Erwin Welke Stasi-Spitzel oder Opfer?

Erwin Welke

Lüdenscheid - War der frühere Lüdenscheider Oberbürgermeister Erwin Welke ein Stasi-Spitzel oder hat er ahnungslos Informationen an Gesprächspartner gegeben, die für den Staatssicherheitsdienst der DDR arbeiteten? Diese Fragen stellen sich nach der Vorlage eines 400-Seiten-Gutachtens der Jahn-Behörde (Behörde des Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen) für den Bundestag.

Fest steht laut der Studie mit dem Titel „Der Deutsche Bundestag 1949 bis 1989 in den Akten des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) der DDR“, dass Welke als „IM“ (inoffizieller oder informeller Mitarbeiter) in den „Rosenholz“-Dateien der ehemaligen Hauptverwaltung Aufklärung (HVA) der DDR geführt wurde. Die HVA führte ihn als Hauptperson des Vorgangs „Gustel“.

Auf einer Karteikarte vermerkte die HVA Welkes Tätigkeit als Redakteur der Westfälischen Rundschau und eine Zugehörigkeit zum Parteivorstand der SPD, nicht jedoch seine Funktion als Abgeordneter. Erwin Welke gehörte dem Bundestag in dessen ersten fünf Legislaturperioden von 1949 bis 1969 an und war von 1964 bis 1971 auch Oberbürgermeister von Lüdenscheid.

Im September 1964 wurden drei weitere nordrhein-westfälische SPD-Bundestagsabgeordnete zu dem Vorgang „Gustel“ hinzuregistriert: Willi Beuster aus Dortmund, Eberhard Brünen aus Duisburg und Fritz Steinhoff, in den 50er-Jahren erster SPD-Regierungschef in NRW. „Der Vorgang ‘Gustel’ muss für die HVA sehr ergiebig gewesen sein“, schreibt Georg Herbstritt, Autor der Studie. „Die Karteikartenerfassungen legen die Schlussfolgerung nahe, dass die HVA von Welke seit Mitte der fünfziger Jahre bis zum Ende seiner Bundestagszugehörigkeit eine Vielzahl an Informationen bezog und Welke auch auf die Abgeordneten Beuster, Brünen und Steinen angesetzt werden sollte.“ Doch Herbstritt schränkt auch ein: „Ob Welke bewusst für den DDR-Geheimdienst arbeitete oder ob sich die HVA die Informationen unter einer Legende beschaffte, kann allein anhand der dürftigen Überlieferungslage nicht geklärt werden.“

Von den 2190 Abgeordneten, die dem Bundestag zwischen 1949 und 1989 insgesamt angehörten, bezeichnet die Studie neun Abgeordnete als „bewusst tätige IM“, bei elf Abgeordneten seien die Stasi-Dokumente „problematisch“ – zu diesen elf gehört Welke.

Ob und welche Konsequenzen die Stadt aus der Veröffentlichung zieht, vermochte Stadtpressesprecher Wolfgang Löhn gestern noch nicht zu sagen. „Wir haben das Gutachten frisch vorliegen und recherchieren, ob es möglicherweise noch andere Wege gibt, die Sachlage aufzuklären“, sagte er. Erwin Welke ist 1971, als er in Pension ging, zum Ehrenbürger der Stadt ernannt worden. Und seit 1996 ist die Grundschule am Vogelberg nach ihm benannt. - wok

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