Zeugnis schwerer Arbeit

Erntehaube zum Schutz vor Sonne und Staub

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Mit einer solchen Haube als Schutz vor Sonne und Schmutz arbeiteten Frauen früher auf dem Feld.

Lüdenscheid – Traktoren, die bei der Bearbeitung landwirtschaftlicher Flächen ihre Kreise ziehen, mit einer, maximal zwei Personen in der Fahrerkabine – das ist die moderne Landwirtschaft, wie sie sich seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderte entwickelt. Kaum jemand kann sich heute noch vorstellen, welche harte körperliche Arbeit in früheren Jahrzehnten und Jahrhunderten dahinter steckte. Gerade zur Erntezeit musste jeder mitanpacken, der irgendwie verfügbar war. Ein Zeugnis davon legt das neue Ausstellungsstück fürs Virtuelle Museum ab. Es ist eine Erntehaube, wie sie Mädchen und Frauen mitunter bis in die 1950er-Jahre bei der Arbeit auf dem Feld getragen haben.

Die Haube sollte vor Sonne, Staub und Insektenstichen schützen. Sie musste gleichzeitig bequem sein und durfte nicht bei der Arbeit stören – das heißt, sie musste auch eng am Kopf anliegen. Dafür sorgte sogenanntes Peddigrohr, das in den Stoff eingenäht wurde und der Haube ihre Form gab. An der Rückseite, also im Nacken, fällt der Stoff locker herunter. 

Das gibt Platz für die Frisur – denn Frauen trugen früher fast ausschließlich lange Haare, die für die Arbeit entsprechend gebändigt werden mussten, durch häufig geflochtene Knoten oder Zöpfe. An tägliches Haarewaschen war zudem früher überhaupt nicht zu denken, so dass Hauben zum Schutz vor Staub und Schmutz im Alltag vielfach die Regel waren. Für die Arbeit auf dem Felde war der lockere Stoff im Nacken auch wichtig, weil er in Verbindung mit der Versteifung direkt am Kopf die Möglichkeit einer gewissen Unterlüftung gegen die Hitze bot. Die Erntehaube hat zwei Bändchen, mit denen sie unter dem Kinn festgebunden werden konnte.

Kräftezehrende Handarbeit für Mensch und Tier

In das Depot der Lüdenscheider Museen gelangte das vorliegende Exemplar als Schenkung im Zuge der Ausstellung „Loveletters vom Lennestrand – Liebe im Sauerland“ im Jahr 2005. Sie stammt von einer Familie aus dem Volmetal. 

Die Landwirtschaft blieb bis weit ins 20. Jahrhundert hinein im Wesentlichen echte kräftezehrende Handarbeit für Mensch und Tier. Zum Beispiel zogen Pferden oder Ochsen die Pflüge. Die Wiesen und Felder wurden mit der Sense gemäht, Kartoffeln von Hand gelesen – die Herbstferien in den Schulen hießen deshalb auch Kartoffelferien, weil die Kinder dadurch Zeit bekamen, bei der Ernte zu helfen. 

Dennoch hatte sich auch die Landwirtschaft bereits seit der Mitte des 19. Jahrhunderts im Zuge der Industrialisierung verändert. Diente sie vorher vielfach der reinen Selbstversorgung, bisweilen auch in Kleinbetrieben neben dem eigentlichen Beruf, ging es, als die Landbevölkerung zunehmend in die Städte abwanderte, vermehrt um die Nahrungsproduktion für die gesamte Bevölkerung. 

Die Hauben lagen am Kopf eng an, aber im Nacken fiel der Stoff locker um den Hals. 

Vor allem in der Erntezeit war Schwerstarbeit angesagt, bei der jede Minute Tageslicht ausgenutzt werden musste. Da bestimmte das Wetter und der Reifegrad des Getreides und der Feldfrüchte den Tagesablauf. Bei Regen war zum Beispiel die Getreideernte nicht möglich. Das gemähte Korn wurde in Garben zusammengebunden und aufgestellt, damit es Trocknen konnte. Später wurde es von Hand gedroschen.

Da wundert es nicht, dass der Herbst in vielen, gerade ländlichen Regionen die Zeit großer traditioneller Feste gewesen ist. Die Menschen feierten, dass die schwere Arbeit vorbei ist und – hoffentlich – eine gute Ernte eingefahren wurde, die die Menschen ja auch über den Winter bringen musste. In den Weinregionen pflegen die Wein- und Winzerfeste bis heute ganz intensiv diese Tradition, was aber nicht zuletzt daran liegt, dass sich für die Winzer ihr Wein auf diesem Wege immer noch gut vermarkten lässt. Und auch dem Erntedankfest mit seinem speziellen religiösen Charakter, Gott für den Ertrag zu danken, kommt eine ganz andere Bedeutung zu, wenn das Überleben der Menschen davon abhängt, dass die Ernte ausreichend ist. Jedes Nahrungsmittel das ganze Jahr über verfügbar zu haben, wie es in den modernen Supermärkten der Fall ist, ist früher undenkbar gewesen.

Ernte als großes Ereignis

Nicht zuletzt war die Ernte ein großes, fast schon gesellschaftliches Ereignis, weil beinahe jeder im Dorf irgendwie daran beteiligt war, sei es bei der Ernte selbst, bei der Verarbeitung oder auch, um die Helfer auf dem Feld mit Essen und Getränken zu versorgen. Kaum noch vorstellbar, wenn man heute Traktoren und Mähdrescher oftmals einsam ihre Kreise ziehen sieht – anders ist das allenfalls dann, wenn große Ernteeinsätze mit mehreren Fahrzeugen gefahren werden, von einem Hof zum nächsten.

Kopfbedeckungen sind dabei aber gegen Sonne, Staub und Hitze nach wie vor gefragt. Nur ist es dabei nicht mehr mit leichten Baumwollstoffen getan. Moderne Hightec-Fasern sorgen bei Kappen und Tüchern für den wichtigen UV-Schutz.

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