Lüdenscheider Gastro-Geschichte(n)

Jede Nacht bis 4 Uhr Tanz und Turteln im Suzie Wong

+
Im Suzie Wong und später im RoJs waren „stilvolle und modebewusste“ Gäste willkommen.

Lüdenscheid - Fernöstlich ging es – zumindest dem Namen nach – lange Zeit an der Karlstraße im Suzie Wong zu. Doch nach dessen Schließung wurden die Zeiten allmählich schlechter.

Stubenhocker erleben nur selten etwas. Wer in einer Stadt wie Lüdenscheid mitreden will, der muss raus, dahin, wo das Leben pulsiert – in die Restaurants und Pommesbuden, die Kneipen, Clubs und Diskotheken. In der Serie „Essen, Trinken, Ausgehen!“ unternimmt Fabian Paffendorf einen Streifzug durch die Gastronomie-Geschichte(n) der Bergstadt (alle Artikel finden Sie hier). Wo wurde gestern und vorgestern gut gegessen und getrunken– und welchen Einfluss hatte das Nachtleben von einst auf die Gastro-Szene von heute? Folge 5 taucht ein in die Geschichte des am längsten existierenden Tanzlokals der Stadt. Man trifft sich im Suzie Wong an der Karlstraße – im legendären Diskothekenbetrieb von Rolf Jesinghaus.

Die Dunkelheit der tiefen Nacht hat sich über Lüdenscheid gelegt. Aber an der Karlstraße brennt noch Licht. Die große Leuchtreklame an der Fassade des Hauses Karlstraße 6 (heute Karlstraße 6a) signalisiert, dass im Inneren wohl Hochbetrieb herrscht. Drinnen, da treffen sich junge Erwachsene, die auf ein etwas gehobeneres Ambiente Wert legen, wenn sie ausgehen möchten.

Suzie Wong, so heißt die Diskothek, die als Treffpunkt für Leute bekannt ist, die sich selbst als stilvoll und modebewusst bezeichnen. Ins Suzie Wong kommt längst nicht jeder rein, der um Einlass bittet. Wer hier feiern will, der muss schließlich zum Laden passen, muss gepflegt sein und kein Gammler. Sind die Haare zu lang, die Garderobe zu lässig – dann bleibt die Tür versperrt.

Das Suzie Wong und seine Nachfolger-Clubs waren an der Karlstraße zu finden.

Dieses Suzie Wong ist ein Suzie Wrong

Ein Taxi fährt in die Karlstraße, ein Mann steigt aus, der so gar nicht ins Suzie Wong passt. Thomas Schücke, so heißt er, hat schulterlange Haare, trägt einen großen Lederkoffer an der Hand und erzählt davon, dass es Dutzende von Suzie Wongs gebe, er habe sie alle gesehen. Im Stechschritt geht Schücke auf die Eingangstür der Diskothek zu. Um Einlass muss er nicht bitten. Eine blonde junge Frau öffnet die Tür für ihn, gibt aber zu verstehen, dass gleich Feierabend sei.

Und dann kommt das, was nur Lüdenscheidern auffällt: Die Diskothek, in der sich Schücke jetzt befindet, das ist nicht das Suzie Wong! „Ins Suzie Wong wären wir damals überhaupt nicht reingekommen, deshalb haben wir für die Innenaufnahmen das Innere des Clubs nachbauen lassen“, sagt Wolfgang Büld, der die Sequenz mit dem „falschen“ Suzie Wong als Exposition seines Kurzfilms „Nur die Sehnsucht bleibt“ 1975 inszenierte. Die Geschichte des echten Suzie Wong ist eine andere. Und sie beginnt nicht 1975 und auch nicht in Lüdenscheid. Sie beginnt in Iserlohn – zehn Jahre zuvor.

In Iserlohn fängt alles an

Die 1960 entstandene Literaturverfilmung „The World of Suzie Wong“ diente dem Schwelmer Unternehmer Rolf Jesinghaus als Namensgeber für eine Diskothek, die er 1965 in den Räumen des ehemaligen Berolina-Kinos an der Nussbergstraße in Iserlohn eröffnete. In das Suzie Wong ludt Jesinghaus damals die angesagtesten Discjockeys der Region ein. An den Reglern standen hier zum Beispiel über die Jahre Franz Brozé (später Inhaber des legendären Iserlohner Plattenladens Cashbox), Jochen Classen und Bernie Hillen.

Schnell etablierte sich die Diskothek als bester Tanzschuppen im nördlichen Märkischen Kreis. Für Rolf Jesinghaus die ideale Voraussetzung, um geschäftlich zu expandieren. Ein weiteres Tanzlokal mit Namen Suzie Wong sollte jetzt den Bedarf an Disco-Spaß im Südkreis bedienen, eines in Lüdenscheid. Eine Geschäftspartnerin dafür fand Rolf Jesinghaus in Gerda Lethaus.

Es gab nur ein Problem: In Lüdenscheid wollte man Jesinghaus partout keine Konzession für einen solchen Betrieb erteilen. Die Stadt begründete dies damit, dass eine Diskothek, wie sie Jesinghaus vorschwebte, keinerlei wirtschaftliche Zukunft habe.

Rolf Jesinghaus.

Rolf Jesinghaus ist hartnäckig

Der Gastronom ließ sich von der Absage jedoch nicht entmutigen, er blieb hartnäckig. Schließlich wusste er es ja besser. Seine Iserlohner Disco boomte ja auch.

Eine passende Immobilie für das zweite Suzie Wong hatte Jesinghaus mittlerweile im Haus Karlstraße 6, das in direkter Nachbarschaft zum Areal der Firma Aufermann beheimatet war, gefunden und gekauft. Abermals beantragte er eine Konzession. Diesmal lenkte man bei der Stadt ein, erteilte 1968 die Genehmigung.

Der Weg war frei, um die rund 250 Quadratmeter großen Räume an der Karlstraße zur Diskothek umzubauen. Zum Ende des Jahres war es dann geschafft: Am 27. Dezember 1968 um 20.30 Uhr öffnete „Lüdenscheids größte Tanzdiskothek mit der persönlichen Note“ ihre Türen. Heute kaum mehr vorstellbar, aber damals aufgrund der großen Nachfrage nach Tanzvergnügen dieser Art üblich: Die Diskothek war täglich bis morgens um 4 Uhr geöffnet.

Das Suzie Wong in Lüdenscheid schlug ein wie eine Bombe, der Laden war von jetzt auf gleich ein Publikumsmagnet. Neben einem besonderen Ambiente und gemütlicher Atmosphäre setzte Jesinghaus beim Konzept auch auf musikalische Stargäste. Über die Jahre standen Roland Kaiser, Marianne Rosenberg, Costa Cordalis oder Bernhard Brink auf der Bühne. Ende der 1970er-Jahre dann genossen die Gäste des Suzie Wong die große Zeit der Disco-Music-Ära an der Karlstraße.

1980 war Schluss! Das Suzie Wong wurde sowohl in Lüdenscheid als auch in Iserlohn geschlossen. Aus der Waldstadt zog sich Rolf Jesinghaus ganz zurück, für sein Lokal in Lüdenscheid hatte er andere Pläne. Dieses eröffnete er kurze Zeit später mit anderem Konzept und unter neuem Namen wieder – als gediegenen Club für Menschen mittleren Alters.

Die Umbenennung war ein besonderer Coup, denn der Name RoJs Club war zwar abgeleitet von den Anfangsbuchstaben von Vor- und Nachnamen des Betreibers, doch erinnerte vom Klang her nicht von Ungefähr an die edle Automarke Rolls Royce oder an Roi, das französische Wort für König.

Auf das RoJs folgt die Dekadenz

Club-König Rolf Jesinghaus führte seine Diskothek dann recht erfolgreich über zwei weitere Jahrzehnte. Erst im Jahr 2001 schloss er ab – und nicht mehr auf. Mit mittlerweile 64 Jahren musste Jesinghaus sich aus dem Nachtleben der Bergstadt verabschieden. Gesundheitliche Gründe gaben dafür den Ausschlag.

Für den Club suchte er neue Pächter. Diese fanden sich ein gutes Jahr später, Chris Kigmalis und Peter Pretschek wollten Lüdenscheids dienstälteste Disco wiederbeleben. In der Gastro-Szene war das Duo schon länger bekannt, führte zuvor den Club JoJo an der Ecke Friedrichstraße/Lessingstraße und das mexikanische Restaurant Locos Morenos an der Humboldtstraße.

Ein wenig umgebaut sollte der Club dann mit dem bekannten Konzept, aber unter dem Namen Dekadenz weitergeführt werden. Mit dem Namenszusatz „The Next Generation Of RoJs“ hatten die Pächter sogar eine liebenswerte Hommage für Rolf Jesinghaus mit im Gepäck.

Ganoven in der Nacht

Am 9. Mai 2002 wurde wiedereröffnet, hinter dem Tresen stand als Wirt jetzt Olaf Meyer. Nur: Der Erfolg blieb aus. Besucher- und Umsatzzahlen gingen immer weiter zurück. Da kam Pretschek und Kigmalis die rettende Idee: Warum nicht aus dem Lokal einen Tanzpalast nur für polnische Party-Freunde machen? Das hörte sich gut an und ließ ab 2003 dann die Kasse wieder klingeln. Die „Polska Noc“, die polnische Nacht, füllte den Club mit Besuchern aus ganz NRW.

Verwüstet: das Dekadenz Ende Juni 2003.

Hinter den Kulissen allerdings lief irgend etwas ganz gewaltig schief. Die erfolgreichen Partys an der Karlstraße hatten mutmaßlich für Ärger bei Leuten gesorgt, mit denen nicht gut Kirschen essen war. Und so kam es, dass Ende Juni 2003 über Nacht in den Club Dekadenz eingebrochen wurde.

Den Einbrechern ging es nicht etwa darum, fette Beute zu machen. Ihr Ziel war die totale Zerstörung des Lokals. Licht- und Tonanlage, Toiletten, Theken, Stühle und Tische oder Kühlanlage – alles wurde zerschlagen oder stark beschädigt. Ans Öffnen war vorerst nicht mehr zu denken. Außerdem ermittelte die Kripo jetzt.

Rolf Jesinghaus hatte von seinen Pächtern und deren Konzept die Nase voll, sodass er 2004 den Pachtvertrag auflöste.

Auf dem Schaden in seinem Tanzlokal blieb er teilweise sitzen, weil die Versicherung nicht einspringen wollte. Rund 30 000 Euro kosteten ihn die Sanierungsmaßnahmen. Die Lichter im Tanzlokal an der Karlstraße blieben lange Jahre aus.

Der letzte Tanz rückt immer näher

Erst im August 2013 durfte hier wieder getanzt werden. Der neue Pächter hieß Dirk Heuel. Im Lüdenscheider Nachtleben allseits bekannt, hatte dieser nach dem Bruch mit Oliver Straub das Wirtshaus Im Stock an der Knapper Straße hinter sich gelassen, gehörte dann ab 2012 zum Team des „Kaffee Klatsch“ von Kai Henze am Rathausplatz.

Als dieses Café in die Insolvenz schlitterte, zog es Dirk Heuel wieder dahin, einen eigenen Club in Lüdenscheid zu führen. Die Räume an der Karlstraße 6a wurden umgebaut, ein Club mit wunderschönem Retro-Charme entstand. Und in Anlehnung an die erste Jesinghaus-Diskothek taufte man die Neueröffnung „Susie Wong“.

Letztlich ging das Konzept, diese Legende des Lüdenscheider Nachtlebens zurückzuholen, aber nicht auf. Der Club war kein großer Erfolg, das Abenteuer Susie Wong nach knapp einem Jahr wieder beendet.

Und damit endete die Geschichte vom Tanztempel im Haus Karlstraße 6(a) endgültig. Heute ist in den Räumen die S&R-Spielhalle zu finden. An die guten alten Tage des Diskobetriebs erinnert nunmehr nur ein Aushangkasten am Haus, der noch das Logo des RoJs-Clubs trägt.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren: Auf come-on.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare