Die Wahlkandidaten 149 (Olpe/Märkischer Kreis I)

Engelbert Prevorcic (DKP) will „das Elend der Welt grundsätzlich angehen“

DKP-Kandidat an der Werkbank
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Engelbert Prevorcic in seiner Werkstatt: Seit 1975 gehört der 68-Jährige der DKP an, für den Bundestag kandidiert er zum zweiten Mal.

Im Wahlkreis 149 (Olpe/Märkischer Kreis I) bewerben sich neun Kandidaten um das Bundestagsmandat. Einer davon ist Engelbert Prevorcic. Der Lennestädter kandidiert für die DKP.

Lennestadt – Elspe als Teilort der Kommune Lennestadt hat es mit seinen Karl-May-Festspielen zu einer Berühmtheit weit über die Ortsgrenzen hinaus gebracht. Pierre Brice spielte hier einst den Winnetou, Jochen Bludau den Old Shatterhand. Auch das Skigebiet in Halberbracht ist, wenn es Winter wird, ein Anziehungspunkt. Irgendwo in den Bergen zwischen Elspe und Halberbracht liegt das Örtchen Hachen, das weniger bekannt ist und niemanden anzieht. Keine zehn Häuser stehen hier, immerhin aber ein Kreativ-Stall mit Geschenke-Verkauf. Und die Schreinerei Richard. Es ist ein malerischer Ort. Wenn das hier eine Art Ende der Welt ist, dann zumindest ein schönes.

Vermutet man ausgerechnet an diesem Ort einen Mann, der für die Deutsche Kommunistische Partei (DKP) als Bundestagskandidat in den Wahlkampf zieht? „Warum nicht?“, fragt Engelbert Prevorcic, der hier seit 13 Jahren nicht nur arbeitet, sondern seit der Trennung von seiner damaligen Freundin auch oberhalb der Schreinerei wohnt. Die Schreinerei trägt zwar nicht den Namen des 68-Jährigen, trotzdem ist es seine. Nun schon 35 Jahre lang, seit 1986. Ans Aufhören denkt Prevorcic mit „54 Jahren Malochen auf der Uhr“ natürlich, er tritt ja für die Rente mit 60 ein. Nur in der Praxis gibt es „leider keinen Nachfolger“, weshalb er hin und wieder eben doch noch etwas in seiner Werkstatt macht...

Engelbert Prevorcic könnte auch als Cowboy auf der benachbarten Freilichtbühne stehen. Wettergegerbte Haut, braun gebrannt, drahtig-sportlich trotz seiner 68 Lenze. Ein bisschen verwegen mit einem Bart, der als Ulbricht-Bart durchgehen könnte. Aber Prevorcic ist kein Schauspieler. Er ist ganz und gar authentisch er selbst.

Engelbert Prevorcic (DKP) will „das Elend der Welt grundsätzlich angehen“

Nun grüßt dieser Mann, der eigentlich gar nicht in der ersten Reihe stehen will, von den Wahlplakaten einer Partei, die in absoluten Zahlen keine realistischen Chancen hat, irgendetwas zu erreichen. Selbst die Ein-Prozent-Hürde zu schaffen, ist wohl eine Utopie. Wer links wählt, wählt dieser Tage eher Die Linke. Für die hat sich Prevorcic 2020 aufstellen lassen als Bürgermeisterkandidat in Lennestadt. „Da gab es eine neue Ortsgruppe – und die haben jemanden gesucht, der hier als Linker bekannt ist“, sagt Prevorcic. Er hat kein Parteibuch bei der Partei Die Linke, aber kandidiert hat er trotzdem. „Und sie haben im Stadtrat immerhin ein Mandat errungen“, sagt er. Er findet das nicht so schlecht für den Anfang.

Nun ist er zum zweiten Mal Bundestagskandidat der DKP, der er seit 1975 angehört. 46 Jahre lang, so alt ist längst nicht jeder seiner Mitbewerber. Vielleicht ist es nicht ganz falsch, bei Prevorcic von einem ganz besonderen Comeback zu sprechen. Seine erste Bundestagskandidatur war Anfang der 80er-Jahre. 1980 bei Strauß gegen Schmidt? Oder 1983 bei Vogel gegen Kohl? „Ich weiß es gar nicht mehr so genau“, sagt der Lennestädter.

An die Zeit aber kann er sich noch gut erinnern. Es war die große Zeit der Friedensbewegung. „Keine Raketen in Sporke und in Theten!“, sagt Prevorcic und lächelt versonnen, „das war unser Slogan. Die US-Armee war in Lennestadt stationiert, in Meggen gab es die Disco Big Ben, das war der Drogenumschlagplatz. Und wir sind mit drei Bussen zum Protest von Olpe aus nach Bonn gefahren. Da waren 400 000 Leute. So etwas gibt es heute nicht mehr.“ Sporke und Theten sind wie Hachen kleine Orte in diesem Gebiet, sie sollten damals zur Raketenbasis werden. Immerhin das hat man damals verhindert.

Es geht um die intellektuelle Ausstrahlung auf junge Leute. Darum, ihnen das Gedankengebäude des Marxismus näherzubringen, sie zu selbständigen Denkern zu erziehen!

Engelbert Prevorcic über seine Mission mit der DKP

Die Geschichte von Engelbert Prevorcic, dem Meggener mit einem Großvater aus dem slowenischen Maribor, der Oma aus der Steiermark und mütterlicherseits einem Uropa aus Italien („Er hieß de Paris und hat hier die Eisenbahn mitgebaut…“), ist dabei eigentlich keine, die zwangsläufig zu einer kommunistischen Weltanschauung hätte führen müssen. Im Gegenteil. Die Eltern seien „kreuzbrave Katholiken“ gewesen, sagt er. „Sehr ernst, nicht bigott. Zwei wunderbare Menschen.“ Der kleine Engelbert wurde Messdiener, ein erst einmal gläubiger Mensch, wie es seine fünf Geschwister noch heute sind.

Und er wurde Modellschreiner. 14 Jahre alt war er da, so klein, dass man ihn auf eine Hobelbank stellte, damit er überhaupt richtig herankam an seine Werkzeuge. 1967 war das in Siegen. Ein Jahr vor der 68er-Revolte. Der Religionslehrer in der Berufsschule riet allen Schülern zur Kriegsdienstverweigerung, und als die NPD im November 1968 in der Siegerlandhalle zum Parteitag zusammenkam, ging der junge Engelbert Prevorcic mit und demonstrierte gegen die Rechten, erlebte eine Stadt im Ausnahmezustand.

Daheim in Meggen verkaufte er zu dieser Zeit für die katholische Jugend Seife für Afrika. „200 Stück für 50 Pfennig“, sagt Prevorcic, „und Strauß hat Starfighter für Millionen bauen lassen, die dann immer wieder abstürzten in dieser Zeit. Da hat man sich natürlich die Sinnfrage gestellt.“

Vorbilder: Josef Bräutigam, Peter Stinn und Heinz Dzewas

Engelbert Prevorcic hat sie damals für sich beantwortet. Er fand seine Anleitung zum Leben bei Marx und Engels. Dem jungen Handwerker imponierten Kommunisten wie Josef Bräutigam aus dem Lennestädter Bergwerk Sachtleben, Peter Stinn oder auch der Lüdenscheider Heinz Dzewas, Vater des späteren SPD-Bundestagsabgeordneten und Bürgermeisters Dieter Dzewas. „Sie haben mich zum kritischen, eigenen Denken erzogen“, sagt Prevorcic, „für mich war es bald logisch, dass man das Elend der Welt nur grundsätzlich angehen kann.“

Prevorcic besuchte bis 1974 die Fachoberschule – und als er danach ein Studium der Mathematik beginnen wollte, wurde er zum Wehrdienst eingezogen und zweimal bei der Kriegsdienstverweigerung aus Gewissensgründen abgelehnt. Er musste seinen Grundwehrdienst in Koblenz antreten – und gewann dann im dritten Anlauf in Arnsberg doch noch. Dort bestätigte man ihm, dass er doch berechtigte Gewissensgründe hatte. Er war erlöst. Es folgte der Zivildienst bei der Caritas und die Aufnahme des Studiums. Prevorcic aber stellte schnell fest, dass es nicht das Richtige war für ihn. So kam er 1978 zur Schreinerei Richard in Lennestadt, die gerade einen Schreiner suchte. Bis 1984 lief dort alles nach Plan, dann folgte der Schock – die Schreinerei war pleite.

„Auf einmal arbeitslos“, erinnert sich Prevorcic, „das war in den 80er-Jahren im Handwerk nicht so leicht.“ Nach einem Vierteljahr trug man es ihm an, den Betrieb weiterzuführen. Und Prevorcic fasste sich ein Herz, kaufte die Maschinen und führte den Betrieb weiter. Unter dem alten Namen. „Der Betrieb hatte unter diesem Namen einen guten Ruf, und mir war es nie wichtig“, sagt der DKP-Mann, der auf einmal selbstständiger Unternehmer war und fortan bis zu fünf Angestellte hatte. Er hat das gemeistert, einige seiner Auszubildenden haben heute eigene Schreinereien in Lennestadt. Und die Leute – schauten die nicht komisch, dass nun der Kommunist Unternehmer war? „Viele haben es gar nicht gewusst“, sagt Prevorcic, „und andere haben vielleicht gedacht, ich sei geläutert…“

Eine Bürgerversicherung würde Prevorcic erfreuen

Politisch hat ihn der Seitenwechsel aber nicht verändert. Aus dem Messdiener war längst ein Atheist geworden, der weiter fest für die Sache von Marx und Engels eintrat. „Der Marxismus ist eine Anleitung zum Selbstdenken. Das ist das A und O“, sagt Prevorcic, „es geht darum, sich die Dinge nicht vordenken zu lassen, sondern selbst zu beurteilen. Viele Menschen sind dazu heute leider gar nicht mehr in der Lage.“

Seine Kandidatur begreift er deshalb auch insbesondere als Kampf um den Fortbestand der Partei. Prevorcic ist Realist, es geht auch, aber nicht nur um Wählerstimmen. Zwar ist der Ansatz der DKP, dass man bei den Erststimmen punkten will. „Letztes Mal haben 52 Prozent nicht den Kandidaten der CDU gewählt“, sagt er, „wir sagen: Dann können sie mit dieser Stimme wenigstens uns wählen, wenn ihnen unsere Inhalte gefallen.“ 14 Euro Mindestlohn ist so ein Ziel, ein Euro mehr als bei der Linken und zwei Euro mehr als bei der SPD.

Zu Hause in Lennestadt-Hachen: Engelbert Prevorcic.

Die Zweitstimme hätte Prevorcic auch gerne, aber er hat auch Verständnis für die Denkweise, dass sie anderswo vielleicht wertvoller sei, sagt Prevorcic. „Wobei es mir eigentlich egal ist, wer dann am Ende in Berlin regiert. Klar, wenn es wirklich Rot-Rot-Grün würde, dann hätte ich die Hoffnung, dass es die Bürgerversicherung geben könnte. Aber das Grunddilemma unserer Gesellschaft wird sich auch dann nicht ändern.“

Und wofür dann der Aufwand? „Es geht um die intellektuelle Ausstrahlung auf junge Leute“, sagt Prevorcic, „ihnen das Gedankengebäude des Marxismus näherzubringen, sie zu selbstständigen Denkern zu erziehen.“ Deshalb hat er sich bereit erklärt, als Direktkandidat von den Laternenmasten zu grüßen. Deshalb hat er sich in der Corona-Zeit der schweren Aufgabe gestellt, die 200 Unterschriften der Unterstützer zu sammeln. Der Kreisverband Siegen/Olpe, dessen Vorsitzender er ist („Als Gleicher unter Gleichen...“) hatte früher einmal 150 Mitglieder, inzwischen sind es vielleicht noch 50. „Später hat der Bundestag beschlossen, dass es nur 50 Unterschriften sein mussten“, sagt Prevorcic, „aber da hatten wir schon 235 zusammen. Eine gute Leistung…“ Es sind die kleinen Erfolge, die ihm Mut machen. So wie im Kampf gegen die Raketen. Und später, als man auf dem Sachtleben-Gelände eine Müllverbrennungsanlage bauen wollte.

Wieder war Protest angesagt, wieder war der Protest erfolgreich. „Und heute finden die Leute das Industriegebiet dort auch ganz gut“, sagt Prevorcic, der zum Kommunismus auch mal Vorträge gehalten hat, zum Beispiel in einem Gemüsekollektiv im benachbarten Langenei.

Das Nicht-Eingestehen von Widersprüchen stört Prevorcic

Diese Erfolge haben ihn weitermachen lassen. Trotz des Untergangs des real existierenden Sozialismus mit dem Fall der Mauer. „Wie geprügelte Hunde haben wir uns damals ins Kämmerchen zurückgezogen“, sagt Prevorcic, „auch aus Scham über die Wahlfälschung der SED bei den letzten Kommunalwahlen.“ Prevorcic, dessen damalige Freundin in den 90er-Jahren PDS-Mitglied war, geht es um die Wahrheit, um die Wirklichkeit. Darum, Probleme offen und ehrlich anzusprechen. Das Nicht-Eingestehen von Widersprüchen in der Praxis hat ihn immer gestört. Prevorcic nennt es das Dilemma der kommunistischen Bewegung.

Aber das ändert nichts an seiner Grundhaltung. „Wenn man einmal Katholik war oder Kommunist – das bleibt man immer. Da kommt man nicht mehr heraus“, hat Heinrich Böll einmal an seine DDR-Schriftstellerkollegin Christa Wolf geschrieben. Engelbert Prevorcic hat Böll widerlegt. Den Katholiken hat er hinter sich gelassen. Beim Rest aber, da könnte Böll recht behalten.

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