Keine Informationen

„Es ist eine Katastrophe“: Lüdenscheider bangen um Mädchenschule in Afghanistan

Da ging alles noch seinen geregelten Gang: Mädchen der Atefa-Schule in Estalf erhalten Stoffe, um sich einheitliche Schulkleidung schneidern zu können. Im Moment, nach der Taliban-Machtergreifung, hat der Lüdenscheider Verein kaum Informationen, wie es vor Ort aussieht.
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Da ging alles noch seinen geregelten Gang: Mädchen der Atefa-Schule in Estalf erhalten Stoffe, um sich einheitliche Schulkleidung schneidern zu können. Im Moment, nach der Taliban-Machtergreifung, hat der Lüdenscheider Verein kaum Informationen, wie es vor Ort aussieht.

Seit dem Abzug der ausländischen Soldaten aus Afghanistan war die latente Angst immer da. Die Angst, dass mit dem Erstarken der Taliban die Hoffnung der Mädchen auf ein Leben mit Bildung und eigenem Beruf wieder sterben könnte. Nun scheint es tatsächlich so, als träfen die schlimmsten Befürchtungen ein.

Lüdenscheid – „Es gibt widersprüchliche Informationen“, sagt Rolf Scholten, der sich gemeinsam mit seiner Frau seit Jahren für den Verein Eschan, für Ausbau und Entwicklung der Atefa-Mädchen-Schule engagiert. Während es bis Donnerstag noch geheißen hatte: „Der Unterricht läuft normal“, hätten sich danach die Ereignisse überschlagen. „Es ist eine Katastrophe“, sagt Rolf Scholten, der die Mitglieder des Lüdenscheider Hilfsvereins per E-Mail so gut es geht, auf dem Laufenden hält.

Vereinsvorsitzender ist der Lüdenscheider Arzt Dr. Anwar Nabiyar, der aus der Region stammt. Doch auch dessen Informationen seien spärlich, weiß Scholten. Der Bevollmächtigten vor Ort gelinge es wohl nicht, Geld vom Konto abzuheben, um den Schülerinnen die zugesagte Unterstützung zu geben. Die Beauftragte für die Studentinnen, Marsia, die Kontovollmacht hat, hätte so schnell wie möglich die Gelder für die nächste Zeit abheben und auszahlen sollen. Dabei gehe es um 12 000 bis 14 000 Euro: die Patenschaftsgelder für die Schülerinnen für das 2. Halbjahr, das Geld für die Studentinnen für zwei Monate, die zusätzliche Unterstützung für die Lehrerinnen. „Wir hoffen, dass das noch gelingt, denn die Menschen werden in der nächsten Zeit dringend auf das Geld angewiesen sein“, schrieb Rolf Scholten noch am Sonntag in seiner Mail an die Mitglieder. Nun scheint es, als würde das eben nicht gelingen.

Überweisungen von Deutschland aus hat der Verein Eschan jedenfalls gestoppt. Da es sich um zweckgebundene Spendengelder handelt, habe man mit dem Finanzamt gesprochen. Satzungskonform sei es auch, andere humanitäre Aufgaben zu finanzieren, mit denen Menschen in oder aus Estalef geholfen werden könne. Doch im Moment sei es noch viel zu früh, das weitere Vorgehen festzulegen: „Wir müssen gucken, wie sich das entwickelt.“ Bis dahin hat man das weitere Sammeln von Spenden zunächst eingestellt. Spendenzahlungen könnten ohnehin jederzeit gestoppt werden.

Nach erfolgreichen Jahren und Ausbau der Schule herrschen jetzt Verunsicherung und Angst.

Auch Dr. Arnhild Scholten ist geschockt. In den ersten fünf Jahren der Unterstützung der Schule habe man gebangt. „Die Taliban waren ja nicht weg.“ Doch die Situation in Estalef habe sich immer schon von der in anderen Städten unterschieden. Dort gebe es eine recht ausgewogene Vielzahl von Ethnien; die Einwohner hätten schon immer miteinander auskommen müssen, die Ablehnung der Taliban sei groß gewesen. Aber gegen brutale Gewalt seien einfache Menschen machtlos.

Als die schwierige Aufbauzeit überstanden war, sei man zuversichtlich gewesen, betont sie. Nun, „nach 20 Jahren Arbeit für die Bildung“ sei der einzige Trost, dass Hunderte von Mädchen lesen und schreiben gelernt hätten. Mehr als 150 junge Frauen hätten einen Beruf erlernt, sind Hebammen, Lehrerinnen, Ärztinnen geworden: „Dieses Wissen und diese beruflichen Qualifikationen werden auch weiterhin für die Menschen wichtig sein.“

Und doch: „Es ist alles ganz fürchterlich, zum Teil auch tragisch“, sagt Dr. Scholten und schildert den Fall einer begabten jungen Frau, „eine der besten Studentinnen ganz Afghanistans“. Die habe jetzt eine Facharztausbildung zur Kardiologin in Deutschland beginnen wollen. Das sei nun nicht möglich, bedauert die Lüdenscheiderin. „Für mich persönlich ist das ganz fürchterlich. Hinter jeder Spende steckt ein Schicksal, ein Mädchen, eine Familie.“

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