Lüdenscheider Gastro Geschichte(n)

Geld für Betrunkene, damit sie weiterziehen - "Huldas" wechselhafte Geschichte

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Das Gebäude während des 1. Weltkrieges.

Lüdenscheid - Ein Lokal, in dem die Gäste nicht mehr als drei Bier trinken dürfen? Ein Lokal, in dem die Wirtin Betrunkenen Geld gibt, damit sie woanders weitersaufen? Ein Lokal, das selbst einen Schönheitschirurgen überlebt? Das alles ist und war „Hulda am Markt“.

Stubenhocker erleben nur selten was. Wer in einer Stadt wie Lüdenscheid mitreden will, der muss raus, dahin, wo das Leben pulsiert – in die Restaurants und Pommesbuden, die Kneipen, Clubs und Diskotheken. In der Serie „Essen, Trinken, Ausgehen!“ unternimmt Fabian Paffendorf einen Streifzug durch die Gastronomie-Geschichte(n) der Bergstadt (hier geht es zu allen Folgen). Wo wurde gestern und vorgestern gut gegessen und getrunken– und welchen Einfluss hatte das Nachtleben von einst auf die Gastro-Szene von heute? In Folge 12 treffen wir auf den eigensinnigen „Papa Korrekt“, die resolute Hulda Brünninghaus und andere Wirte, die eine urige Gaststätte am Markt prägten.

Es ist der 27. Juli 1977. Um 19 Uhr stellt Pächterin Gisela Flohr in der Gaststätte im Haus Hulda die Stühle hoch, löscht das Licht. Das Aus für die Wirtschaft Am Markt ist längst beschlossene Sache.

Alle Proteste und eine Unterschriftenaktion mit mehr als 500 Unterzeichnern haben das Ende der beliebten Lüdenscheider Gastwirtschaft nicht abwenden können. Ebenso wenig haben zahlreiche Gespräche zwischen Stadtdirektor Lothar Castner und dem Fellbacher Bauunternehmer Kurt Knödler Wirkung gezeitigt. Es bleibt dabei: Für den Bau von Knödlers Spiel- und Freizeitzentrum soll das Haus Rathausplatz 1 in seiner gewohnten Form fallen.

Am Morgen nach der Schließung aber bekommt Gisela Flohr einen Anruf von dem Lüdenscheider Journalisten Frido Gutberlet. Der hat überraschende Nachrichten für die Wirtin: Die Hulda ist gerettet – vorerst!

In die Jahre gekommen: Das Gebäude im Jahr 1977 vor seiner Sanierung.

Der Bauherr muss sofort wieder verkaufen

Auch wenn das Haus Hulda nicht zu den ältesten Gaststättenbetrieben der Bergstadt gehört, so weist es dennoch eine lange und wechselhafte Geschichte auf. Erstmalig erwähnt wurde eine Gastronomie im Vorgängerbau an selber Stelle um 1829. Im Zuge des Abrisses des Hulda-Vorläufers Hotel Woeste beauftragte Carl Pieper die Lüdenscheider Architekten Fischer und Winter 1876 mit den Planungen für einen Neubau mit Schankwirtschaftsräumen. Hochgezogen wurde das neue Haus zwischen 1881 und 1882.

Finanziell hatte sich Carl Pieper jedoch schwer übernommen, sodass er die Immobilie direkt nach Fertigstellung für 59 000 Mark an die Branntweinbrennerei Haase aus Rönsahl verkaufen musste.

Sein Außenkleid aus Stuckputz bekam das Gebäude erst 1886, als August Budde das Haus für 70 000 D-Mark erwarb und ausbauen ließ. Als Wirt führte der Hauseigentümer ein strenges Regiment in seinem Lokal. So galt die Regelung, dass die Gäste höchstens drei Glas Bier nacheinander trinken durften. Betrunkene wollte der Wirt, der den Spitznamen „Papa Korrekt“ trug, nicht in seinem Lokal haben.

Auch konnte es August Budde überhaupt nicht leiden, wenn ein Gast den guten Ruf seiner Wirtschaft seiner Meinung nach in den Schmutz zog. So empfand er das Niveau seiner Gaststätte als missachtet, wenn jemand Rollmops bestellte. Für den Gast bedeutete dies den sofortigen Rauswurf.

Nun gab es aber – der Legende nach – gewitzte Gäste, die erst ihre drei Bier tranken, dann Rollmops bestellten und vor die Tür gesetzt wurden, ohne zuvor ihre Zeche bezahlen zu müssen. Abkassiert wurde dann aber beim nächsten Besuch des Lokals, wenn sich Buddes Wut gelegt hatte.

„Papa Korrekt“ pflegte außerdem die Wertschätzung eines Menschen gewissermaßen statistisch festzuhalten. Stand Budde nicht am Zapfhahn, so nahm er an einem Pult platz, das in Fensternähe zum Stern hin aufgebaut war. Von dort aus beobachtete er vorbeiziehende Trauerzüge. Die Anzahl der Trauergäste schrieb Budde nieder, um so aufgrund der Länge der Züge zu beurteilen, ob jetzt ein beliebter oder gar besonders bedeutender Mensch gestorben war.

K.T. Neumann schuf diese Plastik von Hulda Brünninghaus, die heute noch am Haus zu sehen ist.

Zum Ende des 19. Jahrhunderts plante August Budde, sein Haus um eine große Emporenhalle zu erweitern. Darin sollten die Lüdenscheider Schützen feiern. Zunichte gemacht wurde die Planung aber dann durch den Bau der neuen Schützenhalle am Loh.

Nicht weniger korrekt als August Budde führte die neue Wirtin die Kneipe weiter, die ab 1932 die „Schenkwirtschaft Budde“ übernahm. Jene Hulda Brünninghaus, geb. Ebberg, hatte bis dato mit ihrem Ehemann die Gastronomie im Bürgerschützenheim geführt. Als der Mann kurze Zeit verreist war, hatte die resolute Dame kurzum den Pachtvertrag für das neue Wirtshaus unterzeichnet.

Dass eine Frau hauptberuflich hinter dem Tresen stand, war für die damalige Zeit sehr ungewöhnlich. Frauen verdienten ihr Geld in der Gastronomie jener Tage hauptsächlich als Serviererinnen oder Aushilfen in Restaurants.

Die legendäre Wirtin Hulda Brünninghaus.

Den Namen „Tante Hulda“ brachte Frau Brünninghaus ihr besondere Art ein, mit Gästen umzugehen. So hatte die Wirtin einen Trick, mit dem sie Betrunkene fern hielt, die in ihr Lokal wollten. An der Tür drückte Hulda Brünninghaus den Zechern einfach etwas Kleingeld in die Hand und bat sie, sich in einer anderen Kneipe damit einen schönen Restabend zu machen.

1951 wurde die Wirtschaft in Gaststätte zum Markt umbenannt, aber unter den Lüdenscheidern trug sie längst den inoffiziellen Namen „Haus Hulda“. Und dies über die Zeit der Hulda Brünninghaus hinaus. 1970 hörte die Wirtin auf, verbrachte dann die letzten beiden Jahre ihres Lebens in einem Seniorenheim.

Rothmann rettet das Gebäude

Rund um die Gaststätte hatte sich in den vielen Jahren ihres Bestehens vieles geändert. Das prominent vor dem Haus aufgestellte Denkmal Kaiser Wilhelms I (enthüllt 1889) war 1937 entfernt, die 1700 gepflanzte große Linde daneben war für die Schaffung eines Kreisverkehrs am Straßenstern 1952 gefällt worden. Anfang der 1970er-Jahre begann der große Innenstadtumbau – und auch der Traditionsgaststätte sollte der Abrissbagger auf den Leib rücken.

Das Haus (damalig noch unter der Adresse Knapper Straße 1 bekannt) war in den Besitz des Schönheitschirurgen Dr. Bodo Thyssen gelangt. Für den Bau eines großen Büro- und Geschäftshauses, das mit dem Sauerland-Center verbunden werden sollte, wollte der Arzt „Haus Hulda“ fallen sehen. An den Plänen für einen Abriss änderte sich auch nichts, als nach Thyssens Pleite Mitte der 1970er-Jahre der Unternehmer Kurt Knödler das Areal mit einem Freizeit-Center (das heutige Forum am Sternplatz) bebauen wollte.

Dass es mit der Hulda als Bierschwemme dennoch nicht zu Ende war, verdankten die Lüdenscheider dem Immobilienmakler Roland Rothmann. Dieser verhandelte mit Knödler und überzeugte ihn, das Haus zu verkaufen. Für eine Millionen D-Mark wechselte es Ende Juli 1977 in den Besitz von Rothmanns Frau Claudia. Für mehr als 700 000 Mark wurde das ziemlich in die Jahre gekommene Haus saniert, die Gaststätte „Hulda am Markt“ getauft und der legendären Wirtin in Form einer Plastik des Künstlers Kurt Toni Neumann am Schild ein kleines Denkmal gesetzt. Auch zog der Firmensitz Roland Rothmanns in das Haus ein.

Im März 1978 eröffnete der Halveraner Johannes Paul das Lokal neu. Hinterm Tresen stand für ihn das Ehepaar Hartmut und Hanne Menzel.

Von Anfang der 1980er- bis in die späten 1990er-Jahre führte Peter Lamey (lange Zeit auch mit Ehefrau Jutta) als Pächter die gute, alte Tradition der Gaststätte fort. Danach begann eine lang andauernde Zeit der häufigen Pächterwechsel.

Wer zählt die Wirte, nennt die Namen?

1999 bis 2000 übernahm Andreas Selter die Regie in dem mittlerweile erneut umgebauten Lokal. Vom November 2000 bis Oktober 2003 war Gastronomin Elisabeth „Ella“ Menznerowski Pächterin der Hulda, als Wirt stand einige Zeit lang auch der aus dem Beanery, dem Samtkragen und der Kornkammer bekannte Dietmar Bolz am Zapfhahn.

Auf Menznerowski folgte das Ehepaar Holger und Christina Vierke. Doch gesundheitliche Probleme führten dazu, dass sich das Pächterpaar Ende 2004 schon wieder von dem Lokal trennen musste.

Sanel und Adisa Pasic führen das Haus Hulda nun bereits seit mehr als vier Jahren erfolgreich.

Zeitweise wurden Klaus Stange und Silke Mühlhoff als Nachfolger gehandelt, aber sie blieben „ihrem“ Reidemeister dann doch treu. Statt ihnen öffneten Ralf Schütze und Valentin Heßling, die auch das Hotel Stadt Lüdenscheid betrieben, 2005 die Gaststätte wieder. Über drei Jahre, nämlich von Mai 2007 bis September 2010, währte dann die Zeit unter Pächter Salvatore Luca.

Dieser übergab an Silvana Arnold und deren Sohn Patrick Tofote. Das Mutter-Sohn-Gespann hatte bereits die Stadtschänke auf der Werdohler Straße einem neuen Publikum geöffnet und sollte der Hulda die notwendige Frischzellenkur verpassen. Mit Punk- und Rock-Konzerten und guter Küche im rustikalen Ambiente funktionierte das sogar ganz gut.

2013 machte Patrik Tofote allein weiter – und scheiterte. Im Februar 2015 wurde das Insolvenzverfahren eröffnet. Die Hulda schloss zum 28. März 2015.

Abermals herrschte Ungewissheit darüber, ob und wie es mit der Gaststätte weitergehen würde. Im Juli 2015 feierte Hulda am Markt dann tatsächlich Wiederauferstehung – als Steakhaus unter Leitung des Paars Sanel und Adisa Pasic.

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