Lüdenscheider Gastro-Geschichte(n)

Dahlmann: Partys, Pils und Frikadellen

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„100 Jahre Dahlmann“ wurden im Jahr 2009 gefeiert – mit Nanni Lange (links) und Jürgen Wigginghaus (Mitte).

Lüdenscheid - „Zur Sonne“ heißt sie schon lange nicht mehr, die Gaststätte Dahlmann. Aber wenn alles passt, wenn die Wirtsleute und die Gäste so richtig gut drauf sind, dann schmecken das Pils und Nannis Frikadellen auch noch bei Sonnenaufgang.

Stubenhocker erleben nur selten was. Wer in einer Stadt wie Lüdenscheid mitreden will, der muss raus, dahin, wo das Leben pulsiert – in die Restaurants und Pommesbuden, die Kneipen, Clubs und Diskotheken. In der Serie „Essen, Trinken, Ausgehen!“ unternimmt Fabian Paffendorf einen Streifzug durch die Gastronomie-Geschichte(n) der Bergstadt. Wo wurde gestern und vorgestern gut gegessen und getrunken– und welchen Einfluss hatte das Nachtleben von einst auf die Gastro-Szene von heute? In Folge 13 geht es um die bewegte Geschichte der Gastwirtschaft Zur Sonne an der Grabenstraße. Den Namen Dahlmann bekam sie erst im Jahr 1909.

Im Jahr 2020 soll bei Dahlmann an der Grabenstraße zweimal kräftig gefeiert werden: Zum einen wird es ein Fest zum 125-jährige Bestehen des schönen Saalanbaus der Wirtschaft geben. Zum anderen steht Wirtin Christiana „Nanni“ Lange dann seit 40 Jahren hinter dem Tresen der Traditionskneipe. Beständigkeit und ein Programmangebot am Puls der Zeit zeichnen das Haus bis heute aus. Ein Blick zurück in die Geschichte der Gaststätte.

Der Fuselzapfer im Jahr 1681

Laut der Chronik, die der bekannte Lüdenscheider Heimatforscher Willi Binczyk zur Geschichte des Hauses anfertigte, soll bereits 1681, kurz nach dem fünften Lüdenscheider Stadtbrand, „von einem Fuhrmann und Fuselzapfer“ ein Vorgängergebäude an selber Stelle errichtet worden sein. Um 1831 wurde die Immobilie durch ein „Traufenhaus“ mit Schankwirtschaft und Viehstall ersetzt, dessen Anschrift als „zwischen den Krummen Türmen und dem Grabenweg“ angegeben wurde. Bauherr war ein gewisser Peter Melchior Diephaus.

1875 erhielt das Haus die Adresse Grabenstraße 18. 1880 wechselten die Besitzer. Diephaus verkaufte den Bau, dessen Gastwirtschaft nun Zur Sonne hieß, an die Familie Badderas. 1890 wurde Adolf Rüggeberg die Ausschankkonzession für die Gaststätte erteilt.

Die Gaststätte Dahlmann im Jahr 1909.

Um die Jahrhundertwende sorgte die industrielle Revolution für eine Ära des wirtschaftlichen Wohlstandes. Auch in Lüdenscheid machte sich das bemerkbar. Es war die Zeit der prunkvollen Gesellschaftsräume und der kunstvoll ausgestalteten Bürgersäle, die im Gefolge der Jugendstilperiode in der Architektur (1890 bis 1914) allerorts von sich Reden machte. Die Menschen suchten Zerstreuung und Zeitvertreib in großer Runde bei Orchesterkonzerten und Gala-Abenden, in Biergärten und Freiluftrestaurationen, die in gepflegte und weitläufige Grünanlagen eingebettet waren. Denn man legte großen Wert auf ein ansprechendes Ambiente.

Und so beauftragte Hausbesitzer und Wirt Adolf Rüggeberg im Jahr 1895 das Bauunternehmen Gerhardt damit, einen Saal an die Gastwirtschaft Zur Sonne anzubauen. Was dabei geschaffen wurde, nannte der Ortsheimatpfleger Hans Matthies viele Jahrzehnte später in einem Gutachten „ein bemerkenswertes Beispiel für die Art festlicher Architektur damaliger Lüdenscheider Gesellschaftssäle“. Hier sei ein kunstgewerblicher Innenarchitekt am Werke gewesen, der ganze Arbeit geleistet habe. „Beim Stuck der Deckenschrägen und der Wände zeigt er sich traditionsverhaftet mit klassischen Merkmalen aus senkrechten Stuckpilastern (linsenartigen Pfeilerandeutungen), ionischen Kapitellen sowie waagerecht verbindenden Putzprofilbändern und rund um den gläsernen Deckenspiegel sogar mit antikisierenden Zahnleisten – ein Tribut an den Historismus.“ Weiterhin führt Matthies aus, dass jene Pilaster an ihren Köpfen „jugendstilankündigende“, doch renaissancefremde Blätterwappen tragen. Auf Adolf Rüggeberg folgte dessen Sohn Karl als Wirt, danach pachtete Wilhelm Ebers das Lokal.

Ernst Dahlmann und seine Ehefrau.

1909 machte sich dann Ernst Dahlmann als Wirt an der Grabenstraße 18 selbstständig, er gab der Gaststätte den Namen „Wirtschaft von Ernst Dahlmann“. Dahlmann investierte, ließ 1912 eine Erweiterung des Saals in Richtung Schillerstraße anbauen. Dabei erhielt auch der Bühnenteil im hinteren Bereich eine Überdachung.

Nach Ernst Dahlmanns Tod im Jahr 1939 versuchten sich verschiedene Wirtsleute mit der Gastwirtschaft. Den Namen Dahlmann behielten sie für das Lokal aber bei. In den 1950er-Jahren zapfte hier das „Klärchen“, die 60er prägten Wirtin Hetti Weidemann und das Ehepaar Kaufhold. Zu Beginn der 70er machte das Wirtspaar Else und Leon Ladriere aus der Gaststätte das Vereinslokal der Fußballer der Spielvereinigung SpVg 28/32.

Über die Jahrzehnte wurde der Saalanbau des Hauses vielseitig genutzt. Der Athletiksportverein (ASV) traf sich dort ebenso wie der RSV Höh. Die Tanzschule Frebel brachte den jungen Lüdenscheidern die richtigen Schritte bei – und die Altstadtbühne probte und spielte im Dahlmann-Saal, bevor sie ihr eigenes Domizil an der Luisenstraße erhielt.

Eine Entdeckung in acht Metern Höhe

1980 entschloss sich Volker Lange, die Gaststätte an der Grabenstraße zu übernehmen. Als ehemaliger Pächter der Gaststätte Zum Hackepeter und Wirt des Kölner Ecks brachte der Ex-Sportler bereits einiges an Gastro-Erfahrung mit. Zur Seite stand ihm schon damals Partnerin Christiana, die er 1984 heiratet.

Kurzzeitig überlegte das Paar auch, die Gastwirtschaft umzubenennen. Den Namen „Warsteiner Stuben“ hatte man allerdings schnell wieder verworfen.

Ein schmucker kleiner Biergarten ergänzt das Lokal.

Bei Renovierungsarbeiten des Saals wurde im Winter 1980 in acht Metern Höhe ein bemerkenswerter Fund gemacht. Im Kuppelbau über dem Saal entdeckten die Arbeiter ein großes, farbig gestaltetes Deckenfenster und alte Stuckarbeiten. Ortsheimatpfleger Matthies über den Fund: „Zunächst hat sie (die Decke) in der Mitte eine ebene Fläche, sozusagen einen Deckenspiegel, aber aus Glasmalereien. Diese bekamen früher durch einen um einen Meter höher gehobenen Satteldachteil Tageslicht, darum nennt man das ‘Laterne’. Matthies schlussfolgerte daraus, dass „man also auch an den Wochenenden vor- und nachmittags im Saal gefeiert haben muss“. Seitlich schräg abwärts der gläsernen Deckenmitte vermittelten trapezschräge Stuckflächen den Übergang zu den Saalwänden. Die Decke sei eine Art umgekehrtes Ponton und als Haube auf die Saalwände aufgestülpt worden.

1986 kaufte die Warsteiner Brauerei das Haus und modernisierte es abermals. Besonderes Augenmerk lag wiederum auf dem Saal, der 1989 mit viel Liebe zum Detail restauriert und neu eröffnet wurde. Im Jahr 1990 nahm die Stadt Lüdenscheid das Haus in die Denkmalliste auf.

Stammgast bei den Konzerten im Dahlmann-Saal: die Band Alex im Westerland.

Zwischen 1991 und 1992 fanden weitere Renovierungen am gesamten Gebäude statt. In den 90ern wechselte der Lüdenscheider Männergesangsverein (MGV) 1855 den Proberaum. Von der Stadtschänke aus ging’s nun zur wöchentlichen Chorstunde in den Dahlmann-Saal.

Unter der Regie des Ehepaars Lange erfreute sich die Gaststätte großer Beliebtheit. Und nicht wenige Stammgäste schwärmten immerzu von den hausgemachten Frikadellen, die Nanni Lange zum Bier reichte.

Im November 2000 starb Volker Lange plötzlich und unerwartet im Alter von 56 Jahren. Nanni Lange führte das Haus fortan allein weiter.

Seit 16 Jahren "Event-Location"

2003 wurde aus der Traditionsgaststätte eine Event-Location. Jürgen Wigginghaus, der neue Partner an Nannis Seite, nutzte seine Kontakte, um den Saal regelmäßig mit Live-Konzerten und Themen-Partys zu füllen. Statt Chorproben und Vereinsleben fanden seither gut besuchte Veranstaltungen mit Künstlern für jeden Geschmack statt. Schlager-Stars wie Markus Becker oder Christian Anders begeisterten im Dahlmann-Saal, Progressive Rockbands wie Nektar und Pop-Chartbreaker wie Luxuslärm feierten mit den Lüdenscheidern schweißtreibende Partys. Das Konzept ging auf – und in den vergangenen 16 Jahren machten Nanni und Jürgen so manche Nacht zum Tag für die Gäste des Lokals.

Zum 1. Oktober 2019 wechselte das Haus Grabenstraße 18 den Besitzer. Die Warsteiner Brauerei verkaufte es an einen Lüdenscheider Unternehmer, in dessen Besitz sich auch weitere Altstadt-Immobilien befinden. Wie es jetzt weitergeht mit der Gaststätte Dahlmann? Durch den Eigentümerwechsel sehen Jürgen Wigginghaus und Nanni Lange jedenfalls keine größeren Probleme am Horizont aufziehen. Und die Zeiten, in denen den Brauereien die Wirtshäuser auch gehören mussten, um sie mit Bier zu beliefern, sind ohnehin vorbei.

Legendär sind die „Fummel-Tummel-Bälle“ zu Weiberfastnacht.

Dennoch beabsichtigt das Paar, in naher Zukunft der Lüdenscheider Gastro-Szene den Rücken zu kehren. „Irgendwann kommt man auch in das Alter, da schafft man das nicht mehr mit Halligalli rund um die Uhr“, sagt Jürgen Wigginghaus. Gerade die Wochenenden, wenn es richtig spät werde, seien schon ein hartes Brot. „Da braucht man mal mehr als drei Stunden Schlaf – das schlaucht ganz schön“.

Zudem hat das Paar einen Wandel im Freizeitverhalten der Bergstädter festgestellt. „Es ist schwer geworden, den Saal immer zu füllen. Was kann man machen, wenn die Leute keine Lust mehr auf Live-Bands haben und stattdessen lieber vorm Innenstadtkiosk feiern?“, fragt Jürgen Wigginghaus.

Klar ist für das Wirtspaar bereits, wann Schluss sein soll. „So im Sommer 2021 werden wir mal langsam damit anfangen, aufzuhören, denn mit 70 wollen wir nicht mehr hinter dem Tresen stehen“, sagt Wigginghaus.

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