Neue Kreditlinie löst bestehende Linie ab

Nach Beinahe-Insolvenz: Größter Energieversorger im MK bekommt 170 Millionen Euro frisches Geld

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Eine neue Refinanzierung zu besseren Konditionen erschafft dem Energieversorger mehr Handlungsspielraum.

Sieben Jahre nach der Beinahe-Insolvenz geht die Hagener Enervie Gruppe (Südwestfalen Energie und Wasser AG) einen weiteren Schritt aus der Krise. Eine neue Refinanzierung zu besseren Konditionen über 170 Millionen Euro verschafft dem Energieversorger mehr Handlungsspielraum und erhöht die Bonität des einstigen Sorgenkinds.

Lüdenscheid - Warum ist das für die Menschen im Märkischen Kreis wichtig? Über die 100-prozentigen Konzerntöchter Stadtwerke Lüdenscheid und Mark-E sind zehntausende Strom- und Gas-Kunden im MK unmittelbar mit Enervie verbunden. Zudem erhält die Stadt Lüdenscheid nach den Krisenjahren seit 2019 wieder eine jährliche Ausschüttung in Millionenhöhe für den städtischen Haushalt. Mit weiteren Stadtwerken wie Kierspe, Meinerzhagen, Altena, Werdohl, Halver und Plettenberg hat Enervie enge gesellschaftliche Verflechtungen.

Zur Erinnerung: 2014 konnte der Energiekonzern die Insolvenz nur durch ein 60-Millionen-Euro-Rettungspaket der Gesellschafter Lüdenscheid und Hagen sowie von Remondis abwenden. Sie stellten jeweils 20-Millionen-Euro-Darlehen bereit. Die Kredite laufen noch bis 2022 und werden auch durch die neue Refinanzierung nicht vorzeitig aufgelöst, wie Unternehmenssprecher Andreas Köster auf Anfrage erklärte. „Das Gesellschafterdarlehen wurde bereits mit 30 Millionen Euro in 2020 planmäßig teilgetilgt, wird unverändert fortgeführt und 2022 planmäßig getilgt werden.“ Es war nicht Gegenstand der Refinanzierung. Lüdenscheid wird also auf die zweite Rate noch ein Jahr warten müssen.

Die neue Konzernfinanzierung bietet Enervie nach eigenen Angaben unter anderem die Möglichkeit, sich mittel- und langfristig mit Kreditmitteln einzudecken, die der Unternehmensgruppe größere Flexibilität im Hinblick auf die Wachstumsstrategie gewähren. 

Die neue Kreditlinie über 170 Millionen Euro löst einen bestehenden Konsortialkredit über 175 Millionen Euro von 2017 ab, der noch unter dem Eindruck der Krise abgeschlossen worden war. Ein Konsortialkredit ist vor allem dann das Mittel der Wahl, wenn die Kreditaufnahme für Unternehmen am Kapitalmarkt schwierig ist. Mehrere Banken tun sich in diesem Fall zusammen, um die Risiken zu teilen. Gleichzeitig wird dem Kreditnehmer ein enges finanzielles Handlungskorsett angelegt.

Nach der Restrukturierung 2015 ist Enervie aus Sicht der Banken nun deutlich kreditwürdiger. Nachdem der Energiekonzern den Banken sein „Finanzmodell 2040“ und seine Wachstumsstrategie vorgelegt hatte, wird der alte Kredit nun bereits zwei Jahre früher als geplant durch ein deutlich günstigeres 170-Millionen-Paket vollständig abgelöst. Neben Schuldscheindarlehen, bilateralen Krediten und Förderdarlehen macht den Hauptteil dabei erneut ein Konsortialkredit aus. Dafür schlossen sich unter Federführung der Norddeutsche Landesbank (Nord/LB) mehrere Banken zusammen.

Von den bisherigen Kreditgebern sind neben der NordLB die Landesbank Hessen-Thüringen (Helaba), UniCredit Bank AG (UniCredit) und die Bayrische Landesbank (BayernLB) sowie die Sparkasse Lüdenscheid wieder an Bord. Neu hinzugekommen ist die Sparkasse Hagen-Herdecke. Die Kreditbedingungen sind für den Schuldner deutlich günstiger als noch vor vier Jahren, zudem hat die Enervie in Teilen einen variablen Zins bekommen, der sich an einem Nachhaltigkeitsrating orientiert ( » INFO-KASTEN).

Das neue Finanzierungskonzept ist der passende Grundstein für unsere Strategie und gleichzeitig flexibel für Investitionen und Wachstum.

Erik Höhne

Wie Unternehmenssprecher Köster erklärte, haben sich zwei Kreditinstitute aufgrund der Konditionen oder der regionalen Fokussierung an dem Darlehen nicht mehr beteiligt. Bis zur Restrukturierung 2015 finanzierte sich die Enervie noch über Schuldscheindarlehen mit Beteiligung von vielen – auch kleineren – Banken. Nun fokussiert sich der regionale Versorger auf wenige Groß- und Landesbanken sowie regionale Sparkassen. Der Deal wurde von einer Düsseldorfer Kanzlei und dem Beratungsunternehmen Ernst&Young eng begleitet.

Die neue Konzernfinanzierung bietet Enervie nach eigenen Angaben unter anderem die Möglichkeit, sich mittel- und langfristig mit Kreditmitteln einzudecken, die der Unternehmensgruppe größere Flexibilität im Hinblick auf die Wachstumsstrategie gewähren. „Das neue Finanzierungskonzept ist der passende Grundstein für unsere Strategie und gleichzeitig flexibel für Investitionen und Wachstum“, sagt Vorstandssprecher Erik Höhne laut Mitteilung. Unmittelbare Auswirkungen auf die Gas- und Stromkunden ergeben sich durch die neue Kreditlinie nicht – die Verbraucherpreise setzen sich neben Steuern und Umlagen aus Einkaufspreis- und Netzentgelt zusammen, und nicht aus der Zinslast.

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