"Wenn Menschen glücklich sind, bin ich es auch"

Täglich ist Pietro Murrone mit seinem Eiswagen unterwegs – von der Mittagszeit bis zum Abend.

Lüdenscheid - Täglich ist Pietro Murrone mit seinem Eiswagen unterwegs – von der Mittagszeit bis zum Abend. Mal steht er auf Firmenparkplätzen, mal in Wohngebieten oder vor Spielplätzen. Obwohl er viele Stammkunden hat, gleicht kein Tag dem anderen.

Von Manuel Klötzer

Ein sonniger Mittag in einem Gewerbegebiet am Stadtrand. Überall scheinen die Menschen zu arbeiten – dann durchdringt ein Klingeln die Stille: Pietro Murrone fährt mit seinem Eiswagen vor – ein orangener VW, Baujahr 1980. Eine richtige kleine Eisdiele hat er in seinem Wagen.

„Jetzt zur Mittagszeit fahre ich zu einigen Firmen, denn viele essen zur Pause gern ein Eis“, sagt der 51-Jährige, während er den Klingelknopf neben seinem Lenkrad drückt. „Klingeln und warten“, so beschreibt er diesen Vorgang. Diesmal wartet er vergeblich: „Es ist Urlaubszeit, da sind viele nicht bei der Arbeit.“ Auch vom Wetter sei seine Arbeit abhängig, bei Regen bekomme er schon mal einen Tag frei. „Sonst fahre ich von März bis September täglich die fast gleiche Route. Die Menschen rechnen mit mir.“ Zur Ruhe kommt er erst im Winter, dann will er ein paar Monate in Italien verbringen.

Die Rezeptionistin informiert: "Der Eiswagen ist da"

Das nächste Ziel heute: Ein Industriebetrieb an der Nottebohmstraße. Kaum fährt er auf den Firmenparkplatz, ertönt im ganzen Gebäude eine Frauenstimme: „Der Eiswagen ist da“, informiert die Rezeptionistin die Mitarbeiter. Männer und Frauen strömen aus dem Gebäude, Butterbrote werden ausgepackt. Und dann verkauft Pietro Murrone seine erste Eiskugel an diesem Tag: Ein junger Mann nimmt eine Kugel Vanille, legt 80 Cent auf die Theke. Der große Ansturm auf den Eiswagen bleibt aus: „Die Eisesser sind alle im Urlaub.“

Bis zu 100 Kilometer legt er täglich mit dem Eiswagen zurück. Wichtigstes Instrument: Der Klingelknopf neben seinem Lenkrad.

Seine gute Laune lässt sich der Italiener trotzdem nicht verderben, singt zur Musik im Radio, lächelt: „Diesen Beruf kannst du nur mit viel Leidenschaft machen. Ich verkaufe jeden Tag leckeres Eis –und die Menschen freuen sich immer, wenn ich komme.“ Das Eis sei für ihn wie eine Visitenkarte seiner Heimat, sagt Pietro Murrone mit seinem typischen italienischem Dialekt. Die Heimat musste er im vergangenen Jahr verlassen. Schuld sei die Wirtschaftskrise, erzählt er, aber in Deutschland habe er mit seiner Frau eine zweite Heimat gefunden.

Der Geruch von Erdbeeren erfüllt den engen Wagen

Währenddessen lenkt er den Wagen auf einen großen Firmenparkplatz – ein Betrieb aus der Automobilbranche. „Der Chef isst hier manchmal ein Eis.“ Wenig später wird klar: Der Chef isst auch heute ein Eis. Ein paar Meter weiter springt ein Mann aus einem Lkw-Anhänger. Seine Kleidung ist von Öl verschmiert, er rennt ins Gebäude: Geld holen. Immer mehr Männer kommen angelaufen, auf dem Hof hört man Rufe: „Auch ein Eis?“ – „Ja, sicher!“ Der Eismann ist jetzt in seinem Element, baut Eisbecher, -hörnchen, Spaghettieis – der Geruch von Erdbeeren erfüllt den engen Wagen. „Arrivederci, Signore!“, ruft der Italiener, schließt die Schiebetür und fährt vom Platz. „So viel habe ich hier noch nie verkauft!“, freut er sich anschließend.

Stammkundin Ute Jansen freut sich über das echte italienische Eis von Pietro Murrone.

Einfach sei es nicht, jeden Tag Gewinn zu machen. Vom Mittag an ist er bis 21 Uhr unterwegs, hinzu kommt jeweils eine halbe Stunde Vor- und Nachbereitung. In der Hueckstraße wieder das bekannte Spiel: klingeln und warten. Ein paar Kunden kommen, eine Straße weiter klingelt er erneut. Heike, eine Stammkundin, bestellt „wie immer“ – ein Spaghettieis. „Die Deutschen essen gerne Eis: Im Radio zum Beispiel wird ständig davon gesprochen“, ist sich der leidenschaftliche Eisverkäufer sicher. Als er wenig später in eine Nebenstraße im Neubaugebiet fährt, müsste er die Klingel eigentlich nicht betätigen.

Die Kinder lassen sofort von ihrem Spiel ab, ein Junge fährt dem Eiswagen hinterher. Am Ende der Straße hält Pietro Murrone an und wartet: „Die Kinder müssen erst noch Geld holen.“ Ein kleiner Junge reicht dem Mann eine Münze auf den Tresen. Die traurige Erkenntnis: 50 Cent reichen nicht aus für eine Kugel. Wenig später kommt das Kind nochmal angerannt, diesmal reicht es.

Kinder sind gern gesehene Gäste

Ein paar Straßen weiter wird wieder geklingelt und gewartet. Zwei Jungen stehen auf der Straße, kommen aber nicht zum Eiswagen. Schließlich fragt einer von ihnen: „Wann kommst du denn zu uns?“ Ein bisschen Smalltalk, dann geht es weiter. „Die Zwillinge wohnen am Vogelberg, die kommen öfters.“ Viele der Kinder kennt Pietro Murrone mit Namen, ein Vorbild will er für sie sein: „Ich bin zu jedem freundlich und immer gut gelaunt.“

Lange Schlangen bilden sich vor allem an den Spielplätzen, wenn der auffällige Eiswagen vorfährt.

In einer kleinen Nebenstraße steht „Brad Pitt“ am Fenster. So nennt der Eisverkäufer den jungen Mann, der schließlich mit Frau, Kind und Hund vor dem Eiswagen steht. „Hundekunden“ nennt der Eisverkäufer die Tiere, für die er stets eine Waffel übrig hat. Das Kind sieht verängstigt aus. „Klar, sie sieht dich ja immer nur halb!“, ruft „Brad Pitt“ dem Mann im Eiswagen zu. Dieser steigt aus, schüttelt dem Kind die Hand – das Mädchen lächelt. Seit mehr als zwei Stunden ist Pietro Murrone mittlerweile unterwegs, aber noch immer bestens gelaunt. Immer wieder heißt es „klingeln und warten“, aber hier in den Wohngebieten hat er mehr Erfolg als zuvor auf den Firmenparkplätzen.

Viele Stammkunden

Viele Stammkunden trifft Pietro Murrone heute auf seiner Tour. „Einige waren schon als Kinder bei Giovanni, und heute kommen sie mit ihren Kindern zu mir“, sagt Pietro Murrone. Giovanni Di Natale war sein Vorgänger, das Eis macht er noch heute. „Echt italienisch“, darauf legt er großen Wert. Am beliebtesten sind Vanille, Schoko und Stracciatella. „Das beste Eis in Lüdenscheid“, findet Stammkunde Walter Vater.

Sofia (5) kann es kaum erwarten, ihre Kugel Schokoeis endlich in der Hand zu halten.

Zwischendurch ruft ein weiterer Kunde an, er möchte Pietro Murrone für eine Veranstaltung buchen. Auch das kommt vor: Wandertage, Vereinsfeiern, die Feuerwehr – Eis ist beliebt. „Oft rettet mir das den Tag“, so Pietro Murrone. Aber heute sei ein guter Tag, sagt er, während er die Straßen am Vogelberg abgrast. 80 bis 100 Kilometer seien das schon am Tag. Unterdessen tauchen die Zwillinge von eben auf, auch heute essen sie ein Eis. Immer wieder wird es laut in den kleinen Nebenstraßen, wenn der Eiswagen vorfährt. Der Eismann „klingelt und wartet“. Die Kinder holen Geld, oft stehen sie schon an der Straße und erwarten ihn.

Am Nachmittag geht's auch zu den Spielplätzen

Am Nachmittag führt die Tour auch zu den Spielplätzen. Wieder betätigt Pietro Murrone die Klingel an seinem Auto, lange warten muss er selten. In Geveldorf hält er direkt am Eingang des Spielplatzes, schon von weitem hört man Geschrei, eine Horde Kinder kommt angerannt. Etwas später kommen noch einige Mütter hinzu, kramen in den Taschen nach Geld. Geduldig warten die Jungen und Mädchen in der Schlange. Die meisten können nicht mal über den Tresen schauen. Unterdessen laufen immer mehr Kinder auf den Eiswagen zu, für den Verkäufer scheint es sich zu lohnen. „Über die Kinder freue ich mich immer am meisten: Es ist wunderbar, wie man ihnen die Freude ansehen kann“, sagt der Eismann. Etwas schwierig sei es nur, sich all die Namen zu merken. „Das Eis ist wie die Musik: International, grenzenlos – das versteht jeder.“ Vielsprachig ist der Eismann trotzdem: Deutsch, Italienisch, Spanisch, Englisch, auch ein bisschen Türkisch – Sprachprobleme gibt es keine.

Nächstes Ziel: der Betriebshof der MVG

Ganz andere Probleme zeigen sich indes wieder ein paar Straßen weiter. Stammkundin Angela Baumers kann sich nicht entscheiden: „Es schmeckt alles supergut!“ Noch ein paar nette Worte gewechselt, und schon geht es weiter. Nächstes Ziel: der Betriebshof der MVG. Zwischen Bussen und Wartehallen fällt der orangene VW-Bulli auf. Sein Fahrer klingelt wieder – und wartet. Männer und Frauen in Uniformen kommen angelaufen. Auch hier ist Pietro Murrone ein gern gesehener Gast. Seinen Eiswagen vergleicht er mit einem Magneten: Sobald er anhält, zieht er die Menschen an – wenn sie nicht gerade im Urlaub sind.

Einige Orte hat er noch vor sich an diesem Tag, aber von Müdigkeit ist nichts zu spüren. „Jeder Tag ist bei mir anders, aber am Ende des Tages geht es mir nicht nur um die Einnahmen“, sagt der 51-Jährige: „Wenn die Menschen glücklich sind, dann bin ich auch glücklich.“

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