Zweistellige Minusgrade

Eiskratzen, Stürze, Bananen wärmen: Leben in der Tiefkühltruhe im MK

Eis Lüdenscheid Suyum Büberci Winter
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Das Freikratzen der vereisten Scheiben gehört für viele Autofahrer derzeit dazu – auch für Suyum Büberci.

Vereiste Scheiben, streikende Auto-Batterien, zugefrorene Schlösser – der Winter hat die Bergstadt weiterhin fest im Griff. Doch nicht nur Autofahrern bereitete die klirrende Kälte Probleme.

Lüdenscheid – Kämpfte man zuletzt vor allem gegen die Schneemassen, ist es jetzt die klirrende Kälte, die für Probleme sorgt. Bei zweistelligen Minusgraden gerät so manches aus dem Tritt, läuft vieles anders als gewohnt:

Wochenmarkt

In normalen Zeiten stehen auf dem Rathausplatz am Mittwoch und Samstag die Händler mit ihren Wagen dicht gedrängt nebeneinander. Doch diesen Mittwoch bot sich ein eher tristes Bild. Der Marktplatz war zwar nicht leer gefegt, aber viele Stammhändler fehlten. Rudi Stein war hingegen vor Ort – und hatte dabei trotz der eisigen Witterungsbedingungen einen warmen Arbeitsplatz. Der Hähnchenverkäufer von Geflügel Motzkuhn nimmt dabei wöchentlich eine lange Anfahrt von mehr als 70 Kilometern aus Neunkirchen in Kauf. Trotz des Frost-Wetters hatte er keine Probleme bei der Anfahrt. „Alles ist gut verlaufen. Ich habe in meinen 38 Jahren auf dem Markt schon ganz andere Situationen erlebt. Zumindest ist mir an meinem Arbeitsplatz richtig warm. Im Sommer muss ich dafür häufiger leiden“, scherzt Stein.

Seit 38 Jahren ist Rudi Stein als Hähnchenverkäufer auf Wochenmärkten unterwegs. An kalten Wintertagen freut er sich, dass ihn die Hähnchen in seinem Wagen wärmen. „Dafür schwitze ich im Sommer ordentlich.“

Mit Startproblemen hatten die Mitarbeiter des Gemüsehändlers Petrus Diril zu kämpfen. Der Anhänger war eingefroren, mithilfe eines Bunsenbrenners wurde der Frost bekämpft – mit gutem Ausgang. Der Wagen war rechtzeitig aus Werl vor Ort. Auch für ihre Produkte müssen bei den Temperaturen extra Vorkehrungen unternommen werden. „Die Bananen müssen wir wärmen. Sie sind sehr kälteempfindlich“, sagt Juniorchef Josef Diril und erklärt damit den extra aufgestellten Heizstrahler bei den eingepackten Bananen.

Wohnungslose

Für Menschen ohne festen Wohnsitz könnten die eisigen Temperaturen ein besonderes Problem werden. „Wir nehmen jeden auf, der einen Platz benötigt“, machte Stadtsprecher Sven Prillwitz auf Anfrage deutlich. Derzeit seien 33 wohnungslose Personen in städtischen Unterkünften untergebracht: 26 Männer schlafen derzeit in der Obdachlosenunterkunft an der Kalve, sieben Frauen hätten einen Platz an der Gartenstraße. Und: Zwei weitere Personen hätten sich bereits angekündigt. „Die etwa 40 Plätze in den städtischen Unterkünften sind damit noch nicht ganz belegt“, ergänzt Prillwitz und verweist darauf, dass sich die Zahlen nicht erheblich von denen der Vorjahre unterscheiden.

Darüber hinaus gebe es aber auch etwa zehn Menschen, die komplett ohne Obdach seien und aus den unterschiedlichsten Gründen nicht in eine Notunterkunft möchten, weiß Caritas-Direktor Stefan Hesse. „Zu ihnen halten wir Kontakt und sie bekommen von uns das, was sie brauchen“, nennt er unter anderem Schlafsäcke und warme Kleidung. Erstmals sei auch ein so genannter Sheltersuit, ein multifunktionaler und wasserabweisender Overall für Obdachlose, angeschafft und ausgegeben worden. „Den wollen wir mal testen.“ Neben dem Tagesangebot bei der Caritas gibt es seit Ende vergangenen Jahres zudem das Hilfsangebot „Alles. Und Suppe“, bei dem die Räume des Alternative Jugendzentrum Lüdenscheid (AJZ) in den Nachmittags- und Abendstunden sowie am Wochenende als „Wärmestube“ genutzt werden können. Zudem erhalten Obdachlose dort eine warme Mahlzeit am Tag und bei Bedarf warme Kleidung. „Das funktioniert gut und wird gut angenommen“, wissen Prillwitz und Hesse.

Feuerwehr/Polizei

Während die Feuerwehr Lüdenscheid wenig Einsätze aufgrund der extremen Wetterlage fahren musste, hatte die Polizei deutlich mehr zu tun. Laut Aussage eines Feuerwehrsprechers habe es lediglich zehn bis 15 Einsätze kleinerer Art gegeben. „Da ging es meistens um umgestürzte Bäume“, sagte er.

Dietmar Boronowski, Pressesprecher der Polizei MK, zog eine zufriedenstellende Bilanz. „Wir hatten seit Samstag 21 Uhr bis Mittwoch 16.45 Uhr insgesamt 121 Einsätze.“

42 dieser Einsätze seien Unfälle mit Sachschaden gewesen. Zu 57 Einsätzen seien die Beamten ausgerückt, da Gefahrenstellen im Straßenverkehr gemeldet wurden. 22 weitere Einsätze fielen unter die Kategorie „Sonstige“, wie Boronowski sagt, der einen Einsatz besonders hervorhebt: „Die Kollegen wurden gerufen, weil sich Jugendliche nach dem ersten Schneefall eine Schneeballschlacht lieferten. Den Einsatz haben die Kollegen mit einem Augenzwinkern bearbeitet“, sagt der Polizeisprecher. Generell sei Boronowski mit dieser Bilanz zufrieden. „Ich kann da wirklich nur ein Lob an die Bürgerinnen und Bürger aussprechen, die offensichtlich keine unnötigen Fahrten auf sich genommen haben und sich vorbildlich verhalten haben.“

Bus und Bahn

Der Betrieb der Märkischen Verkehrsgesellschaft (MVG) ist am Mittwoch wieder aufgenommen worden. Das teilte MVG-Sprecher Jochen Sulies mit. „An der einen oder anderen Stelle kann es vielleicht noch zu Verspätungen kommen und vielleicht müssen die Fahrgäste auch mal auf die Fahrbahn gehen, um in den Bus einzusteigen“, sagte Sulies. Im Großen und Ganzen sei der Busverkehr aber wieder in Fahrt.

Weniger auskunftsfreudig zeigte sich die Deutsche Bahn. Klar ist aber: Wer mit der Bahn fahren wollte, musste sich auf Ausfälle auf den Strecken der RB25 und RB52 einstellen. Immer wieder fielen die Züge zwischen Dortmund und Lüdenscheid und Lüdenscheid und Köln aus. Auf der Internetseite der Bahn ist folgender Hinweis zu lesen gewesen: „Bitte beachten Sie, dass aufgrund des extremen Unwetters auch am Mittwoch mit Beeinträchtigungen im Zugverkehr gerechnet werden muss. Informieren Sie sich kurz vor der Fahrt über Ihren Zug.“

Abfallentsorgung

Schnee und Frost bereiteten in diesen Tagen auch dem STL Probleme. Neben vereisten Fenstern, Türen und eingefrorener Elektronik an den Fahrzeugen frieren auch die Deckel sowie die Inhalte in der Tonne fest. Gerade beim Bio-Abfall komme es dann vor, dass dieser nicht aus der Tonne rutscht. „Hier kann man vorbeugen, indem man die Tonne mit Papier oder Pappe auslegt oder recyclebare Beutel verwendet“, weiß Andreas Fritz, stellvertretender Werkleiter. Solche Beutel seien auch beim Recyclinghof erhältlich.

Zugefrorene Deckel und festgefrorener Abfall gehören bei solchen Minusgraden zur Arbeit des STL.

Natürlich könnte man im Vorfeld der Leerung auch versuchen, den Inhalt mit einem Besenstiel zu lösen, laufe dabei aber gleichzeitig Gefahr, die Kunststoff-Tonne zu beschädigen. Tonnen, die in dieser Woche nicht geleert wurden, sollen in der kommenden Woche erneut an die Straße gestellt werden – unabhängig vom Abhol-Rhythmus. „Da planen wir Sondertouren.“

Wasserleitungen

Um Frostschäden bei Wasserleitungen und damit verbundene teure Reparaturkosten zu vermeiden, sollten auch Hauseigentümer einige Regeln beachten. Darauf weist der regionale Netzbetreiber „Enervie Vernetzt“ hin: So sollten in Kellerräumen mit Wasserleitungen oder -zählern alle Fenster und Außentüren geschlossen bleiben und die Rohre und Zähler bei Bedarf mit Isoliermaterial geschützt werden. Wasserleitungen im Außenbereich sowie in ungeheizten Garagen oder Außenwänden des Hauses sollten zeitig vor Frosteinbrüchen entwässert werden.

Heizung

Bei der Programmierung der Erdgasheizung sollte die Einstellung so gewählt werden, dass bei längerer Abwesenheit der Bewohner und Minustemperaturen keine Heizkörper einfrieren können. Sollte dennoch ein Frostschaden aufgetreten, rät „Enervie Vernetzt“ den Hausbesitzern, nicht selbst aktiv zu werden, sondern Fachleute zu kontaktieren.

Talsperren

Durch den anhaltenden Frost haben sich auch auf den Vorbecken der Talsperren im Sauerland Eisflächen gebildet, die sich weiter ausdehnen werden. Der Ruhrverband weist daher ausdrücklich darauf hin, dass das Betreten der Eisflächen ebenso wie das Schlittschuhlaufen auf den Talsperren lebensgefährlich und verboten ist. Gerade dort sei die Gefahr besonders groß, dass die Eisfläche aufgrund des schwankenden Wasserspiegels immer wieder aufbreche.

Klinikum

Klinikumsprecher Dr. Norbert Jacobs berichtet von 50 witterungsbedingten Fällen im Klinikum. Allein am Montag habe es 17 Patienten gegeben, die beispielsweise mit Platzwunden, Rippenfrakturen oder anderen Verletzungen eingeliefert worden seien. Als Ursachen gab Jacobs beispielsweise ein Schleudertrauma nach einem Verkehrsunfall, oder Treppenstürze an.

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