärzte am 11. April 1987 dar. Karten für das Live-Event gab’s im Vorverkauf schon für 10 D-Mark, an der Abendkasse sollte der Spaß dann 12 Mark für die Spätentschlossenen kosten. „Ein lächerlich billiger Eintrittspreis!, wie Ärzte-Sänger und Gitarrist Farin Urlaub damals anmerkte. 700 Karten wurden verkauft – da hatte die Städtische Jugendarbeit das richtige Gespür gehabt, dafür, was die Jugend sehen und hören wollte.

Spaß und Spiel im Schillerbad.

Nur die Jugend wollte eben auch das hören, was der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften (BpjS) zu dieser Zeit ein gewaltiger Dorn im Auge war: den Inzest propagierenden Song „Geschwisterliebe“ der Band. Dieses Lied war unlängst auf den sogenannten Index der Prüfstelle eingetragen worden, das Vortragen des Textes in der Öffentlichkeit wurde mit Geldstrafen belegt. Laut BPjS verletzte das Lied Scham- und Sittlichkeitsgefühl und führe zu einer „sexualethischen Desorientierung“ der Jugendlichen.

Beim Konzert in Lüdenscheid sollte „Geschwisterliebe“ nicht gespielt werden. Das hatte die Band auch im Vorfeld des Auftritts zugesagt. Doch während des Gigs wurde Stadtjugendpfleger Josef Filippek ziemlich blass. Die Ärzte spielten eine Instrumentalversion des Liedes, ließen den Gesang das Publikum übernehmen.

Die Fans der Band waren glücklich, der Stadtjugendpfleger war sauer – und LN-Berichterstatter Andreas Herholz versuchte im Nachbericht des Konzertes, die Leser über das Kalkül dieser „geschmacklosen Sprechstunde“ in Kenntnis zu setzen: „Sänger Farin Urlaub, Schlagzeuger Bela B. und Bassist Hagen Liebing spielen ihren wild-tanzenden Fans dann die Rollen der Rebellen vor, die sich nicht an staatliche Verbote halten, angeblich keinen Kommerz wollen und nur für ihre geliebte Anhängerschar die eher mittelmäßige Musik zum Thema ‘Sex & Crime’ machen“. Bei der nächsten Station ihrer Tournee beginne das Spielchen von Neuem.

Aber: Lüdenscheider Jugendliche hätten sie mit ihrem Rezept und der Behandlung wohl endgültig kuriert, so Herholz.

Uriah Heep am 21. Mai 1988.

Der Ungehorsam von Die Ärzte auf der Bühne des Schillerbades war mehr als ein bloßer Tabubruch. Das war eine Art Generalprobe für etwas, das im Herbst des Jahres 1987 noch für wochenlangen Gesprächsstoff in ganz Westdeutschland sorgen würde. Was in Lüdenscheid passiert war, perfektionierte die Berliner Band am Montag, 12. Oktober 1987, bei der von Günther Jauch moderierten TV-Sendung „Live aus dem Alabama“ des Bayerischen Rundfunks. Auch da wurde das verbotene Lied instrumental gespielt, das Publikum der Live-Sendung zum Mitsingen animiert.

Der Café-Bereich im Jugendzentrum Schillerband.

Als Farin Urlaub in seiner Ansage noch den Tod des CDU-Politikers Uwe Barschel ins Spiel brachte („Er hat dieses verbotene Lied gesungen, deshalb mussten wir ihn erschießen lassen“), war der TV-Skandal perfekt.

Die Ärzte waren noch längst nicht auf dem Höhepunkt ihrer Popularität angelangt. Die Zukunft des Schillerbades stand hingegen unter keinem guten Stern.

Schillerbad wird zum teuren Spaß

Als Jugendzentrum war dem Schillerbad eine Erfolgsgeschichte beschieden. Aber dies bezog sich nur auf den großen Zuspruch, den das Haus und sein Programm erfuhren. Wirtschaftlich erwies sich das Unterfangen für die Stadt Lüdenscheid als dauerhaftes Zuschussgeschäft. Jährlich bis zu 800 000 Mark pumpte man in das Jugendzentrum, Zu Beginn der 1990er-Jahre stand bei der Lüdenscheider Politik die Idee im Raum, das Schillerbad privatisieren zu lassen. Im Dezember 1993 erschien das letzte Programmheft; die Schließung stand kurz bevor.

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