Lüdenscheider Gastro-Geschichte(n)

Der "Hackepeter" - Bier und Schnaps schon seit fast 300 Jahren

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Der Hackepeter im Jahr 1980.

Lüdenscheid - Fast 300 Jahre ist es schon her, dass erstmals eine Schankwirtschaft im Hause Hochstraße 18 erwähnt wurde. Bier trinken konnte man dort schon damals – Pizza essen aber erst seit rund 30 Jahren.

Stubenhocker erleben nur selten was. Wer in einer Stadt wie Lüdenscheid mitreden will, der muss raus, dahin, wo das Leben pulsiert – in die Restaurants und Pommesbuden, die Kneipen, Clubs und Diskotheken. In der Serie „Essen, Trinken, Ausgehen!“ unternimmt Fabian Paffendorf einen Streifzug durch die Gastronomie-Geschichte(n) der Bergstadt (hier geht es zu allen Folgen). Wo wurde gestern und vorgestern gut gegessen und getrunken– und welchen Einfluss hatte das Nachtleben von einst auf die Gastro-Szene von heute? Folge 11 zeichnet die lange Geschichte der Wirtschaft im Haus Werdohler Straße 18 nach. Viele Jahre war die vermutlich älteste noch erhaltene Gaststätte Lüdenscheids unter dem Namen Zum Hackepeter bekannt.

Der Volksmund weiß: „Feste soll man feiern, wie sie fallen“. Feiern würde 1975 auch gerne Volker Lange. Der Wirt der Gaststätte Zum Hackepeter an der Hochstraße 18 möchte für seine Gäste eine Jubiläumsparty zum 250-jährigen Bestehen der Wirtschaft ausrichten. Nur gibt es da ein Problem: Ist die Kneipe wirklich schon 250 Jahre alt? Oder ist sie gar noch älter? Und wie alt ist überhaupt das Haus, das die Ausschankräume beheimatet? Vorweg: Auch heute weiß man nicht mit Sicherheit, wann das Haus gebaut wurde.

Der Hackepeter in den 50er-Jahren.

Urkundlich erstmals erwähnt wird eine Gaststätte am entsprechenden Standort bereits 1723. In den stadtgeschichtlichen Unterlagen heißt es, dass jenes Haus den großen Lüdenscheider Stadtbrand unversehrt überstanden habe. Als Grund dafür wird die Besonderheit hervorgehoben, dass die Immobilie vor den Toren der Stadt errichtet worden war.

In später datierten Aufzeichnungen ist die Rede davon, dass der Bürgermeister Cronenberg um 1693 eine „Feuerordnung“ erlassen haben soll, die den Lüdenscheider Bürgern eine Ansiedlung außerhalb der Stadt ermöglichte. Demnach könnte also das Haus zwischen 1693 und 1723 gebaut worden sein.

Der erste Wirt heißt Moritz Cöllsche

Anhand existierender historischer Aufzeichnungen lässt sich das genaue Jahr des Hausbaus und der Kneipeneröffnung nicht mehr belegen, denn beim fünften und letzten großen Stadtbrand wurden alle Dokumente Opfer der Flammen.

1723, so geht aus den erhaltenen Aufzeichnungen hervor, ist ein gewisser Moritz Cöllsche Wirt der Kneipe im Hause an der damaligen Frankfurter Landstraße. Um 1840 heißt die Frankfurter Landstraße dann Meinerzhagener Straße, als Hauseigentümer ist in den Akten des Stadtarchivs der Herr Friedrich Wilhelm Fastenrath aufgeführt. Er lässt um 1854 die Räume der Immobilie aus- und umbauen, um eine Posthalterei einzurichten. Außerdem wird der Betrieb um eine Bäckerei erweitert.

1869 wird die Meinerzhagener Straße in Hochstraße umbenannt. 1876 kauft Emil Faust das Haus, betreibt die Gaststätte weiter bis zu seinem Tod im Jahr 1890. Seine Witwe heiratet kurze Zeit später Fritz Baberg, Stiefsohn Erich Faust folgt als Wirt.

Angst vor lichtscheuen Elementen

1925 ist es Erich Faust aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr länger möglich das Wirtshaus zu führen. Im November des Jahres bittet er den Magistrat der Stadt Lüdenscheid darum, die Schankkonzession seinem Neffen Carl Siemens zu übertragen. Dem wird mit der Einschränkung zugestimmt, dass die Konzession nicht für einen Schalterverkauf gilt.

Magistrat und Polizei sehen nämlich keinen Bedarf für einen Außerhaus-Verkauf gegeben. Es wird argumentiert, dass „ein Schalterverkauf häufig von lichtscheuen Elementen in Anspruch genommen wird“. Für Carl Siemens ist das ein vorgeschobener Grund. Seiner Meinung nach wolle man ihm die Konzession nicht gewähren aufgrund seines recht jungen Alters. Es kommt zu Streitigkeiten in der Sache. Nur letztlich nutzt alles Beschweren von Carl Siemens nichts. Einen Schalterverkauf gibt’s nicht mehr! Siemens, ein ausgebildeter Metzger, gibt der Gastwirtschaft einen neuen Namen – sie heißt ab jetzt „Zum Hackepeter“.

Zum Anfang des 20. Jahrhunderts halten bekannte Lüdenscheider, die Gäste der Wirtschaft sind, Einzug in die Hauschronik. So zum Beispiel gehören der „schwatte Brünninghaus“ und sein Kumpan, der „rote Niklas“, zu den Stammgästen des Lokals. Um an Geld zu kommen haben die beiden das Geschäft mit Zithern entdeckt. Also kaufen sie Unmengen davon, die sie in einem Raum der Kneipe lagern.

Fremdenzimmer und ein Festsaal

Die Gaststätten-Räume selbst erleben zwischen 1931 und 1937 weitere Ausbauten durch Carl Siemens, der neben Fremdenzimmern ebenfalls den Saalbereich des Gasthauses in die untere Etage verlegt.

Mit Beginn des Zweiten Weltkriegs werden Lebensmittel rationiert. Auf der Speisekarte des Hackepeters stehen plötzlich sehr viele Gerichte mit Fisch und Käse. Der Grund dafür ist, dass der clevere Wirt Carl Siemens große Mengen an Fischkonserven „ohne Marken“ erwerben konnte. Auf diese Weise ist wenig später nur noch Ziegenfleisch zu bekommen. Und bis Ende des Krieges ist dann eben Ziege die Spezialität des Hauses.

Dann steht eben Ziege auf der Speisekarte

1948 gibt Siemens sein Gasthaus an Eugen Menn ab. Der gibt für die kommenden vier Jahre den Wirt. Von 1952 bis 1954 kehrt aber nochmals der alte Carl Siemens hinter den Tresen zurück.

Das Gasthaus Wenk in den 50er-Jahren

Bis Ende der 1950er-Jahre wird die Straßenverkehrs-Situation an der Ecke Schillerstraße/Hochstraße allmählich problematisch. Es sind einfach immer mehr Autos unterwegs. Die Stadtverwaltung trägt dem Rechnung und entschließt sich, die Situation vor Ort zu entschärfen. Um die Verkehrsführung am Nadelöhr Hochstraße zu optimieren, soll das Haus Hochstraße 22 (heutiges Areal des Parkplatzes an der Ecke Schillerstraße) abgerissen werden.

Das direkte Nachbarhaus des Hackepeters, den Lüdenscheidern als Gasthaus Wenk bekannt und zuletzt im Besitz von Carl Siemens’ Verwandtem Hugo Faust, weist eine bauliche Besonderheit auf: Der Gehweg führt mitten durch das Haus. 1959 bereiten Bagger dem Haus Wenk ein Ende. Nebenan im Hackepeter versuchen wechselnde Wirte ihr Glück – aber keiner schafft es dauerhaft, das Lokal wirtschaftlich profitabel zu führen.

Ein Ex-Torwart hinterm Tresen

1968 präsentiert sich der Hackepeter erneut unter anderer Leitung: Hans Heidelbach und seine Frau als neue Pächter haben die traditionsreiche Gaststätte modernisiert und eröffnen sie wieder. 1973 übernimmt dann ein allseits bekannter Lüdenscheider die Regie im altehrwürdigen Haus Hochstraße 18.

Volker Lange heißt der neue Pächter – und der blickt zurück auf eine Kariere als herausragender Sportler. Der ehemalige Torwart von Rot-Weiß Lüdenscheid ist zudem engagiertes Mitglied des Bürgerschützenvereins. Unter seiner Leitung etabliert sich der Hackepeter als Treffpunkt für Sport-Fans. Außerdem trifft man hier regelmäßig Prominente aus der Fußball-Bundesliga an.

Volker Lange (links) mit dem ehemaligen Bundesligaprofi und damaligen RWL-Spieler Reinhold "Zange" Wosab.

Zum 1. Januar 1980 wechselt Volker Lange hinter die Theke der Gaststätte Dahlmann. Der Hackepeter wird von der bekannten Familie Wissing übernommen. Die Wissings bringen eine langjährige Erfahrung in der Lüdenscheider Gastro-Szene mit. Seit 1859 besitzt die Familie eine Gaststättenkonzession. Über Generationen führte sie beliebte Speiselokale der Bergstadt. Parallel zum Hackepeter betreiben Wissings das rustikale Berghotel Homert – und das (mit kurzer Unterbrechung) schon seit 1955. Unter ihrer Regie bekommen Haus und Gasthof ein neues Gesicht. Die Fassade wird neu gestrichen, optisch der Charakter des Fachwerkhauses betont. Kurios: Als Baujahr des Hauses wird „1648“ auf die Fassade gepinselt.

Vom Steakhaus zur Pizzeria

Der Gastronomiebetrieb läuft jetzt unter dem neuen Namen „Wissings Hackepeter – Steakhaus-Restaurant“. Das Restaurant läuft gut, Probleme gibt’s dafür an anderer Stelle. Das Hotel an der Homert erleidet wirtschaftlichen Schiffbruch, Wissings müssen es 1982 verkaufen.

Das schmucke Berghotel Homert ist wirtschaftlich nicht mehr rentabel.

Vier Jahre später steht dann auch der Hackepeter vor dem Aus: „Mein Vater kann aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr in der Küche arbeiten, und einen Koch einzustellen wäre unrentabel“, erklärt Roland Wissing im Januar 1986 gegenüber den LN.

Kurz darauf stellt sich der Wuppertaler Harald Ley als neuer Inhaber des Restaurants vor, doch auch der kann den Betrieb nicht dauerhaft erfolgreich fortführen. Alsbald zieht das Pizza-Restaurant Calabria in der Hochstraße 18 ein.

Gute italienische Küche gibt’’s an selber Stelle heute noch, auch wenn das Restaurant mittlerweile Bella Napoli heißt.

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