„Wir fassen doch niemanden an!“

Elke Meyer ist am Limit: Sonnenstudio im MK „auf staatliche Anordnung geschlossen“

Zahide Culha Sonnenstudio
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Studioleiterin Zahide Culha beim Desinfizieren der Sonnenbank.

Elke Meyer ist am Limit. Die Rücklagen sind aufgebraucht, ins Minus gefahren, wie sie sagt, ist sie längst schon.

Lüdenscheid - Seit Jahrzehnten ist sie in der Sonnenstudio-Branche tätig. Sie betreibt das Sonnenstudio Self-Sun an der Werdohler Straße 128. „Geschlossen auf staatliche Anordnung wegen Corona“ steht auf ihrer Website. Mal wieder und seit dem 16. Dezember.

„Vom 18. Mai bis zum 16. Dezember konnten wir öffnen, aber die guten Monate waren weg und der heiße Sommer da. Wir waren glücklich, dass wir öffnen durften, ja, aber wir konnten bei Weitem nicht die Verluste aufholen.“

120 Quadratmeter groß ist ihr Sonnenstudio, blitzblank, hygienisch rein, gedämpftes Licht, eine einladende Atmosphäre. Nur vier Personen durften sich gleichzeitig auf der großen Fläche an der Werdohler Straße bewegen. Als nach dem Lockdown im vergangenen Frühjahr die Sonnenstudios wieder öffneten, krempelte sie mit ihrem Team die Ärmel hoch.

Doppeltes Personal

Doppeltes Personal wurde eingestellt, penibel wurden die Hygienevorschriften umgesetzt. „Wir haben die Gäste gebeten, sich eigene Handtücher mitzubringen. Es gab keinen Kaffee mehr, nur noch zum Mitnehmen. Die Serviceleistungen haben wir eingestellt“, sagt sie rückblickend.

Aktionstage konnten nicht mehr stattfinden, Abläufe wurden umgeschichtet. Durch Rabattkarten gelang dem Team die volle Kontrolle darüber, wer zu Gast war, die Kunden waren alle erfasst, das Studio auf höchsten Hygienestandard gebracht. „Mehr können wir nicht tun“, sagt sie, und Resignation schwingt in ihrer Stimme mit, wenn sie darüber spricht, was das Team alles getan hat, um einer Ansteckungsgefahr zu trotzen.

Selbst die Bank vor dem Studio musste weichen, damit sich dort keine Gruppen bilden. Maskenschutz war selbstverständlich, Kaffeeklatsch wurde unterbunden, Getümmel sowieso. Was soll man noch tun?

Staatliche Soforthilfe wie im letzten Frühjahr hat Elke Meyer beantragt und bekommen. „Das war unproblematisch“, erinnert sie sich. Aber seit Mitte Dezember sind die Kassen leer: „Die Überbrückungshilfe der Bundesregierung, das dauert. Die Steuerberater sind restlos überarbeitet. Ich habe alle Unterlagen zusammen, Nachweise, Fixkosten, Umsatz aus November 2019.“

Aber der Steuerberater hat gut zu tun in diesen Tagen mit Jahresabschlüssen. Wann die Anträge auf Überbrückung überhaupt gestellt werden können, konnte er Elke Meyer nicht sagen.

Sie selbst hatte auf eine Wiedereröffnung Mitte Januar gehofft: „Ich mach’ das seit 30 Jahren, aber ich kann doch jetzt nicht anfangen, Kredite aufzunehmen, um dann nachher Schulden abzubauen. Viele Leute sind arbeitslos, da spart man doch am ehesten am Besuch im Sonnenstudio.“

Festeinstellungen gestrichen

Das fünfköpfige Team besteht überwiegend aus Minijobbern, aber auch die rechnen mit dem Zusatzverdienst, weiß Elke Meyer auch um die Sorgen und Nöte ihrer Angestellten. Zwei von ihnen wollte die Lüdenscheider Unternehmerin ab Januar fest einstellen. Der lange Lockdown machte auf beiden Seiten einen Strich durch die Rechnung.

Verstehen kann sie das nicht: „Wir sind kein körpernaher Berufszweig. Aber was sollen wir noch tun? Wenn ich dagegen den Profisport sehe, diese Handballer zum Beispiel, wie die sich ständig umarmen. Oder beim Besuch im Supermarkt. Da werden so viele Dinge angefasst und wieder weggelegt, da treffen sich Bekannte und Freunde, bleiben in den Gängen stehen und unterhalten sich. Außer Mundschutz gibt’s keine Kontrolle, und Schlangen vor den Supermärkten hab’ ich auch noch nicht gesehen. Man kann da sogar inzwischen Schuhe und Bekleidung kaufen. Da macht man sich doch so seine Gedanken. Und die Kleinen lässt man kaputtgehen.“

Das Argument, wer derzeit denn schon Sonnenbräune brauche, lässt sie nicht gelten: „Die Leute sind depressiv geworden, denen fehlen Licht und Vitamin D. Dieses klassische Sonnenstudio-Gesicht, das man dringend haben muss, das ist seit Jahren schon nicht mehr der Grund, warum die Menschen ins Sonnenstudio gehen. Das ist nur ein Nebeneffekt, die Menschen kommen wegen der Entspannung.“

Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt. Für Elke Meyer und alle anderen, die in diesem Berufszweig arbeiten, ruht sie nun auf Mitte Februar. „Sonst wird das echt eng. Die Schließung der Sonnenstudios ist nicht nachvollziehbar, weil das Team und die Kunden völlig kontaktlos sind. Wir fassen doch niemanden an!“

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