Erinnerungen an Wehrdienst auf der Gorch Fock

Der Aufstieg in die Masten war nicht ungefährlich, aber eine Herausforderung, der sich der Lüdenscheider gerne stellte.

LÜDENSCHEID ▪ Als Peter Sawatzki zur Musterung ins Kreiswehrersatzamt nach Hagen beordert wurde, ahnte er noch nicht, dass er bald seinen Bundeswehrdienst auf der „Gorch Fock“ absolvieren würde.

„Ich wusste da gar nichts von, kannte das Schiff nur von der Abbildung auf den Zehn-Mark-Scheinen. Es hatte mich bis dahin gar nicht interessiert.“ Das sollte sich schnell ändern, denn nach seiner Grundausbildung auf Borkum ging er am 6. April 1983 an Bord und erlebte ein Jahr lang hautnah den Alltag auf dem Segelschulschiff der Deutschen Marine. „Meine Kameraden und ich waren die Segelcrew, die die Offiziersanwärter unterstütze. Ich war zum Beispiel dafür da, Lehrmaterial für die Anwärter zu verwalten, hatte aber als gelernter Bäcker auch Küchendienst oder wurde als Rudergänger eingesetzt.“

Jeder Tag begann um 6 Uhr mit dem Weckruf. In fünf Minuten musste sich der damals 21-Jährige aus der Hängematte schwingen und im Trainingsanzug an Bord melden. Jeden Mittag war die Übung „Mann über Bord“ angesagt. Den Tampenriss, laienhaft gesagt: den kompletten Aufbau des Schulschiffes, musste Sawatzki auswendig lernen und im Schlaf aufsagen können. Natürlich ging‘s auch hoch in die Takelage. „Das kostet schon Überwindung und man muss anfangs die Angst in den Griff bekommen. Aber wenn man‘s dann ein paar mal gemacht hat, ist es ein Highlight“, erinnert sich Peter Sawatzki. „Man muss zwischendurch in den Masten übergreifen, aber wenn man sich dann da oben mit einem Palsteg einklickte, dann war das eine Wahnsinnsgeschichte.“

Demütigungen, wie sie jetzt bei der Affäre um die „Gorch Fock“ und den Tod der Soldatin die Runde machen, habe er nicht erlebt. „Wer da aus bestimmten Gründen nicht hinaufsteigen wollte oder konnte, der wurde auch nicht dazu gezwungen. Natürlich gab es Druck und Drill. Anders geht das ja gar nicht beim Militär. Das ist schließlich die Gorch Fock und nicht die Aida.“ Es habe keine Klimaanlage, keine Kühlschränke an Bord gegeben. Die Schlafstätte war monatelang eine Hängematte. „Das hat bei den Wellengängen seinen Sinn“, sagt Peter Sawatzki.

Zimperlich dürfe man sicherlich nicht sein. So musste der Lüdenscheider eine „Äquatortaufe“ über sich ergehen lassen. Der „Taufschein“ hängt noch gerahmt im Wohnzimmer des heute 48-Jährigen. Ebenso ein Bild in Uniform, gespickt mit der Zeichnungen der ersten Route, die von Flensburg über Bordeaux und Dublin nach Kiel führte und sechs Wochen dauerte. Die zweite Reise hatte es mit exakt 13 762 Seemeilen schon mehr in sich. Von Kiel ging‘s nach La Palma, weiter nach San Juan, Norfolk, Philadelphia, Portsmouth, Punta Belgada und zurück nach Hamburg. „In Philadelphia trafen sich auf der Gorch Fock der damalige US-Präsident Ronald Reagan und Bundespräsident Karl Carstens. Es ging um 300 Jahre Auswanderung Deutscher in die USA. Rund um das Schiff war eine Sperrzone von einem Kilometer eingerichtet.“

Was ist geblieben aus dieser Zeit? „Wichtig war: Man brauchte jeden, jeder musste funktionieren. Das stärkte das Zusammengehörigkeitsgefühl. Das ist mir auch heute noch wichtig, und ich habe gelernt, mit Druck anders umzugehen“, sagt Peter Sawatzki und klappt das Laptop zu, aber nicht die Erinnerung an die „Gorch Fock“.

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