Aussage am Landgericht Hagen

EncroChat-Dealer aus Lüdenscheid legt Geständnis ab

Rechtsanwalt mit Mandant im Gerichtssaal
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Der Iserlohner Strafverteidiger Andreas Trode und sein Mandant zu Beginn des Prozesses vor der 6. großen Strafkammer des Hagener Landgerichts.

Wie viele Jahre Gefängnis für den Angeklagten auf dem Spiel stehen, ist nach den Worten des Vorsitzenden der 6. großen Strafkammer, Richter Christian Potthast, konkret noch nicht abzusehen.

Lüenscheid - In einem Verständigungsgespräch zwischen den Juristen hatte Staatsanwalt Christoph Bußmann als „grobe Überlegung“ neun bis elf Jahre angesetzt. Strafverteidiger Andreas Trode sprach von einem „Strafmaß weit unter einer zweistelligen Zahl“.

Der 29-Jährige arbeitet am zweiten Prozesstag emsig daran, die Richter milde zu stimmen – und legt ein weitgehendes Geständnis ab. Rechtsanwalt Trode hat zuvor angekündigt: „Ich habe ihn jetzt so weit, das hat mich superviel Kraft und Mühe gekostet.“

Der Fall

Ein 29 Jahre alter Maschinenbediener aus Lüdenscheid soll im vergangenen Jahr zwei Monate lang in großem Stil über das vermeintlich abhörsichere EnchroChat-Netzwerk mit illegalen Drogen gehandelt haben. Dem Angeklagten droht eine Freiheitsstrafe von bis zu 15 Jahren.

Schon der Erwerb des EncroChat-Spezialhandys erscheint ungewöhnlich. „Ich bin über einen Bekannten daran gekommen.“ 1200 Euro habe er für das Gerät bezahlt, nutzbar für 180 Tage. Sein Chatname war voreingestellt, die Namen anderer Nutzer des Netzwerks: allesamt verschlüsselt. Doch bei Treffen zu Übergaben oder Barzahlung lernte man sich auch persönlich kennen. So tauchte der Angeklagte immer tiefer in die Szene ein.

Die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft umfasst 14 Punkte. Der Angeklagte: „Ich habe viele Angebote reingeholt und rausgehauen.“ Mal kamen Geschäfte zustande, mal lehnte ein Interessent wegen schlechter Qualität der Ware ab. Mal bluffte der Lüdenscheider Kunden und täuschte vor, Drogen zu haben. Mal lieferte er kleine Mengen als Probe, mal kündigte ein Interessent an, einen Chauffeur mit Geld zu schicken, mal platzte ein Deal, mal sagte sein Bauchgefühl: „Lass’ besser die Finger davon!“

Der Angeklagte nennt Namen, bestätigt Ermittlungsergebnisse und rechnet Gewinnspannen vor. Vereinzelt verschweigt er die Identität von großen Abnehmern oder Lieferanten – aus Angst um seine Frau und seine beiden kleinen Töchter. Oder bestreitet das Zustandekommen von Deals oder sagt: „Ich habe nicht von allen Geschäften was gehabt.“ Vieles sei „genau so wie es in der Anklage steht“, in vielen Fällen habe er die Drogen „gar nicht selbst in der Hand gehabt“. Zum Verkauf von 30 Litern Amphetamin-Öl sei es „niemals gekommen“, beteuert der 29-Jährige.

Staatsanwalt Bußmann honoriert die Aussage des Lüdenscheiders mit dem Satz: „Der Angeklagte macht hier einen offenen und glaubwürdigen Eindruck.“ Und Richter Potthast sagt: „Einerseits benimmt er sich wie ein verantwortungsbewusster Familienvater, andererseits hat er mit Leuten gespielt, die nicht die Freundlichsten sind auf Gottes Erdboden.“

So gesprächig sich der Angeklagte in puncto Gewinnstreben gibt, so schweigsam ist er im Hinblick auf seinen eigenen Drogenkonsum. „Darüber will ich erst in Ruhe mit einem Sachverständigen reden.“ In erster Linie habe er den Lebensstandard seiner Familie sichern wollen, „die sollten glücklich sein“. Und er selbst auch. Zu seinem besitz gehörte ein 90 000 Euro teurer getunter Mercedes.

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